© Westend61/Getty Images

Scheidung Lasst euch nicht gleich scheiden!

Im Berliner Prenzlauer Berg laufen den Männern die Frauen davon und den Frauen die Männer. Aber Scheidung ist der falsche Weg: Die Ehe lebt vom Aushalten. Von
Quelle: ZEIT im Osten

Dort, wo einmal der Prenzlauer Berg lag, liegen jetzt die Trümmer, die zerfallenen Reste eines Traums. Das Disneyland bricht auseinander, die Illusion von der glücklichen Prenzlauer-Berg-Familie ist vorbei. An den Rändern der Spielplätze und auf den Wochenmärkten sieht man gedemütigte Männer und gedemütigte Frauen. Denn eine Ehe nach der anderen wird geschieden.

Das Vorbild aller jungen Paare, die Kleinfamilie im Paradies aus weißem Sand, Kastanienbäumen, Kindercafés und joggenden Kinderwagen – sie hat in den letzten beiden Jahren einen wahrhaften reality shock erlitten: Man lebt sich auseinander. Man trennt sich.

In den neunziger Jahren war der Ostteil Berlins die wildeste und verrückteste Welt für Neuankömmlinge und Geldanarchisten von überallher. Wer damals noch illegale Partys in Ruinen schmiss, gründete später, spätestens Anfang der nuller Jahre, eine Kleinfamilie. Und machte Karriere als Grafiker, Designer oder Grafikdesigner. Es entstand ein merkwürdig hermetisch abgeriegelter Raum. Kein städtischer Raum, eher eine gated community der kleinen Zufriedenheit. Bewundernd und auch spottend schaute der Rest des chaotischen Berlins auf diese Ordnung. Der Prenzlauer Berg wurde reicher, gesetzter, friedlicher. Und strahlte ein seltsam uniformes Glück aus. Es war ein neuer Anfang, aber es war auch der Anfang vom Ende. Der Anfang vom Ende des Eheglücks.

Denn das, was am perfektesten wirkt, scheitert oft umso brutaler. Seit Jahren häufen sich schmerzhafte Trennungen im Prenzlauer Berg. Da sitzen Männer, denen die Frauen davongelaufen sind. Und Frauen, denen die Männer davongelaufen sind. Der Prenzlauer Berg ist ein Viertel des Scheidungshedonismus geworden. Ein Viertel der Trennungen, von denen ich glaube, es hätte sie oft nicht gebraucht. Die radikalen Erwartungen an den Lebensentwurf haben einen radikalen Preis gefordert: Ein Kiez befindet sich in der Trennungs-Demütigung.

Ich möchte deshalb schon vorab einen Vorschlag unterbreiten: Ich möchte das Scheidenlassen gerne, wenn nicht verbieten, dann wenigstens erschweren. Ich kann Ihnen auch erklären, warum.

Ein Nachmittag am Kollwitzplatz. Der erste richtige Sommertag des Jahres. Viel zu spät. Und ein Mann dreht auf. Die Scheidung sei das Widerlichste, was einem passieren kann. Diese Frau der Horror, jahrelang habe sie ihn betrogen, mit einem Nazi auch noch. Das kränkt ihn, wir nennen ihn mal Carsten. Carsten, Typ Schlagersänger, auf jeder Anti-Nazi-Demo dabei. Und dann das, die Scheidung. Der ultimative Schlag. Total am Ende ist er, und das seit Wochen. Scheidungen ziehen sich, es fällt ihm schwer, zu arbeiten, sich zu konzentrieren, glücklich zu sein. "Haha, Glück!", ruft er zynisch.

Amerika hat uns gelehrt, dass das Streben nach Glück ein grundlegendes Menschenrecht ist. Wer es nicht findet, kann den Fehler in sich selbst oder in der Welt suchen. Aber viel tragischer ist der, der das Glück findet und dann wieder verliert. Deshalb fühlt sich die Gesellschaft von Scheidungen bedroht und will im Grunde nicht darüber sprechen. Aber wer über die Scheidung nicht sprechen will, der muss auch von der Ehe schweigen.

Wenig Kontrolle über unsere Herzen

Auf dem Weg zur Ehe reden wir über die Liebe und das Glück, aber nachdem die Ringe getauscht sind, sprechen wir ganz altmodisch von Selbstauflösung, Loyalität und harter Arbeit. Können wir tiefe Emotionen permanent fühlen? Natürlich nicht. Wir können uns zwingen, loyal und aufopfernd zu sein, aber wir können uns nicht zwingen, zu lieben. Wir haben sehr wenig Kontrolle über unsere Herzen.

