Harald Martenstein Über Verantwortlichkeiten

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ZEITmagazin Nr. 33/2017

Von Zeit zu Zeit schaue ich mir, als alter Katastrophenjunkie, im Internet die sogenannten IVW-Zahlen an, also die aktuellen Auflagen der deutschen Zeitungen und Zeitschriften. Es gibt da eine Art ökonomisches Gesetz. Publikationen, in denen mal was Gemeines über mich gestanden hat, verlieren von da an Auflage. Dies nur als Tipp für Verlagsmanager. Schadenfreude ist mir völlig fremd.

Die Zeitschriften haben im Lauf der letzten zwölf Monate 7,5 Prozent verloren. Die erfolgreichste Neugründung der letzten Jahre, Landlust, verliert inzwischen auch wieder. Nach der Lust am Land scheint jetzt die Lust an der Travestie zu boomen. Die vier meistverkauften Titel heißen TV 14, Auflage: 2,1 Millionen, TV Digital, TV Direkt und TV Movie. Der erfolgreichste neue Titel, the new girl in town, heißt allerdings Mein ZauberTopf, aus dem Stand 125.000 verkaufte Exemplare. Zaubertopf? Da war ich erst mal ratlos. In den einzigen Zaubertopf, den ich kenne, ist Obelix als Baby hineingefallen.

Mein ZauberTopf enthält Rezepte für die Küchenmaschine Thermomix und erscheint im Hause falkemedia. Auf der Homepage steht der Satz: "Für das Gelingen der Rezepte ist ausschließlich falkemedia verantwortlich." Und so was verkauft sich? Man kocht lecker für Gäste, die Gäste loben begeistert, und man soll sagen: "Moment, stopp, für das Gelingen dieser Bouillabaisse ist ausschließlich falkemedia verantwortlich"? Über den Thermomix wusste ich nur, dass immer mehr Leute sich so ein Ding zulegen, dass es ähnlich aussieht wie der Roboter R2-D2 aus Star Wars und dass es im Hause Vorwerk erfunden wurde, wo auch der Staubsauger Kobold herkommt, den meine Großeltern die meiste Zeit ihres Lebens abbezahlt haben. Damit die Anschaffung sich lohnt, hat mein Opa fast seine gesamte Freizeit mit Saugen verbracht. Für dieses Geld hätte er aber auch Chinesen aus China einfliegen lassen können, die jedes einzelne Staubkorn mit Elfenbeinstäbchen aufsammeln.

Der Thermomix kostet 1.199 Euro und ist ein deutscher Exporthit wie der Porsche. Kunden müssen, wegen der hohen Nachfrage, wochenlang auf ihren Thermomix warten. Der Firmenchef Reiner Strecker drückt es so aus: "Es gibt im regnerischen Wuppertal ein Unternehmen, über dem das ganze Jahr die Sonne scheint." Das Produkt wird, ganz im Vorwerk-Stil, hauptsächlich von Vertreterinnen verkauft, es sind wirklich fast nur Frauen. In Deutschland sind es 14.000 Vertreterinnen. Nur mal zum Vergleich: Es gibt bei uns etwa 5.000 hauptberufliche Fußpflegerinnen. Mein Lieblingsrezept ist übrigens das im Thermomix in nur zwei Minuten zubereitete Mückenspray, Hauptbestandteil: 50 Milliliter Wodka.

Dann habe ich mir mal die Testergebnisse angeschaut. Laut Stiftung Warentest entwickelt der Thermomix beim Wasserrühren einen Geräuschpegel von 91 Dezibel, dies entspricht in etwa einem Presslufthammer und ist vermutlich noch lauter als ein Kavalierstart im Porsche. Dieses Gerät kann nicht nur hacken, quirlen, wiegen und kochen, es ist auch als Waffe bei Nachbarschaftsstreitigkeiten geeignet. Wenn der Nachbar sich über Kinderlärm beklagt, muss man einfach nur den ganzen Tag Wasser rühren, das lehrt ihn Demut. Wasserrühren ist ja, glaube ich, eine legale Tätigkeit. Wenn der Nachbar dann klingelt und sich beschwert, muss man einfach sagen: "Für Ihr Problem ist ausschließlich falkemedia verantwortlich."

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