Ich habe einen Traum Emel Mathlouthi

"Der Arabische Frühling war der größte Traum meines Lebens"
© Matthew Tammaro
ZEITmagazin Nr. 30/2017

In meinen Träumen geht es immer wieder um Wasser. Manchmal schwimme ich darin, manchmal sitze ich einfach nur am Ufer und blicke hinaus auf ein mir unbekanntes Meer.

Vermutlich symbolisiert das Wasser irgendetwas in meinem Leben. Nur was? Vielleicht, dass ich immer unterwegs bin?

Mir sind Träume lieber, in denen ich verstehe, was geschieht. So wie vor einer Weile, als ich von meiner Familie träumte: Alle meine Verwandten und Freunde waren da, meine Großmutter, meine Eltern und viele neue Freunde aus Amerika. Da vermischte sich mein neues amerikanisches Leben mit meinem alten tunesischen Leben. Der Traum spielte im Landhaus meiner Großmutter, und das ist riesengroß. Es war ein merkwürdiges Gefühl, dass da meine Gegenwart und meine Vergangenheit aufeinanderprallten. Auch die Verwandten meines amerikanischen Ehemannes waren da. Ich spazierte zwischen den Menschen herum, sprach mit keinem von ihnen und dachte über mein Leben nach. Irgendwann ging mir auf, dass die mich gar nicht bemerkten. Ich versuchte, mit aller Macht auf mich aufmerksam zu machen, aber das klappte nicht.

Ich fühlte mich auf einmal einsam, zwischen zwei Welten. Vor fast zehn Jahren musste ich mein Heimatland Tunesien verlassen, nachdem meine Musik dort verboten worden war. Seitdem bin ich eine Reisende.

Ich war zehn, als mir klar wurde, dass ich Sängerin werden will. Meine Eltern waren davon nicht begeistert, welche Eltern wären das schon? Mit achtzehn machte ich dann Ernst. Freunde hatten mir gesagt: Träum nicht bloß davon, mach es einfach! Ich sang dann über Themen, die der tunesischen Regierung nicht passten, und natürlich hatten meine Eltern Angst um mich.

Ich war Ende 2010 gerade für einige Konzerte nach Tunesien zurückgekehrt, als sich dort der verzweifelte junge Obsthändler Mohamed Bouazizi öffentlich verbrannte. Vor dem Konzert, das ich ein paar Stunden später gab, wurde ich bedrängt, bloß nicht meine politischen Lieder zu singen. Natürlich ignorierte ich das.

Der Arabische Frühling war der größte Traum meines Lebens. Die Menschen begannen, endlich ihre Träume von Freiheit zu leben. Warum ich damals in Tunesien nie Angst hatte, ist mir eigentlich selbst ein Rätsel. Manchmal denke ich, dass ich in dieser Hinsicht eine Art Defekt habe. Ich bin immer wieder gewarnt und bedroht worden, bestimmte Lieder nicht öffentlich zu singen. Aber irgendwie hat mich das nie beeindruckt.

Ich glaube wirklich, dass Musik die Welt verändern kann. In Tunesien hat Musik ganz sicher geholfen, etwas anzuschieben. In der Zeit nach Mohamed Bouazizis Selbstmord hatte ich das Gefühl, dass sich in Tunesien etwas änderte. Es war ein Anfang.

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Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Westerwelle als Beweis einer links/grünen Träumerei anzuführen ich reichlich obszön. War es dann eine rechts/liberale Träumerei?

Ich denke, dass viele Menschen in den arabischen Ländern und als Zaungäste in Europa gehofft haben, dass ein friedlicher Wandel möglich ist, auch wenn er schwierig ist.

Autoritäres Denken und Handeln von Machthabern wie Assad oder dann gewählten Präsidenten wie Mursi haben dem Traum rasch ein Ende gesetzt. Assad hat gezielt auf friedliche Demonstranten schießen lassen. Mursi wollte um jeden Preis die Islamisierung und hat so den Generälen die Chance auf ein Comeback gegeben.

Die Ruhe nach dem Sturm ist leider wieder nur die Ruhe vor dem Sturm.