Harald Martenstein Über eine unheimliche Begegnung

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ZEITmagazin Nr. 32/2017

Viele andere Dinge aus dieser Zeit habe ich vergessen. Damals muss ich etwa zehn gewesen sein, ich durfte jedenfalls schon alleine Bus fahren. Ich glaube, ich fuhr von den Großeltern nach Hause. Der Bus war fast leer, ich saß ganz hinten. Dort war eine lange Bank, auf die sechs Leute passten, nicht nur zwei. Man konnte aus dem großen Rückfenster schauen, diesen Panoramablick mochte ich. Der Bus war fast leer, ich war die einzige Person auf der langen Bank.

Ein Mann stieg ein, für meine damaligen Begriffe ein älterer Mann. Das heißt, er war wohl über dreißig, genauer kann ich es nicht eingrenzen. Der Mann setzte sich neben mich, obwohl es überall freie Bänke gab. Er stellte zwei oder drei Fragen, an die ich mich nicht erinnere. Dann begann er, mein Knie zu streicheln. Ich rührte mich nicht, schaute geradeaus und tat, als ob ich es nicht bemerkte. So ungefähr wusste ich, worum es ging. Die Erwachsenen hatten vor solchen Leuten gewarnt, vor Perversen, so hießen die. Was die Perversen genau taten, wusste ich nicht, nur dass man sich vor ihnen in Acht nehmen muss. Man soll auf keinen Fall mitgehen, egal wohin.

Angst hatte ich nicht. Ich war aufgeregt und neugierig. Ich fühlte mich auch irgendwie geschmeichelt. Kein einziges Kind, das ich kannte, hatte je von einer Begegnung mit einem Perversen erzählt. Es gab sie also wirklich. Und ausgerechnet mich hatte der Perverse sich ausgesucht. Er war nervös, er schaute sich um, aber alle anderen Fahrgäste guckten nach vorn. Jetzt fasste er andere Stellen meines Körpers an und versuchte, meine Hose zu öffnen, aber das wollte ihm trotz einiger Bemühungen nicht gelingen. Weder wehrte ich mich, noch war ich behilflich. Ich schaute weiter geradeaus, als bemerkte ich immer noch nichts. Geh auf keinen Fall mit solchen Männern mit! Lauf weg! Ruf um Hilfe! Ich war nicht weggelaufen. Waren wir schon Komplizen? Der Mann tat mir ein bisschen leid, der zitterte ja, die Perversen hatte ich mir selbstbewusster und angriffslustiger vorgestellt, etwa wie Irokesen auf dem Kriegspfad.

Der Mann sagte, dass er an der nächsten Haltestelle aussteige, ich solle mitkommen, bitte. Daran erinnere ich mich genau, er sagte "bitte". In diesem Moment zerriss der Schleier dieser Trance, in der ich mich befand. Das Zauberwort, das mich aufweckte, hieß "mitkommen". Ich stand auf, nahm die Schultasche, ging nach vorn und setzte mich auf den freien Platz einer der wenigen Doppelbänke, auf denen schon irgendein einzelner Erwachsener Platz genommen hatte, das alles wortlos. Der Mann stieg aus. Ich wollte mich umdrehen, um ihn mir noch mal genauer anzusehen, aber traute mich nicht.

Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Nichts in meinem Kopf war klar und eindeutig. Da war einerseits das tolle Gefühl, gerade ein Abenteuer überstanden zu haben, etwas, das nicht jeder erlebt und das sonst nur in Büchern steht. Dann war da die Frage, ob ich mich durch mein Schweigen und Abwarten schuldig gemacht hatte und ob ich nicht, wenn es wirklich so war, genauso gut hätte mitgehen können. Die Berührungen waren angenehm gewesen. Das konnte ich keinem erzählen. Ich beschloss, niemandem etwas von dem Perversen zu sagen, es war viel zu peinlich, auch bei der Beichte würde ich den verschweigen. In den nächsten Tagen hoffte und fürchtete ich, vergeblich, ihn im Bus wiederzutreffen. Vielleicht mit einem anderen Jungen. Wie würde der sich verhalten?

Leute, die immer genau zu wissen glauben, was richtig ist und was falsch, sofort, sind mir die Unheimlichsten.

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Kommentare

6 Kommentare Kommentieren

Beunruhigend? Warum?

Er zeigt nur, dass nichts was die Masse für eindeutig und glasklar hält auch immer so ist.

Mich würde interessieren, ob Herr Martenstein später eine homosexuelle Neuerung an sich festgestellt hat. Laut dem Verhaltensforscher Kinsey haben die meisten Menschen keine eindeutige und einseitige sexuelle Orientierung. Ich bin mir zu 99% sicher, dass ich keine homosexuelle Neigung haben. Ich hatte zumindest noch nie Fantasien in diese Richtung.

Ein ähnliches Erlebnis in meiner Kindheit lässt mich vermuten, dass Kinder auch schon in diesem Alter eine definierte sexuelle Orientierung haben und dass sich diese nicht erst in der Pubertät ausbildet. Denn ich empfand ein solches Erlebnis als einseitig negativ. Bin mir aber recht sicher, dass wenn diese Handlung bei mir nicht von einem deutlich älterem Jungen, sondern von einer deutlich älterem Mädchen ausgegangen wäre, ich anders empfunden hätte.