Gesellschaftskritik Über ein Zwölf-Jahre-Hoch

© Tobias Hase/dpa
ZEITmagazin Nr. 32/2017

In diesem Regensommer haben wir Deutschen einen neuen Ausdruck lernen müssen: "Trog Mitteleuropa". Es beschreibt jenes meteorologische Phänomen, bei dem sich die Höhenwinde des Jetstreams so stark ausbeulen, dass hartnäckige Tiefdruckgebiete in Bodennähe entstehen, die mit der Geschwindigkeit von Wanderdünen übers Land ziehen und alles nass machen, was ihnen in die Quere kommt. Anders gesagt: Der Trog ist schuld am endlosen Sauwetter!

Der Schlechtwetter-Trog traf unlängst, bei den Wagner-Festspielen, auf ein politisches Zwölf-Jahre-Hoch: auf die Regierungschefin. Kanzlerin Merkel erstmals im apricot-metallic-farbenen Jackenkleid mit graugoldenem Schimmer, der Unbill der Natur – das hatte man dort von ihr auch noch nicht gesehen – mit einem schwarzen Regenschirm mit kunstledernem Handgriff trotzend; daneben der Kanzlerin-Gatte als sein eigener Schirmherr: eine Bayreuther Premiere, an der die Kritiker ausnahmsweise nichts auszusetzen hatten.

Seitdem Merkel regiert, nimmt der Starkregen in Deutschland zu, Statistiken belegen dies. Dass dieser Sommer permanent neue Niederschlagsrekorde aufstellt, sollten die Deutschen ihrer Schlechtwetterkanzlerin aber nicht übel nehmen, im Gegenteil: Sie müssen ihr sogar dankbar sein. Denn endlich macht es Sinn, mit den für ein Heidengeld erworbenen, schlecht sitzenden, knallbunten Outdoor-Klamotten Deutschlands Innenstädte zu bevölkern. Endlich finden SUV-Fahrer im Frankfurter Banken- und im Berliner Regierungsviertel jene schlammigen Böden und wilden Bäche, nach denen sie sich schon seit Jahrzehnten sehnen. Und endlich können Niedersachsen und Unterfranken in ihren sündhaft teuren Hunter-Boots umherstiefeln, die eigentlich in die schottischen Highlands gehören. Das Beste am Regensommer aber – zumindest für Ästheten – ist, was uns erspart bleibt: der Anblick von weißen Socken in Sandalen zum Beispiel. Oder die Variante Slim-Fit-T-Shirt an mittelalter Männerwampe.

Das Kanzlerin-Hoch, das lernen wir aus alldem, hält auch im Regensommer 2017 an. Die Aussichten für den Kandidaten sind eher trübe. Schulz, als Tornado Martin gestartet, schwächt sich, je näher der Wahltag rückt, immer rascher zum lauen Lüftchen ab. Für ihn gilt mit Blick auf den 24. September, was Bob Dylan bereits vor 54 Jahren prophezeit hat: "A Hard Rain’s a-Gonna Fall". Das ist allerdings keine Wettervorhersage, sondern ein Weltuntergangs-Song.

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