© Christoph Niemann

Christoph Niemann Mit Schirm, Charme und Pinsel

Vergangene Woche wollte der Künstler und Illustrator Christoph Niemann mit seiner Frau zwei sommerliche Tage in Venedig verbringen. Dann kam der Regen über Europa und mit ihm das Chaos. Hier ist Niemanns Reisetagebuch. Von
ZEITmagazin Nr. 32/2017

Die Kinder versorgt, ein 48-Stunden-Fenster zwischen zwei Deadlines: ab in den Kurzurlaub nach Venedig! Wir hatten zwei herrliche Tage: Museen, Kaffee, mehr Museen, Spritz a’Aperol, noch mehr Museen, Abendessen.

Am zweiten Tag die Biennale im Stechschritt (meine persönlichen Highlights: der finnische und der neuseeländische Pavillon sowie Shimabukus Laptop-Axt). Es regnete immer wieder mal, aber Venedig sieht bei jedem Wetter grandios aus. Vom Arsenale sprinteten wir ins Hotel, holten die Koffer und warteten bei San Marco gemütlich auf die Fähre zum Flughafen. Halb vier. Gut gelaunt malte ich noch schnell die dunklen Wolken über dem Campanile.

Am Flughafen lief alles wie geschmiert: in zehn Minuten durch die Security. Alle Zeit der Welt! 

Dann: 60 Minuten Verspätung (wegen des schlechten Wetters konnte die Maschine aus Berlin nicht landen). 18 Uhr. Mit einer Traube von Mitreisenden vertrieb ich mir die Zeit an einem der Steckdosen-Totems, um mein Telefon aufzuladen.

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Dann malte ich noch in meinem Skizzenbuch ein wenig an meinem "Philip Guston hinter der Säule" weiter.

Währenddessen beendete Lisa ihr Buch (Ferrante, Band 4) und nutzte meine Abwesenheit dazu, mein Reisebuch (Yuval Noah Hararis "Sapiens – A Brief History of Humankind") anzufangen.

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Irgendwann waren 90 Minuten rum, die Sonne schien schick zwischen den Wolken durch, und wir durften tatsächlich boarden. Zumindest durften wir in den Bus.

Dort standen wir so lange, bis ich jeden noch so unnützen Tweet zur US-Gesundheitsreform gelesen hatte und mein Buch zurückforderte. Lisa versuchte, mich mit einer alten Tageszeitung abzuwimmeln, und wir beschlossen – mit schlechtem Gewissen –, das Buch zu teilen, das heißt auseinanderzureißen (Lisa: Seite 1–86, Christoph: 87–Ende). Erzürnte Götter bestraften uns und unsere Mitreisenden (sorry) auf der Stelle, indem uns eine Bodenbedienstete darüber informierte, dass die Belegschaft jetzt leider zu lange gearbeitet habe und der Flug daher ersatzlos gestrichen werde.

Mittlerweile hat man sich ja an solche Momente gewöhnt – aus eigener Erfahrung und aus täglichen Anekdoten von Freunden und Bekannten. Daher wusste ich sofort, was zu tun ist: 1. Nicht persönlich nehmen, da man sonst seines Lebens nicht mehr froh wird. 2. So schnell wie möglich aus dem Gatebereich in die Abflughalle rennen, bevor alle anderen merken, was los ist. Eine einzige Dame stand hinter dem Customer-Service-Schalter. Die ersten drei Reisenden in der Schlange konnten ihren Flug auf den nächsten Morgen umbuchen.

Dank meines schnellen Handelns waren wir die Nummer neun, mit mittlerweile dem gesamten Rest des Flugzeugs brodelnd hinter uns. Daher durften wir schneller als alle anderen erfahren, dass – "tut mir sehr leid" – der nächste Flug erst in zwei Tagen ging, und ja, ab Bologna, und nein, sonst könne man leider nichts für uns tun. Falls Sie sich nun fragen, um welche Airline es sich handelt: Das bringt doch jetzt auch wenig, auf denen rumzuhacken – die sind eh alle gleich. Aber falls ich das Logo hätte zeichnen wollen, hätte sich die Farbe meiner Tusche dafür vorzüglich geeignet.

Nichts Gutes ahnend, hatte ich während des Wartens zwei Alternativen ersonnen: Flug am nächsten Morgen von Mailand oder Nachtzug über München nach Berlin. Es war 21.30 Uhr. Um uns alle Optionen offenzuhalten, mussten wir schnurstracks mit dem Bus (Taxis gab es nicht) an den Bahnhof von Mestre, von da mit dem Zug nach Padua. Eine Nacht in Padua, why not? Eine Karte im Internet informierte uns, dass es mindestens zwölf Hotels in Bahnhofsnähe gibt.

Es stellte sich jedoch heraus, dass sieben davon Bed & Breakfasts waren, ohne Tür, Klingel oder sonstigen Zugang. Die echten Hotels waren leider alle ausgebucht. Da wir keine Nacht im Bahnhof zubringen wollten, bestiegen wir (zu meiner klammheimlichen Freude – ich liebe Zugfahren) den EC 286 und gönnten uns einen Schlafwagen. Gute Nacht, ihr lieben Sorgen, LMAA bis morgen, und in München sehen wir weiter!

Ich schlief etwas unruhig, aber nicht ungemütlich, und freute mich wie ein Kind, als ich um fünf Uhr aufwachte und den Aufstieg nach Villach in der Morgendämmerung genießen konnte. Danach schlummerte ich wieder ein und wachte erst um kurz nach sieben wieder auf. Schneller Blick aufs Telefon: Bischofshofen? Wir müssten doch schon in Rosenheim sein. Damit waren alle Verbindungen, die uns am Nachmittag nach Berlin bringen würden, dahin. In Rekordzeit entdeckte ich einen Flug (Salzburg–Berlin), buchte und rüttelte meine arme Frau aus dem Schlaf, während der EC in Salzburg einrollte. Mit halb offener Hose, aber voller Stolz, taumelte ich den Bahnsteig entlang. Sogar einer Socke war in meinem Hosenbein die Flucht mit uns gelungen.

7.30 Uhr: Backwaren im Bahnhofssupermarkt Salzburg. Für eine solche Brezel würde ich in Berlin durch die halbe Stadt fahren. Notfalls im Nachtzug.

Um neun Uhr trank ich am Flughafen gerade zufrieden einen Verlängerten, als die Durchsage kam, dass sich der Abflug leider um 30 Minuten verzögere. Nach 30 Minuten kam die gefürchtete Weitere-zwei-Stunden-Durchsage. Ich habe gelernt, dass "zwei Stunden" gleichbedeutend ist mit "Irgendwas läuft total schief, und wir haben keine Ahnung, ob das noch was wird". Im Hintergrund liefen Fernsehbilder aus Hildesheim und Goslar. Die haben zumindest jegliches Selbstmitleid im Keim erstickt. Ich habe dann noch etwas weitergemalt.

© Christoph Niemann

Obwohl ich viel Zeit hatte, war ich zu faul, mir ein Wasser für die Tusche zu holen, und benutzte die Reste meines Obstsalats. Und gelesen habe ich auch noch (auf Seite 130 spricht Herr Harari über die dem Menschen eigene, romantische Vorstellung, dass Reisen gut sei für Geist und Seele: "A chimpanzee Alpha male would never think of using his power to go on holiday to a neighboring chimpanzee band").

Und dann haben wir noch mal umgebucht. Und tatsächlich Plätze in der 15-Uhr-Maschine bekommen. Und die flog auch. Mit 50 Minuten Verspätung.

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