© Armin Smailovic

Schüchternheit Mein Leben als Igel

ZEITmagazin Nr. 31/2017
Unser Autor ist schüchtern. Nicht Hugh-Grant-mäßig schüchtern, sondern wirklich schüchtern. Hier schreibt er über den Kampf in seinem Kopf. Von

Nichts gegen Sie, aber ich möchte Ihnen lieber nicht begegnen. Und Sie mir, seien Sie versichert, auch nicht. Wir würden uns beide für mich schämen.

Was hat er denn, würden Sie sich fragen, warum sagt er nichts? Und warum guckt er so, als hätte er einen nassen Lappen in der Tasche? Hilfe, würde ich rufen, aber der Einzige, der mich hören würde, wäre ich. Hiiiiilfe! Ich wäre leider auch der, der mir am wenigsten helfen könnte. Wie ein Nackter, der sich aus der Wohnung gesperrt hat, ein Greis im falschen Zug. Ein tragischer und zugleich peinlicher Fall, von dem Sie sich abwenden würden, in flüchtigem Mitleid.

Denn ich bin ... schüchtern.

Früher, in meiner Jugend, als ich, nach Axe Tropical riechend und verklemmt wie ein kaputter Reißverschluss, Mädchen anschmachtete und mir zugleich nichts Entsetzlicheres vorstellen konnte, als ihre Aufmerksamkeit zu erregen, tröstete ich mich mit der Vorstellung, die Schüchternheit würde irgendwann verschwinden. Ich dachte, ich könnte Vertrauen gewinnen, in mich, in die Mädchen, in Menschen überhaupt und die ganze Welt. Heute weiß ich, dass sie neurochemische Ursachen hat: Die Amygdala, Teil des Frontallappens im Gehirn, reagiert bereits auf geringe Reize mit einer übermäßigen Ausschüttung Furcht auslösender Transmitter. Seit ich das weiß, habe ich meine Bemühungen weitestgehend eingestellt.

Ich kann doch auch nichts dafür, denke ich. Ich bin nun mal so. Für immer. Ich bin jetzt kein irgendwie doch ganz süßer, wenigstens drolliger Junge mehr, sondern ein verstockter erwachsener Mann. Manchmal erschrecke ich mich sogar, wenn meine Frau mich unvermittelt anspricht.

Bitte was, der hat eine Frau?, fragen Sie sich nun. Ich kann es ja selbst kaum fassen. Dass sie zu mir gefunden hat, erscheint mir ebenso wundervoll wie die Tatsache, dass sie offenbar die Absicht hat, bei mir zu bleiben. Ihr gegenüber hat sich die Schüchternheit mit der Zeit gelegt, wie ein alter Hund sich in seinen Korb legt und nur noch zuweilen aus den Augenwinkeln guckt, ob es sich zu bellen lohnt. Ich habe liebe Verwandte, die auf wohltuend unaufdringliche Weise einfach nur da sind, und ein paar gute Freunde, mit denen ich schweigend spazieren gehen kann, ohne dass sich Beklemmung einstellt. Einer meiner besten entgegnete mir neulich auf die Frage, wie es ihm gehe: Seit wann bist du eine Plaudertasche? Dann liefen wir zwei Stunden lang durch die Heide, im Abstand von zehn Metern, aber im stillen Einklang. Er ist ein Mann nach meinem Geschmack.

Ich bin also nicht unglücklich. Vielleicht sogar glücklich, manchmal. Aber könnte ich nicht öfter glücklich sein, wenn meine Amygdala kein Mängelexemplar wäre? Ich denke ab und zu, es wäre schön, jemand anderes zu sein. Sie glauben gar nicht, wer ich schon alles war in Gedanken: mit zehn ein brasilianischer Mittelstürmer, der mit der Moderatorin des Disney Club liiert war, mit sechzehn der neue Sänger meiner Lieblingsband, nachdem der alte sich das Bein gebrochen hatte und ich bei einem Konzert in London für ihn einspringen musste, mit 25 ein hemingwayhaft viriler Dichter, von Musen umschwärmt. Und heute doch immerhin jemand, der nicht allein hier am Schreibtisch sitzt und über Schüchternheit schreibt. Über etwas also, worüber sich nicht reden lässt. Oder haben Sie schon mal erlebt, wie jemand in geselliger Runde über seine Schüchternheit parliert? Dann sind Sie meines Erachtens auf einen koketten Frechdachs hereingefallen, der Kapital aus einem Schicksal schlagen wollte, das nicht seines sein kann. Auf einen Hochstapler, der die guten Eigenschaften abgreift, die mit Schüchternheit verknüpft werden: Sensibilität, Bescheidenheit, eine im Verborgenen schillernde Kreativität. Sah der Typ zufällig aus wie Hugh Grant? Ich kenne diese Zeitgenossen. Wenn sie es richtig schlau anstellen, rutschen sie am Ende eines Abends, an dem sie sich als zartbesaiteter Träumer produziert haben, mit einer attraktiven Zuhörerin knutschend unter die Eckbank. Mir ist das, wie Sie sich vorstellen können, noch nie passiert.

