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Hochzeit Komm, Schatz, wir lassen uns scheiden

Im Sommer heiraten viele Menschen, aber ist das überhaupt eine gute Idee? Nein: Die Ehe ist eine einzige Ernüchterung, auch schon vor der Hochzeit. Von

Es war vor ein paar Wochen, an einem Sonntagabend, nach einem herrlich langsamen und wohlig warmen Wochenende. Während wir ineinander verknotet auf unserem blau-weiß gestreiften Sofa saßen und ich dir die Haare aus der Stirn strich, sagte ich zu dir: "Komm, wir lassen uns heimlich scheiden." Und: "Es muss auch niemand erfahren."

Ich habe diese Sätze nicht gesagt, weil ich unglücklich mit dir war oder über eine Trennung nachdachte. Es gibt niemanden, mit dem ich mein Leben lieber teile. Ich habe diese Sätze gesagt, weil ich gerade an diesem Sonntagabend so glücklich mit dir war. Und weil ich, auch nach drei Jahren Ehe, das Gefühl nicht loswerde, einen Fehler gemacht zu haben. Heiraten, so meine Erkenntnis mit etwas Abstand, ist nicht nur überflüssig, sondern total bekloppt.

Heiraten ändert nämlich nichts. Wirklich gar nichts. Nichts wird besser, schöner, sicherer. Im Gespräch mit sehr erwachsenen Menschen heißt es oft, man fühle sich vor allem sicherer. Stärker verbunden. Das sagen vor allem Frauen. Aber das stimmt nicht. Verbundenheit ist ein Gefühl, das sich schon vor der Heirat eingestellt haben sollte, sonst käme man ja auch gar nicht erst auf die dämliche Idee mit der Hochzeit. Vorausgesetzt, man heiratet aus Liebe. Aber genau darum soll es hier ja gehen.

Die Gefühle bleiben, verheiratet oder nicht, tatsächlich dieselben, genau wie der Alltag als Paar, der mal sehr einfach und mal sehr anstrengend ist, weil Beziehungen nun mal genauso sind und trotz sehr viel Liebe sehr viel Arbeit kosten. Ich zum Beispiel liebe dich seit diesem Schritt vor drei Jahren nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es gibt keine höheren Erwartungen und auch kein größeres Verlangen. Du bist du, und ich bin ich geblieben. Und wir sind eben ein Paar, das gern zusammen ist. Aber wir haben jetzt eine Urkunde irgendwo im Bücherregal liegen, tragen goldene Ringe an der linken Hand mit dem Namen des anderen eingraviert und sagen in Unterhaltungen "meine Frau" oder "mein Mann". Dafür schäme ich mich jedes Mal. Manchmal sage ich deshalb "mein Freund" oder nenne deinen Vornamen. Du gehörst mir ja nicht. Genauso wenig will ich dir gehören. "Mein Mann", das klingt nach Zwang und Besitzansprüchen, die wir, geboren in den achtziger Jahren, weder stellen müssen, noch stellen sollten. Wir gehören doch zur Generation Y, den Unentschiedenen, Freien, zu den Weltbürgern, den Grenzenlosen.

Warum heiraten wir also trotzdem? Eignen uns Rituale an, die nichts mit der Gegenwart, aber sehr viel mit schwarz-weißer Vergangenheit zu tun haben? Spielen Filmszenen nach und werden zu Schauspielern, die versuchen, einer Rolle gerecht zu werden, die uns nicht ganz passen will? Warum glauben wir an diese Märchen?

Das Schlimme am Heiraten ist ja nicht nur die Ernüchterung danach, sondern der Weg dorthin, der Antrag, die Hochzeit. Da verfallen plötzlich junge Paare, Verwandte, Freunde, Bekannte, die bewusst in gleichberechtigten Beziehungen leben, in altmodisches, wertkonservatives Verhalten. Sie drängt ihn zur Verlobung. Er sucht verzweifelt nach einem diamantenbesetzten Ring, der zu ihr passt, nach dem perfekten Ort und dem perfekten Moment. Muss niederknien, den ersten Schritt allein wagen, obwohl sie Entscheidungen immer zu zweit gefällt haben. Sie soll Ja sagen, ein bisschen weinen und den Ring stolz ihren Freundinnen präsentieren, als hätte sie beim Spiel des Lebens endlich gewonnen.

