Ich habe einen Traum Chrysta Bell

"Ich würde gern noch mehr träumen"
© Andrea Grambow & Joscha Kirchknopf
ZEITmagazin Nr. 32/2017

Ich träume Tag und Nacht, aber ich würde gern noch mehr träumen. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob ich etwas tatsächlich erlebt oder nur geträumt habe. Denn die Übergänge sind bei mir fließend. Ich praktiziere Transzendentale Meditation, bei der dein Körper zur Ruhe kommt, aber das Bewusstsein umso intensiver arbeitet. Man gerät da also in einen Zustand zwischen Traum und Realität, was mir immer wieder wilde Tagträume beschert.

Die eindringlichsten nächtlichen Träume der vergangenen Jahre aber sind jene, in denen ich verstorbene Verwandte treffe. Aufregender können Träume nicht sein! Da begegne ich meinem Vater und meiner Großmutter. Es sind Träume, in denen man Angst davor hat, dass sie ein Ende finden werden, und man versucht deshalb, sie so lang wie nur möglich auszudehnen. Was natürlich nicht wirklich funktioniert. Meine Großmutter traf ich früher nur alle drei Monate. Doch obwohl sie vor vier Jahren gestorben ist, fühlt es sich für mich bloß so an, als hätten wir uns länger nicht gesehen. Ich weiß, dass sie tot ist, denn ich war bei ihr, als sie von uns ging. Aber wir hatten eine sehr enge Bindung zueinander, und jetzt treffen wir uns eben in meinen Träumen.

Ich bin sehr gut mit dem Bassisten in meiner Band befreundet, wir verstehen uns blind. Unsere Verbindung ist so intensiv, dass er meine Träume beeinflusst. Vor Konzerten hat er oft Angstträume, weil er so aufgeregt ist. Wenn er dann wild träumt, überträgt sich das tatsächlich auf meine Träume. Was mich nervt, weil ich dann auch schlecht schlafe.

Überhaupt nicht geschlafen habe ich in der Nacht vor meiner ersten Begegnung mit David Lynch. Ich war so aufgeregt. Daran war auch mein damaliger Manager schuld. Er hatte mir gesagt, dass Lynch nach Partnern für seine Musikproduktionen suche, und wies mich nun immer wieder darauf hin, dass das Treffen mit ihm die größte Chance meines Lebens sei. Nie wieder würde ich so eine Gelegenheit bekommen. Es waren Sätze, die eine Zwanzigjährige nicht gerade beruhigen.

Vor Aufregung weinte ich und sagte, dass ich garantiert nicht würde schlafen können. Da gab er mir eine Schlaftablette und betonte noch mal, wie wichtig es sei, dass ich ausgeschlafen sei. Um zwei Uhr nachts nahm ich sie, und was passierte? Statt einzuschlafen, hatte ich eine allergische Reaktion und bekam am ganzen Körper Ausschlag. Ein Albtraum!

In meiner Verzweiflung begann ich zu beten. Ich bat darum, bloß irgendwie diesen einen Tag zu überstehen. Statt liegen zu bleiben, stieg ich in die Badewanne, schloss die Augen und wartete auf ein Wunder. Ich bin dann doch kurz eingenickt, und als ich die Augen wieder öffnete, war der Ausschlag komplett verschwunden. Natürlich war ich übernächtigt, als wir zu David Lynch aufbrachen. Wir standen dann morgens vor seiner Tür, er öffnete, lächelte und sagte: "Hallo, Chrysta Bell!" Wir verstanden uns auf Anhieb und schrieben noch an diesem Tag unseren ersten gemeinsamen Song. Es war traumhaft.

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