Gesellschaftskritik Über versandete Angebote

© Ingo Wagner/dpa
ZEITmagazin Nr. 33/2017

Der Schauspieler Bruno Ganz hat jetzt erzählt, ihm sei damals Richard Geres Rolle in "Pretty Woman" angeboten worden: "Genau genommen habe ich dieses Angebot nicht abgelehnt", sagte er der "Schweiz am Wochenende", "es ist vielmehr irgendwie versandet."

Bruno Ganz, romantisch an der Seite von Julia Roberts – was für ein Film wäre "Pretty Woman" dann bloß geworden? Wäre es in dem Film dann nicht um einen skrupellosen Geschäftsmann gegangen, sondern – in schöner Tradition deutschsprachiger Schauspieler in Hollywood – um einen bösen Nazi, den eine fröhliche Prostituierte zum Guten bekehrt? Wäre Ganz in der letzten Szene, superromantisch auf einem Panzer stehend, vor Roberts’ Haus aufgekreuzt, Blumen im Geschütz, um mit schnarrender Stimme "Komm runter, dies ist ein Befehl!" zu rufen?

Roberts und Gere wurden jedenfalls Weltstars, und bei Bruno Ganz fällt einem heute nicht zuerst der romantische Millionär ein, sondern der Hitler aus dem "Untergang". Was ist uns Cineasten nur entgangen? Wäre Ganz als "Forrest Gump" durch die USA gelaufen? Hätte er mit Uma Thurman in "Pulp Fiction" getanzt, als "Terminator II" die Menschheit beschützt und wäre in "Basic Instinct" Sharon Stone erlegen? Leider alles versandet. Ein Ausdruck, der ja eine überaus entspannte Haltung an den Tag legt: Es ging im Nachhinein zwar um das ganz große Ding, aber sooo wichtig ist mir das jetzt auch nicht. Gut, vielleicht würde ich in geselligen Runden gebeten werden, mich noch mal einsam und verträumt ans Piano zu setzen, statt mich immer wieder über eine imaginäre Karte beugen und meine Generäle zusammenbrüllen zu müssen. Aber ansonsten? Keine Enttäuschung, alles total easy!

An dieser Haltung könnten wir alle uns ein Beispiel nehmen. Kennt ja jeder: all die verpassten Chancen des Lebens, die einem hin und wieder durch den Kopf gehen. Das geht uns Kolumnisten nicht anders: Panama Papers? Diesel-Kartell? Statt "verpasst" oder "abgelehnt" zu sagen, zucken wir lieber mit den Schultern: versandet! Irgendwo in der Sahara liegen sie, gut vergraben, unsere alternativen Lebensverläufe. Ja, vielleicht hätte aus diesem oder jenem ein scharfer Kommentar oder ein Pulitzer-Preis-Text werden können. Stattdessen sitzen wir Woche für Woche in unserem Bunker, durchwühlen die bunten Blätter, und wenn wir dabei Bilder von Richard Gere beim Dalai Lama sehen, denken wir neidfrei und entspannt: Es sollte halt einfach nicht sein.

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