© Nadia Bseiso

Jordanien Auf Wiederhören!

Ein Jahr lang hat der ZEIT-Redakteur Yassin Musharbash in der jordanischen Hauptstadt Amman gelebt. Zum Abschied ist er den Geräuschen seiner Straße gefolgt – und hat die Geschichten dahinter gefunden. Von
ZEITmagazin Nr. 34/2017

Böse Menschen verspotten Jordanien manchmal als das langweiligste Land im Nahen Osten. Mögen ihnen die Falafel im Halse stecken bleiben oder zumindest Verstopfung bescheren. Sicher, Amman hat keine so schöne Altstadt wie Jerusalem. Beirut ist natürlich viel mondäner. Dass Kairo, Damaskus und Bagdad wichtiger sind: Wer würde das bestreiten? Dafür ist Amman sicherer als Jerusalem und Damaskus, ruhiger als Kairo, hat öfter Strom als Bagdad und eine im Vergleich zu Beirut hochprofessionelle Müllabfuhr. Also bitte.

Ich bin vor einem Jahr als Korrespondent der ZEIT nach Jordanien gezogen. Ich schreibe vor allem über Terrorismus und den sogenannten "Islamischen Staat". Von Amman aus habe ich über den Krieg gegen den Terror im Irak berichtet, den syrischen Bürgerkrieg verfolgt, Anschläge in der Region kommentiert.

Meistens habe ich meine Artikel im Garten meiner Wohnung an einem roten Plastiktisch geschrieben. Es gab drei Geräusche, die mich dabei zuverlässig begleitet haben. Es ist schwierig, sie in Buchstaben wiederzugeben. Aber ich versuche es mal. Das erste Geräusch: tack-tackatack-tack. Das zweite: ein metallisches Deng-dengdengdeng-deng, gepaart mit einem Du-dumm-di-dummmmmm-didel-dum. Das dritte ist am einfachsten: brizzel ... bruzzel ... Allaaaaaahu Akbar .

Wenn man einen Ort verlässt, an dem man gern gelebt hat, vermisst man später immer das Alltägliche. Ich weiß jetzt schon, dass mir diese Geräusche fehlen werden, auch wenn sie manchmal genervt haben. Deshalb bin ich ihren Verursachern in meiner letzten Recherche hier hinterhergestiegen. Ich gebe zu, dass es noch einen zweiten Grund gab: Ich hegte einen gemeinen Verdacht gegen den Kiez-Muezzin.

Als Ersten habe ich Ahmad aufgesucht. Ein- bis zweimal pro Tag kommt der Zwanzigjährige an meiner Wohnung vorbei. Er verkauft Gas in großen Metallbehältern, das die Menschen zum Kochen brauchen. Ahmads Erscheinen wird dabei stets angekündigt: Aus einem Pick-up-Truck mit einem uralten Kassettenrekorder und noch älteren Lautsprechern quillt kurz zuvor ein unfassbar nervtötendes Liedchen. Die ausgeleierten Töne wabern in Endlosschleife durchs Viertel, brechen sich an den Mauern, was sie nur noch schiefer klingen lässt, es ist ein Wahnsinn, ich muss jedes Mal an eine Parade sturzbetrunkener, schunkelnder Zwerge mit rosa Luftballons in den Händen denken, wenn ich das Lied höre: du-dumm-di-dummmmmm-didel-dum. Dann kommt Ahmad mit seinem Handkarren um die Ecke, auf dem er bis zu sechs Gasflaschen transportiert. Ab und zu haut er mit einem dicken Schraubenschlüssel rhythmisch auf eine der Flaschen: deng-dengdengdeng-deng. Wer jetzt noch nicht kapiert hat, dass es Gas gibt, dem ist nicht zu helfen.

Ahmad ist irrsinnig nett. Er lacht, als ich ihn frage, ob ihm das Lied nicht auf den Keks gehe. "Aber die Leute sind dran gewöhnt!" Jaja, schon klar. Aber du, Ahmad, du hörst das den ganzen Tag, macht dich das nicht irre?

"Ich mag das Lied!"

"Wie kann man dieses Lied mögen?"

"Ehrlich, mir gefällt es!"

Ahmad ist Ägypter, aus Kairo. Er lebt erst seit anderthalb Jahren in Amman. Ein Verwandter hat ihm den Job besorgt. Ich wusste vorher nicht, dass viele Gasverkäufer ägyptische Gastarbeiter sind. Ahmad ist mit seinem Kollegen, der den Höllen-Truck fährt, für das Viertel zuständig, in dem ich lebe. Seine Schicht geht von morgens um acht bis halb sieben am Abend. In der Frühe holen sie die vollen Flaschen bei einer Firma ab, dann geht’s los, mit der Karre kreuz und quer durchs Viertel.

"Hat sich schon mal jemand wegen des Liedes beschwert?"

