© Tobias Zielony

Jugend und Politik Wie seid ihr denn drauf?

Ein Interview von und
ZEITmagazin Nr. 33/2017

Die fünf Jugendlichen auf dem Bild waren Kinder, als Angela Merkel vor zwölf Jahren Kanzlerin wurde. An ein Land ohne Merkel können sie sich kaum erinnern. Jetzt sind sie erwachsen und wahlberechtigt und dürfen zum ersten Mal mitentscheiden, wie es weitergeht (von links nach rechts): Friedrich Lucke, 22, Sohn des inzwischen ausgetretenen AfD-Mitgründers; Diana zur Löwen, 22, Social-Media-Star mit Hunderttausenden Zuschauern; Lena Biskup, 20, die in einer der ersten Familien mit zwei Müttern aufgewachsen ist; Jakob Schade, 19, Hacker und Internet-Aktivist, und Benedikt Daxenberger, 19, Sohn des verstorbenen Grünen-Politikers Sepp Daxenberger.

Wir wollten wissen, wie diese Generation über die Welt denkt. Hat sie, wie einst die Kohl- Generation 1998, Sehnsucht nach Veränderung? Wie war ihr Aufwachsen im Merkel-Land?

Friedrich Lucke: Wo kommst du her?

Daxenberger: Südost-Bayern, Traunsteiner Land. Also totale Provinz.

zur Löwen: Und du bist bei den Grünen?

Daxenberger: Nein – mein Vater war Fraktionsvorsitzender bei den Grünen in Bayern ... ist aber schon etwas länger her.

zur Löwen: Und deine Eltern, Lena, haben die auch was mit Politik zu tun?

Biskup: Gar nicht, ich habe halt zwei Mütter. Ich kenne niemanden in meinem Alter, der zwei Mütter hat oder zwei Väter. Wir sind tatsächlich eine der ersten Familien, die in der Form zusammen ist.

zur Löwen: Aber eine Mutter ist schon deine leibliche?

Biskup: Ja, eine ist meine leibliche und eine ist meine nicht-leibliche Mutter: Mama und Mami. Ich habe übrigens charakterlich extreme Ähnlichkeiten mit meiner nicht leiblichen Mutter, was politisches Interesse angeht zum Beispiel.

Daxenberger: Und wie war das denn für dich in der Schule? Bei uns erzkatholischen Bayern gab’s so was nicht.

Biskup: Klar gab es komische Sprüche. Ich wurde auch manchmal absurde Sachen gefragt. Ich finde es jetzt nicht so toll, ein siebenjähriges Kind zu fragen, ob es auch lesbisch ist. Oder als ich mich zum freiwilligen sozialen Jahr beworben habe, ob ich denn auch Wäsche waschen könne, ich käme ja aus einem sehr emanzipierten Haushalt.

Daxenberger: So nach dem Motto: Bei uns wird grundsätzlich alles weggeworfen, waschen kommt überhaupt nicht infrage!

Biskup: Unter welchen Aspekten wurdet ihr eingeladen?

Schade: Ich bin Hacker. Internet-Aktivist.

Lucke: Mein Vater hat die AfD gegründet. Wieso lacht ihr jetzt alle so?

Friedrich Lucke, 22, war eines der ersten AfD-Mitglieder. Er ist der Sohn des AfD-Mitbegründers Bernd Lucke. Als die Partei nach rechts driftete, traten Vater und Sohn aus. Er lebt in Toulouse und schreibt seine Doktorarbeit in VWL. © Tobias Zielony

zur Löwen: Ist er noch bei der AfD?

Lucke: Längst nicht mehr. 2015 hat er den Bundesvorsitz verloren und ist dann sofort ausgetreten. Weil klar war, dass die Partei total nach rechts abdriftet. Ich bin zeitgleich auch raus. Ich kann mit Patriotismus und Nationalismus nix anfangen. Die Gründungsidee der AfD war eine andere.

Biskup: Was war die Gründungsidee?

Lucke: Es ging um die Euro-Krise. Mein Vater zum Beispiel hat gedacht, es ist viel leichter, den Griechen auf die Beine zu helfen, wenn sie aus der Euro-Zone austreten. Die Gründer der AfD konnten Pegida nicht voraussehen. Die Flüchtlingskrise hat viele Menschen radikaler gemacht, und viele davon sind dann in der AfD gelandet.

ZEITmagazin: Wissen Sie noch Ihre AfD-Mitgliedsnummer?

Lucke: 1612.

ZEITmagazin: Können Sie sich noch erinnern, wonach ein Parteitag riecht?

Daxenberger: Nach Schweiß und alten Männern, könnte ich mir vorstellen.

Lucke: Draußen: Würstchen und Hotdogs, drinnen: ganz viel Ärger!

Benedikt Daxenberger, 19, studiert BWL in Nürnberg. Seine Eltern starben vor sieben Jahren wenige Tage nacheinander an Krebs. Seine Mutter war Bäuerin, sein Vater war der bayerische Grünen-Politiker Sepp Daxenberger. © Tobias Zielony

Daxenberger: Aber hast du die politische Meinung von deinem Vater übernommen?

Lucke: Ökonomisch habe ich schon eine ähnliche Meinung, sozialpolitisch nicht unbedingt. Wir haben auch zu Hause immer viel diskutiert, und das geht nicht, wenn alle genau der gleichen Meinung sind.

Daxenberger: Ich kenne es halt von Kommunalpolitikern, dass die Söhne und Töchter wirklich eins zu eins dieselbe Meinung haben wie die Eltern.

ZEITmagazin: Benedikt, Ihr Vater war für viele Grüne ein Hoffnungsträger, insbesondere in Bayern. Müssen Sie, wenn Sie die grünen Spitzenkandidaten von heute sehen, oft an ihn denken?

Daxenberger: Ich glaube, dass es besser wäre als das, was die jetzt machen, wenn mein Vater noch leben würde. Mein Vater war sehr sturköpfig und auch zielstrebig, wenn er sich was in den Kopf gesetzt hatte. Für mich knicken die Grünen von heute zu schnell ein.

Kommentare

6 Kommentare Kommentieren

Die Naivität ist nicht mehr steigerbar .
Unfassbar das junge Leute heute das Geld und die Zeit haben sich Gedanken darüber zu machen , ob man besser Quinoa statt Mehl verwenden sollte .
Oder das man einfach so sein Studium abbricht, um sich selbst zu verwirklichen. Ich meine was für eine Ignoranz. Und wer ist auf die Idee gekommen , diese zur Löwen einzuladen . Nein . Für mich ist es keine Arbeit Sachen in eine Kamera zu halten und mit einer Piepsstimme, 13-jährigen zu erzählen, wie toll dieser oder jener Lippenstift ist