Schon sein ganzes Leben hadert unser Autor mit seiner Schüchternheit. Hilft es, darüber zu schreiben? © Armin Smailovic

Ich höre an solchen Abenden immer nur: Jetzt sag doch auch mal was. Das ist das Schlimmste, wozu man mich auffordern kann, schlimmer noch als "Der Nächste bitte!" im Wartezimmer eines Zahnarztes. Die Aufforderung lenkt einen gleißenden Suchscheinwerfer auf mein Versteck, in dem ich kaninchengleich kauere, krampfhaft Gesprächseinstiege vorbereite und als nicht geistreich genug verwerfe, die Stunden vorbeiziehen sehe und mich langsam damit abfinde, auch von den Anwesenden für hohl gehalten zu werden. Und plötzlich ruft jemand, der es nicht mehr aushält, dass da einer einfach nur in der Ecke sitzt und parasitiert, mich auf, ich solle doch endlich auch mal was sagen, und alle glotzen mich an, ich fühle, wie mir das Blut in den Kopf steigt, wie ich zu schwitzen beginne, oder weine ich aus der Stirn? Ich nehme all meinen Mut zusammen, jetzt muss er kommen, der spektakuläre Home-Run des Unterschätzten.

Dann sage ich: Äh. Weiß auch nicht.

Und es wird wieder dunkel in meinem Versteck. Die Gespräche gehen weiter, lauter als zuvor, um die entsetzliche Stille zu übertönen, die ich verursacht habe. Man prostet sich zu, auf die Dummköpfe unter uns, hahaha, und übergeht mich dabei geflissentlich. Ich sitze für den Rest des Abends herum wie eine Zimmerpflanze, die den Winter nicht überstehen wird.

Ich bin, wie Sie sehen, also die meiste Zeit mit mir allein. Das hat dazu geführt, dass ich mich bestens mit mir auskenne, ich bin ein Ornithologe meiner selbst. Ich überwache mich auf Schritt und Tritt, beobachte mich von außen und horche in mich hinein, protokolliere jeden Gedanken, um ihn bei passender Gelegenheit hervorholen und mich damit fertigmachen zu können: Mach den Witz besser nicht, mit dem hast du dich schon 1997 blamiert, erzähl bloß nichts aus dem Urlaub, du weißt selbst, wie öde es im Schwarzwald war.

Angeblich sind 61 Prozent der Deutschen schüchtern, so das Ergebnis einer Umfrage, die ich neulich mit einigem Misstrauen gelesen habe: Müsste das Land dann nicht, dachte ich, viel stiller sein, als es ist? Doch selbst wenn die Zahl annähernd stimmte, bliebe sie folgenlos, weil sich diese Abermillionen niemals in einer Bewegung der Schüchternen solidarisieren würden. Was sollten sie auch tun: stumm und errötet gegen sich selbst demonstrieren? Was stünde auf ihren Transparenten: Ich bin gar nicht so dumm, wie alle immer denken? Hallo, ich bin auch noch da? Hiiiiilfe? Nein, sie werden nur weiter allein in der Ecke sitzen und hoffen, dass sie niemand anspricht.

Ich kann hier also nur über mich Auskunft erteilen: einen Mann mittleren Alters mit schwindendem Haar und wachsendem Bauch. Meine Hobbys sind beim Lesen einnicken, allein in Städte fahren, in denen ich niemanden kenne, und in Ruhe gelassen werden. Warum schreibe ich überhaupt über meine Schüchternheit? Vielleicht, um sie wenigstens für eine Weile zu überwinden. So wie ein Nilpferd, wenn es schwimmt, vergisst, dass es dick ist und sich ganz leicht fühlt, getragen vom Wasser. Vielleicht, um einen oder zwei Leserbriefe zu erhalten, in denen steht, Sie sprechen mir aus der Seele, Herr Gieselmann, oder darf ich Sie Dirk nennen? Herzchen-Smiley, Ihre Ingeborg. Um anderen Schüchternen ein Zeichen der Verbundenheit zu senden, das aber bitte keine unangenehme Nähe herstellen soll, Gott bewahre. Vielleicht, um mich zu rechtfertigen vor all jenen, die mich als wortkargen Eckensitzer kennen. Vielleicht, um am Ende sagen zu können: Du hast zwar sonst nichts drauf, aber über Schüchternheit schreiben kannst du ganz ordentlich.

Glauben Sie mir, ich würde lieber unter Ausschluss der Öffentlichkeit schreiben. Ich habe nur noch niemanden gefunden, der mich dafür bezahlt. Sollte zufällig eine Charity-Lady unter Ihnen sein, die meine Texte exklusiv erwerben und sie im Wandtresor verschließen möchte, gebe sie mir bitte einen dezenten Wink. Einstweilen bin ich auf herkömmliche Geschäftsmodelle angewiesen. Und die verlangen einem freien Autor leider ab, vor dem Schreiben auch noch reden zu müssen. Mit Menschen. Oder wie ich sie als Schüchterner nenne: mit den anderen. Und die sind die Hölle für mich.

So war es schon beim ersten Telefonat mit der Redaktion. Allein durchs Klingeln werde ich aus meinem Habitat aufgescheucht, hochnervös wie ein aus dem Dickicht flatterndes Rebhuhn. Manchmal gehe ich nicht ran, oder ich deichsele es so, dass ich genau dann abhebe, wenn der andere auflegt. Das fühlt sich nicht ganz so dissozial an. Meine Frau aber sagt: Du musst schon hin und wieder mit den Leuten sprechen, denn sonst bekommst du keine Aufträge mehr, verstehst du? Und unterm leeren Weihnachtsbaum sitzen und meinen Kindern sagen, tut mir leid, es gibt dieses Jahr keine Geschenke, weil Papa so schüchtern ist, das möchte ich nun auch nicht.

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