"Nein. Nur über das Dengeln mit dem Schraubenschlüssel."

Wie das Lied heißt, lässt sich nicht klären. Es gibt aber in ganz Amman nur zwei Gas-Truck-Songs! Der andere ist Für Elise . In einer Version, die sich anhört wie von einem pensionierten Panzer-General auf einem Drei-Euro-Kinderkeyboard eingespielt. So gesehen habe ich Glück gehabt mit meiner Wohnungswahl.

Von meinem Arbeitsplatz im Garten sind es exakt 149 Schritte bis zur Moschee um die Ecke. Suhaib al-Subaidi, der Muezzin, ist gerade da, als ich ankomme, und hat noch Zeit, bis das nächste Gebet beginnt. Er hat hier auf dem Gelände der Moschee eine Wohnung. Sein Sohn Jahja macht uns Kaffee.

Der Sohn des Muezzins Scheich Suhaib vor der Moschee © Nadia Bseiso

Ich habe schon früher im Nahen Osten gewohnt, normalerweise wache ich vom Azan, dem Gebetsruf, nicht auf. Aber 149 Schritte: Das ist echt nah. In den vergangenen zwölf Monaten habe ich kaum eine Nacht durchgeschlafen. 3.53 Uhr, zu dieser Zeit hat mich Scheich Suhaib in der Nacht zuvor geweckt: brizzel ... bruzzel ... Allaaaaaahu Akbar. Zeit für das Fadschr-Gebet während der Morgendämmerung.

Ich bitte Scheich Suhaib, mir von seinem Alltag zu erzählen. Als Muezzin, sagt er, sei er nicht nur für den Azan zuständig, sondern auch Stellvertreter des Imams, also des Vorbeters. Der Imam leitet die fünf Gebete und hält am Freitag die Predigt. Wenn der mal nicht kann, springt Suhaib al-Subaidi ein. Der Imam ist sein Vater, das macht es unkompliziert. Die Ausbildung von Scheich Suhaib ist der eines Imams nicht unähnlich: Koranstudien, Scharia-Wissenschaften, die Überlieferungen des Propheten und arabische Sprache hat er studiert. Schon als kleiner Junge fiel seine schöne Stimme auf. Scheich Suhaib ist nicht nur Muezzin, erfahre ich, er ist auch ein gefragter Koran-Rezitator. "Ich rezitiere im Fernsehen, bei großen Veranstaltungen, zuletzt beim Gipfel der Arabischen Liga, vor allen Königen und Präsidenten." Scheich Suhaib zeigt auf die wahrlich beeindruckende Uhr an seinem linken Handgelenk. "Ein Geschenk von König Abdullah II.", sagt er stolz.

In Jordanien ist der Azan seit einigen Jahren zentralisiert. Früher hat jeder Muezzin selbst vom Minarett gerufen, heute wird der Gebetsruf eines ausgewählten Muezzins über das Radio ausgestrahlt. In der Moschee gibt es einen speziellen Raum, wo Scheich Suhaib fünfmal am Tag den Radioempfänger mit einem Verstärker verbindet, der das Signal dann an die Lautsprecher auf dem Minarett weiterleitet. Deshalb macht es oft kurz brizzel ... bruzzel, bevor der Azan beginnt: der Moment, in dem der Stecker in die Buchse fährt. Nur wenn es Übertragungsschwierigkeiten gibt, darf Scheich Suhaib selber ran. So wie früher.

Die Moschee im Stadtteil Dschabal Luweibdeh: der Prenzlauer Berg von Amman © Nadia Bseiso

Und die Lautstärke? Mein Verdacht ist ja, dass Scheich Suhaib eventuell ab und zu heimlich ein bisschen an den Knöpfen dreht. Und sein Azan deshalb besonders laut ist. Er lacht: "Nein, mein Lieber, so läuft das nicht!" Die Lautstärke habe ein Toningenieur im Auftrag des Religionsministeriums festgelegt, an dem Rädchen werde nicht geschraubt, "hat alles seine Ordnung!".

Abu Aschraf ist mein Nachbar. Seine winzige Nähwerkstatt ist in einem garagenähnlichen Kabuff untergebracht, das an meinen Garten grenzt. Auf zehn Quadratmetern flickt er Löcher, näht Säume, kürzt Hosen. Jeder im Viertel kennt ihn. Abu Aschraf hat mir in diesem Jahr oft geholfen: hat mir gezeigt, wie ich meine Wasserrechnung bezahle; wo ich einen ägyptischen Tagelöhner finde, der meinen Garten umgräbt; oder unter welcher Nummer ich am schnellsten Heizöl kriege.

