Stil Stein und Sein

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 33/2017

Früher sollte Schmuck eine Frau vor allem aufwerten, denn in der frühen bürgerlichen Gesellschaft galten Frauen an sich wenig, also musste man sie mit Geschmeide veredeln. Ein gutes Beispiel dafür ist die traditionelle Mitgift. Weil es noch Anfang des vergangenen Jahrhunderts eine Herausforderung war, seine Tochter gut zu verheiraten, gab man ihr zur Aufbesserung ihrer Stellung und zur Steigerung der Chancen allerlei Hausrat mit auf den Weg – und etlichen Schmuck. Männer hatten derweil keinen Schmuck nötig, der Wert des Mannes leitete sich aus seiner gesellschaftlichen Funktion ab. Auch der einzige Schmuck, den er für angemessen hielt, war funktional: Uhren, Uhrenketten, Manschettenknöpfe, Siegelringe.

Funktionale Schmuckstücke für Frauen hingegen gab es außer verschiedenen Spangen und Schließen kaum. Die Frau wurde vielmehr umso dysfunktionaler, je mehr Schmuck sie am Körper trug. Auf diese Art demonstrierte die Dame von höherem Stande, dass sie nicht arbeiten musste. Denn je überflüssiger eine Frau im werktätigen Sinne war, desto besser stand es in der bürgerlichen Sichtweise offenbar um die Verhältnisse der Familie. Die Idealvorstellung der bürgerlichen Dame war also die eines behängten Weihnachtsbaumes. Von daher sollte jede Frau misstrauisch werden, wenn sie von ihrem Partner teuren Diamantschmuck geschenkt bekommt. Das mag nett gemeint sein, aber es verweist in die falsche Zeit – nämlich in jene, als die Frau als Beiwerk des Mannes galt, das erst durch ihn einen Sinn bekam.

Heute kaufen sich Frauen ihren Schmuck oft selbst. Und dieser sieht meist völlig anders aus als früher: modischer und dezenter. Das führt auch dazu, dass in letzter Zeit wieder Schmucksteine verarbeitet werden, die zuvor abfällig Halbedelsteine genannt wurden. Sie waren zwar hübsch, aber nicht exklusiv genug. Rosenquarz etwa war höchstens etwas für kleine Mädchen. Mittlerweile werden die Mineralien in ihrer eigenen Qualität wahrgenommen, und man spricht nicht mehr von Halbedelsteinen, denn letztlich ist auch ein Diamant nur kubisch kristallisierter Kohlenstoff.

Modeschmuck ist heute kein abwertender Begriff mehr, sondern drückt aus, dass Schmuck eben zur Mode gehört und entsprechend getragen wird. Geschliffener Chalcedon und Amazonit gelten als nicht weniger schön als die klassischen Edelsteine. Dass Schmuck von Frauen selbst gekauft und selbst getragen wird, ist natürlich auch ein Hinweis darauf, wie weit die Emanzipation vorangeschritten ist. Eine nächste Stufe ist erreicht, wenn es üblich wird, dass Frauen ihren Männern diamantene Halsbänder schenken.

Foto: Peter Langer / Runde Sache: Schmuck aus Chalcedon, Amazonit und Koralle von Saskia Diez

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