So werden wir und unsere Freunde plötzlich zu Menschen, die wir vor ein paar Jahren noch für ihr Traditionsbewusstsein bemitleidet hätten. Trauzeugen organisieren Junggesellenabschiede, als stünde tatsächlich das Ende der Freiheit bevor. Frauen, die Zuckerwattekitsch grundsätzlich ablehnen, planen plötzlich Hochzeiten auf Schlössern, Burgen und in Herrenhäusern auf dem Land, oft auch in Brandenburg, obwohl sie sich das restliche Jahr nicht in den Osten trauen. Die Bräute tragen Kleider, in denen sie unter Tüllbergen verschwinden und sich in eindimensionale Cinderellas verwandeln. Sie bitten ihre Väter, sie zum Standesamt oder, schlimmer noch, zum Altar zu führen, weil sie das mal im Fernsehen gesehen haben. Übrigens die ekelhafteste Geste von allen, weil sich diese Frauen, die sonst sehr klug und unabhängig, frei und mutig sind, zugunsten dieses sinnlosen Rituals freiwillig auf ihr Geschlecht reduzieren lassen und auf ihre vermeintliche Schwäche.

Ich hatte meinen Körper bereits verlassen

Ich bin an diesem Fest, das das schönste meines Lebens werden sollte, gescheitert. Es war schrecklich. Am schlimmsten war die Stunde im Standesamt. Fünfzig Augenpaare im Rücken und vor uns eine Standesbeamtin, die in ihrer Lustlosigkeit daran erinnerte, wie das Leben im Westdeutschland der fünfziger Jahre gewesen sein muss. Als sie uns die entscheidende Frage stellte, hatte ich meinen Körper schon verlassen. Stand neben mir und beobachtete dich und mich, wie zwei Unbekannte. Wie zwei Menschen in einem sehr alten Theaterstück, die sich nicht sicher über ihren Einsatz waren und darauf hofften, dass, wenn sie nur lange genug stillhielten, das Stück irgendwie ein Ende finden würde. Erst sagte ich Ja, dann du. Wir küssten uns. Und mir war schlecht.

Das Lied, das wir uns ausgesucht hatten – Did I Remember von Billie Holiday – und das nach der Trauung laut gespielt werden sollte, war kaum zu hören, weil eines der Kinder vorher an der Anlage gespielt hatte. An den Rest des Tages kann ich mich kaum erinnern. Ich war überfordert. Überfordert von den vielen Menschen, die mich umarmten und anfassten, überfordert von der irren Freude, die über mir ausgeschüttet wurde und die keinen Platz für meine eigene ließ. Überfordert von den einstudierten Gesprächen und endlosen Bildern, dem Zwang, lachen und sehr froh aussehen zu müssen. Und vor allem überfordert von meiner eigenen Unfähigkeit auszubrechen, zu checken, dass das ja unsere Hochzeit war, die wir geplant hatten und während der sich jetzt nichts mehr so anfühlte, wie wir uns das vorgestellt hatten.

Heiraten bedeutet für Frauen in Deutschland, sich klein zu machen.

Das sind die subjektiven und emotionalen Gründe. Hinzu kommen eine Menge objektiver und praktischer Gründe, die gegen das Heiraten sprechen. Heiraten bedeutet für Frauen in Deutschland: sich klein zu machen. Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums haben 19 Prozent der verheirateten Frauen zwischen 30 und 50 kein eigenes Einkommen, 63 Prozent verdienen weniger als tausend Euro netto im Monat. Die Ehe fördert, so auch das Fazit der Studie, in sehr vielen Fällen die materielle Abhängigkeit einer Frau von ihrem Mann und bedroht bei einer Scheidung ihre Existenz. In Deutschland ist das ein wahrscheinliches Szenario: Etwa jede dritte Ehe wird geschieden, und Unterhaltszahlungen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Seit 2008 gilt das Prinzip der Eigenverantwortung. Was natürlich Wahnsinn ist, wenn man bedenkt, dass das Gesetz die Familie schützt und Hausfrauen belohnt, die jahrelang für die Familie auf ein eigenes Einkommen verzichtet haben, aber im mittleren Alter plötzlich von Frauen finanzielle Unabhängigkeit verlangt.

Auch die Sache mit den steuerlichen Vorteilen ist totaler Mist. Bevorzugt werden nämlich nur verheiratete Paare mit einem Hauptverdiener. Das ist in der Regel der Mann, und der profitiert tatsächlich nur dann, wenn die Frau nichts oder sehr wenig verdient. Heißt: Je geringer die Verdienstunterschiede, desto geringer die Steuerersparnis. Frauen trifft also bei voller Berufstätigkeit die echte Steuerlast. Was noch einmal verdeutlicht, wie die praktische Lebenswirklichkeit von Frauen in Deutschland aussieht. Schuld an diesem Zustand ist das superdeutsche "Ehegattensplitting" – ein Relikt aus dem Jahr 1958, das sich nicht so leicht kippen lässt, weil es vom Verfassungsgericht festgesetzt wurde.

