Übergewicht Immer auf die Dicken

ZEITmagazin Nr. 34/2017
Unser Autor, ehemaliger Bundesrichter und zwei Jahre lang Kolumnist bei ZEIT ONLINE, teilt gern aus und kann gut einstecken. Aber weil in jedem Porträt über ihn seine Körperfülle erwähnt wird, fragt er sich: Warum ist der dicke Mann eigentlich das letzte Lebewesen, über dessen Aussehen man sich öffentlich lustig machen darf? Von

I. "Dieser massigen Erscheinung entströmt ein leiser Ton." Dieser Satz ist unzweifelhaft ein empathisches Highlight. Sie dürfen, LeserInnen, vorerst noch raten, wer so beschrieben wurde; die Auflösung folgt später.

Die vorübergehende menschliche Körperlichkeit ist eine spannende Sache. Nicht allein weil sie sich auf diese Weise vom Weltgeist abhebt, andererseits aber im Universum weder Energie noch Atome verloren gehen können. Sondern vor allem, weil der Körper die Wohnung des Ich ist, was jeder Hund weiß, dem auf den Schwanz, und jede Dichterin, der auf das Herz getreten wurde.

Geht man in die Einzelheiten, wird es schwieriger: Sitzt das Ich im Herzen, wie es der Romantiker vermutet, die Hand auf den rechten Fleck legend? Wohnt es im präfrontalen Cortex, wie es uns die phrenologische Zerebralwissenschaft glauben machen will? Oder sind nicht Körper und Geist am Ende eins, sodass wir zwar nicht nur, aber eben auch mit der Leber denken, mit dem Ohr fühlen, mit den Fingerspitzen träumen?

II. Ich, der übergewichtige Autor, möchte hier keinesfalls den Eindruck erwecken, ich sei im vorliegenden Zusammenhang ein Opfer, wolle einen Spendenaufruf entwerfen oder eine Arbeitsgemeinschaft der unterdrückten nahrungsverschlingenden Mehrheit gründen.

Vielmehr geht es mir darum, dass der menschliche Körper, aktuell in etwa sieben Milliarden Varianten materialisiert, ein beeindruckendes Feld der metaphorischen Welterkenntnis ist: Wer wüsste nicht dank der Hilfe der Presseorgane, was uns Frau Merkels Dekolleté, Herrn Trumps Händchen und Herrn Kims Haupthaar oder Frau Mays Hüftknick zu sagen haben könnten?

Cicero hatte große Füße, so munkelt man. Der Prinz von Wales soll, sagen die Philosophen der metaphorischen Ganzheitlichkeit, abstehende Ohren haben und Joachim Gauck problematische Zähne, die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern Hautprobleme, der Ministerpräsident von Hessen je nach Beleuchtung eine gewisse Ähnlichkeit mit Rocky Balboa. Die entscheidende Frage ist: Was sagt uns das alles? Ist die Zierlichkeit des Bundesjustizministers Sinnbild filigraner Gesetzeskunst, der naturgewachsene Drei-Wetter-Helm der Traditionsverteidigungsministerin genetischer Ausdruck von Kampfkraft?

III. Vor allem eine Frage ist hier zu beachten: Was darf man überhaupt sagen? Welche Körpergestaltungen bieten sich dem berichtenden oder kommentierenden Medium zur Veranschaulichung von Meinungen oder Werten an, welche sind anrüchig, welche streng verboten?

Letzteres ist einfach: Keine Behinderungen und Unfallfolgen. Würde man über Menschen mit Hasenscharten-Operation oder mit Suchtproblemen lachen, gäbe es Aufruhr, Empörung und mindestens eine Gegendarstellung. Auch glatzköpfige Haushaltspolitiker nach Chemotherapie oder fettleibige Flüchtlingskinder sollte man, wenn es geht, nicht mit metaphorischen Parallelen zwischen körperlichem Defizit und inhaltlichem Anliegen behelligen.

Ganz schlecht sind auch Hautfarben: Den Gag mit dem "wunderbaren Neger" kriegt man auch als Innenminister höchstens ein Mal verziehen. Primäre Geschlechtsmerkmale als Botschafter geistiger Größe benutzen allenfalls Präsidenten mit langem gelbem Hinterhaupthaar, das von slowenischen Models nach vorn über die Stirn geklebt wird. So etwas geht in Florida, aber nicht in Frankfurt. Sekundäre Geschlechtsmerkmale gehören zu den problematischen Metaphern. Es ist ja schon fraglich, ob Männer überhaupt sekundäre Geschlechtsmerkmale besitzen. Manche Journalisten versuchten sich an den Bärten von Schulz oder Thierse, aber mehr als ein vager Verdacht der Unordentlichkeit ließ sich daraus nicht quetschen.

Bei den Frauen ist es theoretisch etwas leichter, dafür aber in der Praxis hochgradig vermint. Zweifellos könnte man die Größe oder Form der Brüste von Bundesministerinnen in metaphorische Beziehung setzen zur Fürsorglichkeit von Familienpolitik oder zum Freihandel. Man darf es aber nicht. Auf keinen Fall!

Auf kleine, liebenswerte Einzelheiten wiederum darf hingewiesen werden, sie haben aber eine zu wenig plakativ vereinfachte Botschaft und verhallen daher im intuitiven Niemandsland: Wer will schon lesen, dass der in diesem Jahr berühmteste aller Dirigenten eine starke Nasenbehaarung aufweist, die Talkshowmasterin angewachsene Ohrläppchen hat oder der Bundestrainer der rhythmischen Sportgymnasten einen Hallux valgus?

Das Untergewicht könnte ein starkes metaphorisches Signal in die Welt senden: als Schrei nach Liebe, Sinnbild der Unbehaustheit, Protest gegen die Biologie. Aber gerade dies macht es auch wieder ungeeignet: zu viel Opferleid, zu wenig Häme. Untergewicht haben außer Skispringern und Marathonläufern, bei denen es mühsam herbeipharmaziert werden muss, ganz überwiegend Frauen. Hier macht sich allenfalls die Bunte gelegentlich Sorgen um die eine oder andere Prinzessin, wenn deren Schulterspitzen das Abendkleid zu durchstechen drohen, aber die sinnbildliche Botschaft des Jammers wird strikt auf den Liebes- oder Scheidungskummer beschränkt. Ansonsten bleibt die Magersucht das Spielfeld gelegentlicher Betroffenheit sowie das Erfolgsgeheimnis von Fernsehmoderatorinnen.

Die Sache ist also nicht einfach. Körper sind sensibel, weil in ihnen die zarte Seele und der lederne Wille wohnen. Heutzutage darf man sich nicht mehr einfach erheben oder lustig machen über die unterdurchschnittliche Körpergröße philippinischer Kindermädchen oder die erstaunlichen Hinterteile zentralafrikanischer Ärztinnen. Wir sind metaphorisch zurückgeworfen auf das Einfachste: Fett oder Nichtfett.

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