Wenn die Liebe so eine Art Manchester-Kapitalismus ist, dann ist die Ehe die Sozialdemokratie. Die eine ist das Chaos, das erst einmal in geordnete Bahnen gelenkt werden muss. Das andere friert ein. Wenn die Ehe die betäubende Angleichung zweier Immunsysteme ist, was ist dann Scheidung? Ein Allergieschock? Wir machen jedenfalls, wenn eine Beziehung in der Krise ist, keine Pause, die lang genug wäre, um uns fragen zu können, was das Eheversprechen eigentlich bedeutet hat. Wollen wir die Antwort überhaupt wissen?

Stattdessen erzählen wir Geschichten darüber, wie die Liebe durch Entschlossenheit und harte Arbeit erhalten bleibt, angeblich, aber wir glauben unseren Geschichten nicht wirklich. Wenn wir das täten, müssten wir auch arrangierten Ehen zustimmen. In Wirklichkeit sind die modernen Paare, die die Liebe mal verbunden hat und deren Liebe nun schwindet, auf die existenzielle Frage zurückgeworfen: Wenn wir aus Liebe geheiratet haben, was bedeutet es jetzt, ohne Liebe verheiratet zu sein?

Wie wäre es, stattdessen, mit einem Experiment. Einem, das besagt, dass man sich nur alle vier Jahre, im Schaltjahr meinetwegen, scheiden lassen darf. Das hätte den großen Vorteil, das in diesem einen Jahr, in dem Scheidungen möglich wären, viele traurige Menschen untereinander Scheidungserfahrungen austauschen könnten und aus der Ungleichzeitigkeit des Unglücks eine Gleichzeitigkeit entsteht. Scheitern als Chance, das hätte hier wirklich einmal eine Bedeutung. Selbsthilfegruppen, Fernsehshows, alles wäre in diesem Jahr denkbar – im großen Jahr der Scheidungen. Alle anderen Jahre aber können wir nicht einfach bei der kleinsten Gelegenheit davonlaufen.

Und, wie verrückt sind Sie?

Denn sich scheiden zu lassen raubt nicht nur unfassbar viel Energie, es ist auch teuer und gesundheitsschädlich, geht auf Herz und Kreislauf, begünstigt Depressionen. Und es lehrt uns nichts über uns, wir gehen stattdessen unserem Leben aus dem Weg.

Eines, wovor wir am meisten Angst haben, es könnte uns passieren, und dann passiert es uns tatsächlich, das ist: Wir heiraten die Falsche oder den Falschen. Das liegt an vielen verwirrenden Problemen. Zum einen laufen wir nicht mit großen Bewerbungsmappen durch die Straßen und verteilen diese an Fremde. Zum anderen sitzen wir nicht bei einem Dinner und fragen das Gegenüber: "Und, wie verrückt sind Sie?" Das tun wir schon deshalb nicht, weil wir den Fremden sowieso für normaler halten als uns selbst (jedenfalls meistens). In einer ehrlicheren und selbstbewussteren Gesellschaft wäre so eine Frage während eines Dinners oder einer Party gar nicht so schlecht, und bei Marcel Proust dürften sich einige Stellen finden, in denen die Konversation das einlöst. Der eine ist latent hysterisch, die andere hat ein Problem mit ihrer Mutter. Niemand ist perfekt.

Apropos Davonlaufen.

Lina sitzt auf ihrem Balkon, andere Ecke vom Prenzlauer Berg, und rechnet die nächsten Monate durch. Mann ist davongelaufen, ausgezogen. Endlich, einerseits. Mist, andererseits. Ein Gehalt fällt weg, die Wohnung ist riesig, die Lage perfekt. Für eine freie Autorin ist das untragbar. Ihr Fast-Ex-Mann arbeitet in einer großen Werbeagentur. Beide führten eine offene Beziehung, manchmal standen sie auf der gleichen Party mit anderen Sex-Partnern herum und flirteten. Wir hatten sie alle bewundert, scheinbar funktionierte das Konzept. Ganze zehn Jahre! Sie wirkt abgekämpft und enttäuscht. Ich musste das irgendwann beenden, sagt sie, wir hatten mehr eine WG als eine Ehe. Und nun? "Erwachsen und weise zu sein ist furchtbar, kein Wunder, dass Meister Yoda aussieht wie ein kleiner grüner Haufen Mist." Sie lächelt etwas verkrampft, nimmt einen Schluck teuren Weißwein. Deutscher Winzer, schöne Flasche, schöne Gläser. Der Rest sind Scherben. Genauer könne sie das Problem nicht beschreiben. Vielleicht wollte sie mal was kaputt machen. Die Liebe hat den Bus genommen, sagt sie. Und gibt ein Zimmer ihrer Wohnung an Airbnb ab, sie hat es abgestoßen, so wie man sich einen Tumor entfernen lässt.