Das Ehegattensplitting gehört endlich abgeschafft. Stattdessen müsste es echte Anreize fürs Heiraten geben. Solche, die dazu führen, dass Paare in gleichberechtigten Beziehungen Ja sagen wollen und dem Staat freiwillig Verantwortung abnehmen. Ein Anreiz könnte sein, dass die Ehe endlich keinen Wert mehr darstellt, sondern ein Bündnis im politischen Sinn, bei dem beide Seiten Kompromisse eingehen zugunsten eines besseren gemeinsamen Lebens, in dem jeder dieselben Chancen hat, dieselben Freiheiten und Pflichten genießt und im Fall des Scheiterns aufgefangen wird.

Bis es so weit ist, plädiere ich für ein Fest der Liebe ohne Verpflichtungen und ohne Versprechen. Wir zelebrieren Geburts- und Feiertage, Weihnachten, Chanukka oder das Ende des Ramadan, aber nie die Liebe zwischen zwei Menschen. Valentinstag gilt nicht! Jeder weiß, dass das eine Erfindung des Kapitalismus ist. Nein, ein Fest, das zwei Menschen kurz innehalten und sagen lässt: Leben mit dir ist großartig. Du machst mich froh. Ein Fest ohne Tüll, Torten, Ringe, Prinzen und Prinzessinnen. Ein Fest beim Abendessen. Morgen. Zu Hause.

Kommentare

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Naja, was hat unsere Hochzeit geändert?
Sicht aus der Schweiz
Wir mussten bei dem dritten Kind nicht nochmals den ganzen Vaterschafts- und Sorgerechtsquatsch machen.
Wir bekamen mehr Sicherheit, wenn jemand von uns beiden sterben würde, d.h. Haus und Versicherung/ Rente.
Ich habe Dokumente, die meine Vaterschaft so belegen, dass auch ein dummer Zöllner draus kommt.

Aber Romantik? Nö
Die Hochzeit ist ein staatlicher Verwaltungsakt
Bin ja eh kein Romantiker, aber dass mir der Staat positive Gefühle hervorrufen kann, wäre neu.
Ich sehe auch keinen Grund für ein Fest nach einem Verwaltungsakt, mache auch keins, wenn ich meinen Pass erneuere

So haben wir es kurz gehalten, unsere Trauung dauerte fünf Minuten, wir hatten zwei Trauzeuginnen dabei, die beiden älteren Kinder waren in Kindergarten und Spielgruppe, nach der Trauung gingen wir wieder arbeiten.

Ich hab selten so einen Schwachsinn gelesen. Wenn eine Heirat nichts ändert dann ändert doch eine Scheidung genauso wenig.
Eine Heirat ist ein lebenslanges Versprechen. Es bezeugt einen Entschluss den man fasst, mit ein und dem selben Menschen ein Leben lang alle anfallenden Probleme zu meistern.
Ich denke die Autorin sollte eher versuchen Ihr persönliches Wertesystem in Frage zu stellen anstatt solch einen Schwachsinn zu äussern.
Ich selbst bin 20Jahre verheiratet und selbst für meine Kinder ist das sehr wichtig. Weil Sie viele Freunde haben deren Eltern das nicht sind, mit ständig wechselnden Partnern.
Nur einer unerfahrenen Person können solche Artikel einfallen, immer auf der Suche nach Themen "Hauptsache gegen das Bestehende".

Ich bin selbst verheiratet und kann den Negativismus der Autorin nicht ganz nachvollziehen. Natürlich ist nach der Hochzeit nicht alles rosarot, aber warum sollte es auch? Ich finde durchaus, dass sich mit der Heirat einiges ändert. Es ist ein vorbehaltloses Sich-Zueinander-Bekennen, in guten wie in schlechten Tagen, oder sollte es zumindest sein. Ohne Trauschein ist das Ganze schon beliebiger.

Schlimm gestolpert bin ich allerdings über folgende Passage:
" Heiraten bedeutet für Frauen in Deutschland: sich klein zu machen. Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums haben 19 Prozent der verheirateten Frauen zwischen 30 und 50 kein eigenes Einkommen, 63 Prozent verdienen weniger als tausend Euro netto im Monat."

In der Lesart der Autorin heißt das wohl: Dass 19 % kein eigenes Einkommen haben und viele nur Teilzeit arbeiten, daran ist die Ehe, sind die patriarchalen Strukturen schuld. Hier muss ich reingrätschen, das sehe ich völlig anders. Unterhalten Sie sich doch mal mit diesen Frauen, und Sie werden feststellen, dass der weitaus größte Teil das nicht nur genau so will, sondern die anderen, (Vollzeit) arbeitenden Frauen dafür auch noch belächelt. Es ist halt so: Für viele Frauen ist dieser Plan B (wenn ich einen gutverdienenden Mann habe, muss ich nicht mehr arbeiten) ein absolut legitimer Lebensentwurf. Nicht PC, aber Realität.