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Angela Merkel Eine für uns?

Mit 14 dachte unsere Autorin, sie würde nie Merkel wählen. "Wartet, bis ihr erwachsen seid", sagte damals ein CDU-Politiker an ihrer Schule. Jetzt ist Paulina Unfried 18 Jahre alt und denkt über das Unvorstellbare nach. Von
ZEITmagazin Nr. 33/2017

Angela Merkel kam auf mich zu, wir schüttelten uns die Hand, sie lächelte, ich guckte skeptisch, und dann ging jede ihres Weges. So ist es gewesen, das beweist ein Bild in meinem ersten Fotoalbum. Darauf zu sehen sind die Bundeskanzlerin und ich, 2006 am Brandenburger Tor, ich bin sieben Jahre alt. Es war eine Veranstaltung zur Feier der Demokratie für Kinder und Jugendliche. Ganz ehrlich, ich hatte keine Ahnung, wer sie war. Abends war das Foto im Internet. Ich zeigte es meinen Eltern. Die schauten sich ganz komisch an.

So lernte ich, dass wir diese Merkel nicht mochten. Wir, also meine Familie, unsere Freunde und somit auch ich. Mir sollte es recht sein, denn ihre runterhängenden Mundwinkel waren mir sowieso nicht geheuer, ihre Frisur auch nicht.

Eines Abends kam die "Merkel das Ferkel"-Sache auf. Die verschiedenen befreundeten Eltern saßen mit uns, den dementsprechend befreundeten Kindern, am Tisch. Da ließ einer der Erwachsenen den Ausdruck fallen.

Die anderen Erwachsenen lachten, obwohl man so was doch eigentlich nicht sagte.

Das war ein Fehler, denn von da an sagten wir "Merkel das Ferkel" bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit. Den Erwachsenen war es nur ein bisschen unangenehm, denn irgendwie waren sie ja auch stolz auf ihre Sprösslinge, die schließlich eines Tages auch mal rebellisch und nonkonformistisch grün wählen sollten. Oder zumindest auf keinen Fall Merkel.

Für mich war völlig klar, dass man unter dem Begriff "Konservative" alte und doofe Leute zusammenfasste, die CDU wählten. Details kannte ich nicht. Aber so war das halt.

Wenn meine Freunde und ich uns auf dem Schulhof unterhielten, sagten wir so was wie: "Die Merkel geht echt gar nicht", oder: "Was? Deine Eltern wählen CDU? Du Aaaarme." Es war jetzt cool geworden, sich über "Politik" auszutauschen. "Merkel das Ferkel" sagten wir nur noch selten. Wir hatten das Gefühl, erwachsen zu werden.

Als ich 14 war, gab es an meiner Schule in Berlin-Mitte (Privatschule, progressiv, evangelisch) eine Wahlinformationsveranstaltung. Wir, die Kinder aus dem Bildungs-Bullerbü, hatten Politiker von allen großen Parteien zur Podiumsdiskussion vorgeladen.

Dem Typ von der CDU tropften die Schweißperlen auf die Brille und schließlich auf die Krawatte. Er sah alt aus. Mindestens wie 40. Er war alles, was wir nicht sein wollten. Er hatte schon verloren, bevor er den Raum betrat. Vielleicht schwitzte er deswegen so.

"Ich werde niemals CDU wählen", sagte eine Schülerin aus dem Publikum zu ihm.

Der CDU-Typ sagte: "Wartet nur, bis ihr erwachsen werdet, dann werdet ihr anders denken."

Das klang furchtbar. Nach der Veranstaltung machten wir Selfies mit dem Supermigranten von den Grünen, während der von der CDU durch die Hintertür verschwand. Danach machten wir unsere eigene Abgeordnetenhauswahl. Die Grünen bekamen 70 Prozent, die CDU ein Prozent. Wir fühlten uns gut, als Gemeinschaft, wir waren die bessere Zukunft.

Dann kamen immer mehr Flüchtlinge. Merkel sagte: "Wir schaffen das." In unserer Schule nannten wir die Bundeskanzlerin jetzt auch nur noch respektvoll "Frau Merkel". Alles war viel komplizierter, als unsere Eltern gedacht hatten. Als ich in einem Auslandsjahr in die USA kam, war gerade Präsidentschaftswahlkampf. Mir wurde zum ersten Mal bewusst, dass die konservative CDU schon seit Jahren mit einer Frau an der Spitze regierte, während die Wahl in den USA dann zeigte, dass dies dort noch unmöglich war.

Und nun, vor Kurzem, auf einer Party: Wir reden über Politik, weil es zu langweilig wird, über den Alkoholpegel zu reden. Es geht um die Bundestagswahl. Irgendjemand fragt: "Wisst ihr eigentlich schon, was ihr wählt?"

Wir wissen es nicht, oder eher, wir wollen es nicht wissen. Oder doch?

"Die Grünen sind für mich nicht mehr wählbar", sagt schließlich einer.

Ein anderer sagt: "Na ja, die Merkel macht das schon ganz gut."

Es ist der Moment der Wahrheit. Merkel ist schon immer da, solange wir denken können. Ein Europa und Deutschland ohne sie existiert für uns gar nicht.

Wir sind 18, uns geht’s gut, wir chillen.

Wir haben schon Weltverbesserungssehnsucht. Aber wir sind eben auch die Merkel-Generation. Und Merkel verspricht uns, dass wir weiterchillen können. Das heißt nicht, dass wir sie wählen werden. Es heißt aber, dass wir darüber nachdenken.

Kommentare

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Das mit dem "weiter so chillen" ist wohl die Mehrheitseinstellung. Auch der Generation vor der Verrentung. Aber das machen wir uns alle etwas vor.

Merke kann man übrigens sowieso nicht wählen, außer in Mecklenburg-Vorpommern. Aber man kann überlegen, mit welchem Koalitionspartner man sie verbinden möchte, und ob mit einem oder mit zweien.

"Die Grünen sind für mich nicht mehr wählbar" sagen wohl die einen, weil sie ihnen mutmaßlich zu weit rechts, andere, weil sie zu weit links seien. Die erste Gruppe sollte aber nicht deswegen CDU wählen.