Das war meine Rettung "Es konnte jeden an jedem Ort treffen"

Als sie während des Kriegs durch Bosnien fuhr, fragte Marieluise Beck sich, ob sie ihre Kinder wiedersehen würde. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 34/2017

ZEITmagazin: Frau Beck, Sie kamen 1983 mit der ersten Grünen-Fraktion in den Bundestag. Was unterscheidet Sie von der Politikerin von damals?

Marieluise Beck: Wir waren ungeduldig. Unsere Haltung war: "Wenn die da oben nur wollten, könnten sie viel schneller viel mehr ändern." Ich habe gelernt, dass das demokratische System langsam ist und dass diese Langsamkeit ihre Berechtigung hat. Und ich habe gelernt, dass man als Politikerin nicht immer vor Entscheidungen steht, bei denen klar ist, was richtig ist und was falsch. Nehmen Sie Syrien: Vielleicht hätte eine Flugverbotszone vielen Menschen das Leben gerettet. Vielleicht hätte sie aber auch zu einem Luftkrieg mit ganz anderen Dimensionen geführt. Beide Entscheidungen bergen ein Risiko in sich.

ZEITmagazin: Und was verbindet Sie mit der jungen Grünen-Politikerin?

Beck: Dass ich meinen Überzeugungen treu bleiben muss. Wenn die Partei von mir verlangt hätte, gegen meine Überzeugung Politik zu machen, so hätte ich das nicht durchgestanden.

ZEITmagazin: Es gibt in Ihrer Biografie etwas, das mit beidem zu tun hat: Sie waren in den neunziger Jahren eine der ersten Grünen, die für den Einsatz von militärischen Mitteln stimmten. Wie kam es zu dieser Wandlung?

Beck: 1983 dachte ich: Wenn der Gegner käme, würde ich ein weißes Betttuch aus dem Fenster hängen, und der Gegner würde verhandeln. Ich war davon überzeugt, dass für die Kinder der Nationalsozialisten der Pazifismus die einzig logische Konsequenz sein könne. Aber dann kam ich 1993 nach Bosnien.

ZEITmagazin: Mitten im Bosnienkrieg.

Beck: Ja, es war die erste Reise von Bundestagsabgeordneten nach Bosnien. Ich war damals nicht im Bundestag, weil die Westgrünen es 1990 nicht ins Parlament geschafft hatten. Ich wurde aber von den Ostgrünen mitgenommen. Die Kroaten griffen Bosnien von westlicher Seite an, die Serben von östlicher. Die eingeschlossenen Bosnier fragten uns: Was macht ihr eigentlich? Ihr gebt uns keine Waffen, wir sollen uns also nicht verteidigen. Ihr habt Blauhelme hergeschickt, die aber dürfen nur sich selber schützen. Ihre Mission: Sie zählen die Toten und transportieren sie ab. Nicht einmal die Lebensmittel bekommt ihr zu uns durch!

ZEITmagazin: Was haben diese Begegnungen in Ihnen bewirkt?

Beck: Eine 180-Grad-Drehung in meinem Kopf. Nie wieder Aggression ist die eine Seite. Die andere ist: Schutz derjenigen, die zu Angegriffenen werden. Aber um sie zu schützen, braucht man notfalls militärische Mittel.

ZEITmagazin: Man kann sich durch Eingreifen schuldig machen. Aber durch Nichtstun auch. Wie hält man das aus, wenn man als Politiker darüber zu entscheiden hat?

Beck: 1995 habe ich im Bundestag für einen UN-Einsatz in Bosnien gestimmt, mit der schwarz-gelben Regierung und gegen die große Mehrheit der Grünen-Fraktion. Da habe ich geweint. Das war noch vor Srebrenica, damals war auch Joschka Fischer noch gegen militärische Einsätze.

ZEITmagazin: Sind Sie bei Ihren Reisen ins Kriegsgebiet in Gefahr geraten?

Beck: Einmal war ich in einer Kleinstadt. Die serbische Artillerie schoss von den umliegenden Bergen in die Täler. Man konnte davon ausgehen, dass bekannt war, in welchem Gasthaus ich wohnte. Eines Tages schlug während meiner Abwesenheit direkt hinter dem Haus eine Granate ein. Mein Begleiter meinte: "Da ist uns wohl ein Gruß geschickt worden." Es konnte jeden an jedem Ort treffen.

ZEITmagazin: Hatten Sie keine Angst?

Beck: Bei der Rückreise 1993 kamen wir zwischen den Fronten in ein Dorf, das vorher von kroatischen Extremisten überfallen worden war. Wir hörten das Artilleriegedonner, die nahe Front verschob sich täglich. Wir mussten entscheiden: Bleiben wir und warten, eine Woche, zwei Wochen? Oder fahren wir durch die Front? Einige von uns waren völlig aufgelöst. Auch ich habe gedacht: Was ist, wenn du deine Kinder nicht wiedersiehst? Nie wieder habe ich eine solche Angst verspürt. Ich stimmte fürs Weiterfahren, das machten wir dann auch. Es war die richtige Entscheidung. Heute sagt meine Tochter: Mama, das darf man als Mutter von kleinen Kindern eigentlich nicht machen. Aber da war etwas, was ich tun musste. Und das ist so geblieben: Wenn ich jetzt in die Ukraine reise, habe ich oft ein Déjà-vu.

ZEITmagazin: Woher kommt dieser innere Drang?

Beck: Ich glaube, diese Haltung wurzelt in der Geschichte meiner Familie. Als Kind aus einer Familie, die man heute als "Mitläufer" bezeichnen würde, habe ich das Gefühl, ich müsse mich anders verhalten. Die Konsequenz für mich ist, dass ich versuche, mich auf die Seite derjenigen zu stellen, die geschützt werden müssen.

Das Gespräch führte Anna Kemper. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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