Wir werden immer den Falschen oder die Falsche heiraten.

Vielleicht, denke ich, ist dies die Wahrheit: Wir werden immer den Falschen oder die Falsche heiraten. Das zu wissen gibt uns einen Pessimismus, der uns das Leben retten kann. Die Möglichkeit des nächsten Partners ist zwar noch da, aber wir können vorher wissen, dass dieser die gleichen Probleme mit sich bringt. Nämlich unsere eigenen. Eine Scheidung, das ist der moderne Folterkeller der Gesellschaft. Oder eine Guillotine, bei der ja auch stets genug Menschen zuschauen.

Der nächste grüne Balkon ist in Berlin-Mitte, alles noch größer, schicker, die Tapeten sind von Cole & Son, Klavier im Kinderzimmer. In Deutschland landet man mit dem fünften Satz im Gespräch bei Hitler, mit dem zehnten bei der eigenen kaputten Beziehung. Die ist in diesem Fall fast zwei Jahre her. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht doch das größte Thema im Leben sein kann. Von der Frau betrogen, ist der Mann auf dem Balkon finanziell und emotional ruiniert. Er denkt nur noch darüber nach, wie er seine Frau quälen und der gemeinsamen Tochter ein Pony kaufen kann.

Die Wiener Scheidungsanwältin Helene Klaar sagt in fast jedem Interview sinngemäß: Solange man nicht kotzen muss, wenn der Partner zur Tür hereinkommt, sollte man sich nicht scheiden lassen. Warum? Gerade für Frauen bedeutet Scheidung in vielen Fällen einen finanziellen Absturz und die totale gesellschaftliche Vernichtung. Unser Verhältnis zur Ehe, aber auch zur Scheidung, so sie denn unumgänglich ist, wirkt oftmals völlig adoleszent. Wer sich scheiden lässt, den empfinden wir als Versager und Taugenichts.

Es gibt andererseits ein grundlegendes Missverständnis, wenn wir über Trennung reden: Sie gilt vor allem unter Frauen als Befreiung. Ehe heißt Unterwerfung, Trennung heißt Emanzipation, sagt man. Das ist leider nicht wahr. Deshalb wird auch in der Rezeption der Ehe von Donald und Melania Trump oftmals Melania als eine Art Gefangene von König Midas betrachtet. Als die beiden neulich in Israel landeten, schlug sie ohne jede Demut seine Hand weg, die nach ihrer griff. Ihr Gesicht wirkte dabei starr und stolz. Es ist schlicht frauenfeindlich, die Frau mit dem Hashtag #freemelania zu versehen. Sie ist nicht die Gefangene in ihrer Ehe, vielleicht ist sie doch ein bisschen Lady Macbeth.

Wir sind Opfer unserer hedonistischen Fantasien. Und dann machen auch wir den Versuch, unsere Partner zu verstehen. Wir besuchen ihre Familien. Wir schauen auf ihre Fotos, auf denen sie als Kinder zu sehen sind. All das trägt aber nur dazu bei, dass wir das Gefühl bekommen, unsere Hausaufgaben gemacht zu haben. Haben wir nicht. Die Ehe beginnt als hoffnungsvolles, unendlich großzügiges Projekt zweier Personen, die noch nicht wissen, wer sie sind und wer der andere ist. Sie binden sich für eine Zukunft, die sie nicht kennen und sich nicht ausdenken können.

Glauben Sie mir eines: Die Ehe ist ein Akt des Verzichts und ihre Ethik die des Aushaltens und der Solidarität, damit niemand sinnlos leiden muss.

Kommentare

206 Kommentare Seite 1 von 20 Kommentieren