Das war meine Rettung "Und dann war die Welt plötzlich bunt"

In der DDR fühlte sich Nadja Michael unterdrückt. Dann zeigte ihr ein Mahler-Konzert einen Ausweg. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 32/2017

ZEITmagazin: Frau Michael, derzeit treten Sie in Worms als Walküre auf. Was macht die Rolle eines nordischen Todesengels für Sie interessant?

Nadja Michael: Die Walküren sind Mischwesen, halb Gott und halb Mensch. Ich singe Brünhilde, die Lieblingstochter Wotans: Bei Wagner läutete sie das Ende der Welt ein, und auch in dem an die Wagner-Oper angelehnten Stück von Albert Ostermaier entfacht sie das Feuer des Weltenbrands, in das sie sich schließlich selber stürzt. Diese Walküre vereint in ihrer Gestalt das Verzweifelte und das Heroische – mit einer gewissen Freude am Untergang.

ZEITmagazin: Brünhilde rettet die Welt, indem sie sie zerstört. Können Sie mit diesem Gedanken etwas anfangen?

Michael: Aber ja. Vernichtet wird eine Gesellschaft, die selber Tod und Vernichtung hervorgebracht hat – aus Gier, aus Machtstreben, aus Dominanzgebaren. Die Walküre will das beenden. Sie ist eine weise Frau, und das sieht man ihr an: weißes Haar, weißes Gewand. Brünhilde erkennt, dass ihre Welt untergehen muss, um neu zu erstehen. Das erinnert mich an das Ende der DDR, als ich 20 war und von einem Augenblick auf den anderen alles zerfiel.

ZEITmagazin: Waren Sie selber schon einmal in einer unrettbaren Lage?

Michael: Meine persönliche Götterdämmerung hatte ich im vorigen Jahr, als meine ältere Tochter die Schule abbrach, um zu rebellieren. Ein Schock! Denn ich merkte, dass auch meine tiefe Liebe zu ihr, diese Nibelungentreue der Mutter zum Kind, nicht gereicht hatte, um eine Krise zu verhindern. Hatte ich mich vom Gesang zu sehr vereinnahmen lassen? Mussten all die Engagements wirklich sein: zwei Monate New York, drei Monate Mailand, dann Paris? Ein schreckliches Gefühl. Auch das lernt man bei Wagner: wie verwundbar wir sind durch die Liebe.

ZEITmagazin: Der Schulabbruch Ihrer Tochter hat Sie sehr getroffen.

Michael: Wenn man als Mutter sieht, dass man in entscheidenden Momenten nicht da war, das zerreißt einen schier. Trotzdem wüsste ich nicht, wie ich es hätte anders machen sollen. Sängerin zu sein ist ja nicht mein Hobby, sondern mein Beruf. Er bringt das Brot auf den Tisch, auch für meine zwei Töchter. Sie sind durch meine Arbeit weltläufig, weil sie mich, als sie kleiner waren, häufig bei meinen Gastspielen begleitet haben. Sie sprechen mehrere Sprachen und haben keine Berührungsängste gegenüber anderen Kulturen.

ZEITmagazin: Haben Sie Ihrer Tochter gegrollt?

Michael: Nein. Aber ich hadere mit der Multi-Options-Gesellschaft, die jungen Leuten vorgaukelt, alles sei optional, nichts verpflichtend. Auch wenn zu viele Pflichten natürlich erdrücken können.

ZEITmagazin: Sie waren als Kind in der DDR erst Leistungsschwimmerin, dann an einer Musikspezialschule – da war Schulabbruch keine Option. Wie kamen Sie zur Musik?

Michael: Ich habe als Kind sehr unter der Unterdrückung durch das System gelitten: dass wir zu Hause politisch offen sprachen, ich in der Schule aber einen Teil meiner Persönlichkeit verbergen musste. Das widerstrebte mir zutiefst. Befreit hat mich dann ein Konzert im Leipziger Gewandhaus, die Sinfonie der Tausend von Gustav Mahler. Himmlisch! Die Solisten kamen mir vor wie Engel. So wollte ich auch singen können. Das Konzert war mein Erweckungserlebnis, weil es mir den Ausweg der Kunst zeigte.

ZEITmagazin: Wie wurden Sie Sängerin?

Michael: Ich ging zwar auf eine Spezialschule für Musik, hatte mich aber verpflichtet, Lehrerin zu werden. Diese Verpflichtung aufzukündigen konnte in der DDR Folgen für die ganze Familie haben. Ich sang also heimlich an den großen Musikhochschulen des Ostens vor, bestand auch – aber natürlich wurde das gemeldet. Man bestellte meine Eltern ein, es gab Krisensitzungen, um mich zur Vernunft zu bringen. Gerettet hat mich mein Talent. Die Hochschulen sagten, meine Stimme sei außergewöhnlich und müsse ausgebildet werden.

ZEITmagazin: Warum sind Sie kurz vor dem Mauerfall 1989 in den Westen geflüchtet?

Michael: Ich hatte schon immer eine opulente, dramatische Stimme. Ostdeutschland wollte aber lieber lyrische Stimmen, mehr in Richtung Thomanerchor. Wieder hatte ich das Gefühl, ich müsse mich maskieren. So reifte der Entschluss zu fliehen. Ein mutiger ungarischer Student, Diplomatensohn, fuhr mich und meinen Freund mit dem Auto seines Vaters von Ungarn aus über die Grenze nach Österreich – im Kofferraum eines beigefarbenen Wartburgs.

ZEITmagazin: Hatten Sie Angst?

Michael: Ich habe eine sehr nützliche Eigenschaft: Wenn es Schwierigkeiten gibt, werde ich ganz ruhig. Mein armer Freund zitterte, erbrach sich und hatte Durchfall. Ich blieb cool. Und dann war die Welt plötzlich bunt.

Das Gespräch führte Evelyn Finger. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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