Jeden Tag nach dem Nachmittagsgebet stellt Abu Aschraf ein paar Plastikstühle und ein Tischchen auf den Gehweg. Dann kommen seine Kumpels, und sie spielen Backgammon bis zum Sonnenuntergang. Die Geräusche sind ungeheuer beruhigend: Erst kommt das leise Prasseln der winzigen Würfel, dann werden die runden Steinchen über das alte Holzbrett bewegt: tack-tackatack-tack. Stundenlang.

Die Nachbarn des Autors beim Backgammon-Spiel. © Nadia Bseiso

An diesem Nachmittag setze ich mich einfach mal dazu. Abu Aschraf, schlohweiße Haare und ein genauso weißes Gewand, freundliche, wache Augen, ist mit seinen 65 Jahren der Jüngste. Er spielt gegen Abu Mutazz, 76, seinen früheren Vermieter. Es schaut zu: Abu Eddi, 84, ein Nachbar, den es vor 50 Jahren aus dem Libanon hierher verschlagen hat. "Fühl mal", sagt Abu Eddi, der ungefähr 1,60 Meter groß ist, und zeigt auf seinen angespannten Bizeps. Beeindruckend.

Das Viertel, in dem ich lebe, heißt Dschabal Luweibdeh. Es ist einer der älteren Stadtteile von Amman. Früher war es ein Nobelviertel. Die leicht heruntergekommenen, aber geschmackvollen Stadtvillen aus den Vierzigern und Fünfzigern künden noch davon. "Damals", schwärmt Abu Aschraf, "war es hier erste Sahne. Die US-Botschaft war noch hier, das Haus des Premierministers, die Residenz des Militärchefs." Heute leben die Wohlhabenden und Wichtigen eher in den neuen Vierteln im Westen der Stadt. Dafür entdecken Künstler und Hipster, Studenten und Galeristen das Viertel wieder. Und westliche NGO-Mitarbeiter. Cafés, Galerien und Restaurants schießen aus dem Boden, es ist sozusagen die jordanische Version des Prenzlauer Bergs, nur viel kleiner. Was ich dabei besonders schön finde: dass Abu Eddi, der sich freitagmorgens im Schlafanzug seine Falafel und sein Hummus an der Bude holt, hier genauso zu Hause ist wie dieser Typ mit dem Glitzeranzug und der gestylten Dogge, der Grünkohl-Smoothies trinkt.

Das Zentrum von Dschabal Luweibdeh ist der Paris-Platz, wo die Kids Skateboard fahren und im Ramadan Lichterketten in den Palmen hängen. Den Weg dorthin, etwa 500 Meter, habe ich fast jeden Tag mehrfach zurückgelegt: An dem Bäcker vorbei, wo ich Manaqisch gekauft habe, also Thymian-Pizza (wenn Sie diese mal probieren möchten, im ZEITmagazin 11/16 und auf zeitmagazin.de finden Sie das Rezept). An der Wäscherei vorbei, aus der meine Hemden zwar sauber, aber mit neuen weißen Flecken vom billigen Waschpulver zurückkamen. An dem Friseur vorbei, der mir mal eine unfassbare Mad Men- Frisur verpasst hat.

Am Rande des Paris-Platzes gibt es eine Bar. "Wie war’s im Irak?", wollte der Kellner immer wissen, sobald ich mal eine Weile nicht vorbeigeschaut hatte. In der Bar kann man ganze Weinflaschen erwerben, was billiger ist, als vier Gläser Wein zu kaufen. Ich habe mich meistens für einen jordanischen Saint George Cabernet Sauvignon entschieden. Trocken, süffig. Wenn am Ende des Abends noch Wein in der Flasche war, schrieb er mit Edding "Yassin" darauf und verwahrte sie bis zu meinem nächsten Besuch.

"Wisst ihr noch", erinnert sich Abu Eddi, "als das hier gar keine Straße war, sondern bloß Lehm?" – "Jaja", antwortet Abu Aschraf. Aber er ist nicht bei der Sache. Er will lieber weiterspielen.

Ich werde das alles vermissen: das Gewusel, das Essen, meinen Garten, die Sonne. Und auch die entspannte Lässigkeit von Abu Aschraf und seinen Freunden, denen es nie langweilig wird, jeden Tag drei Stunden Backgammon zu spielen. Ich gehe zurück in meinen Garten und höre ihnen noch ein bisschen zu: tack-tackatack-tack. Bis bald!


Hinter der Geschichte: Als wir Yassin Musharbash um eine Abschiedsgeschichte aus Amman baten, war seine erste Idee, rätselhafte Gebäude in seiner Nachbarschaft zu ergründen: den Olympischen Club und die Vereinigung der jordanischen Schriftsteller. Das scheiterte aber daran, dass er dort nie jemanden antraf. Dafür kommt sein Lieblingscafé Rumi in seinem neuen Politthriller "Jenseits" (Kiepenheuer & Witsch) vor, der am 7. September erscheint. 

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