Voyeurismus Das unsichtbare Verbrechen

Nach einigen Wochen Recherche verfolgt mich die Angst vor heimlichen Bildern bis in den Alltag. Ich ziehe mich in meiner Wohnung nur noch an Orten um, die meine Nachbarn nicht einsehen können. Ich schaue den Mann, der mir in der U-Bahn gegenübersitzt, misstrauisch an. Schreibt er wirklich auf seinem Handy oder filmt er mich gerade?

Auf der Pornoseite gibt es nicht den typischen Täter. Einer behauptet, er sei der Neffe, der auf der Familienfeier den Po seiner Tante fotografiert. Ein anderer ist der Nachbar, der ein lesbisches Pärchen durch die Lücken eines geschlossenen Rollladens filmt. Und dann gibt es noch Männer, die gewöhnliche Privatfotos von Frauen auf die Seite laden, zum Teil mit vulgären oder obszönen Titeln, wie der angebliche Münchner Lehrer, der Bilder seiner Schülerinnen und Klassenfotos teilt.

Manche Voyeure brüsten sich damit, sie hätten drahtlose Videokameras in Schlaf- und Badezimmer der Nachbarn installiert. Einer behauptet, er sei wieder mal in die Wohnung der Nachbarin eingestiegen. Der angebliche Eindringling hat Fotos davon gemacht, wie er sein Sperma auf den Slips der Frau hinterlässt. Ein anderer stellt Videos ein, in denen er in Spritzen gefülltes Sperma auf Frauen sprüht, denen er auf der Straße oder im Supermarkt begegnet. Eines dieser Videos wurde mehr als 120.000-mal geklickt.

Schließlich lande ich auf "Roberts" Profil. Er ist mit auffallend wenigen anderen Leuten vernetzt. Er hat 73 Freunde, seit seiner Anmeldung hat er drei Videos hochgeladen. Zwei der Vorschaubilder zeigen eine Frau, die wie leblos auf einem Bett liegt. Ich klicke darauf. Vor meinen Augen spielen sich Szenen ab, die wie eine Vergewaltigung aussehen. Eine Minute dauert der erste Clip. Der zweite 46 Sekunden.

In beiden Videos ist dieselbe dunkelhäutige Frau zu sehen. Ihre Augen sind geschlossen, der Mund steht offen. Sie scheint bewusstlos zu sein. Sie ist nicht allein in diesem Raum, der laut "Robert" ein Hotelzimmer sein soll. Mit im Bett ist der Mann, der sie filmt und offenbar gleichzeitig vergewaltigt – zumindest sieht es so aus. Sein Gesicht ist nicht zu sehen. Seit über drei Jahren steht das Video online, 70.208-mal wurde es angesehen, 17 Menschen haben auf "Gefällt mir" gedrückt. "Einfach irrsinnig geil, eine Schlafende zu ficken", hat jemand kommentiert.

Ein anderer Mann hat 89 Videos hochgeladen. Sie zeigen immer wieder dieselbe Frau beim Duschen und beim Sex. Zu einem Film, auf dem sich die Frau entkleidet, schreibt er: "Ehefrau zieht sich aus. Ehemann filmt heimlich. Die Welt sieht zu :-)" In einem Video vergeht er sich an ihr, während sie zu schlafen scheint. Sie wisse nicht, was er mit ihr mache, schreibt er. Er liebe es, seine Frau öffentlich auszustellen.

Ich finde Hunderte Videos, auf denen schlafende oder bewusstlose Frauen offenbar missbraucht werden. Manche Männer filmen die Gesichter, manche nur die nackten Körper. Auffallend ist, dass viele Männer Videos von jeweils derselben Frau anbieten. Manche bezeichnen sie als ihre Frau, Ex-Frau, Mutter oder Schwester.

"Manfred", ein Mann mit einer "Vorliebe für schlafende und betrunkene Girls", bittet um Rat, weil er seine "Frau oder Schwägerin gerne mal total weggetreten ficken" möchte. Er habe bereits Schlaftabletten in ihre Getränke gemischt, sie hätten dies aber immer am Geschmack bemerkt und diese weggeschüttet. Andere Nutzer fragen, ob die Frauen unter Rohypnol stünden, einem starken Schlafmittel. Einer schreibt: "K.-o.-Tropfen, wo gibt es die?" Die mutmaßlichen Täter schweigen, zumindest in den Kommentaren.

Eine Serie von Fotos zeigt ein Mädchen, das minderjährig aussieht. Der Mann, der die Bilder hochgeladen hat, schreibt dazu, er habe das Mädchen in ein Hotelzimmer gelockt und betrunken gemacht. Er behauptet, er habe es auf Facebook angeschrieben, es sei völlig besoffen gewesen. Durch das Jammern des Mädchens sei er sich sicher, "der Erste" gewesen zu sein.

"Robert" hat außer den beiden Videos noch einen weiteren Clip und mehrere Bilderreihen eingestellt, eine heißt "Ich". Bilder, die vermutlich ihn zeigen. Ich kann die Bilder allerdings nicht sehen, denn wie bei Facebook kann jeder Nutzer bestimmen, wer welche Inhalte sehen darf und wer nicht.

Zum ersten Mal stoße ich auf Barrieren. Um in den gesperrten Bereich zu kommen, muss ich mich registrieren. Viel braucht es dafür nicht: einen Namen, eine E-Mail-Adresse, mein Geschlecht, und ich muss bestätigen, dass ich mindestens 18 Jahre alt bin. Ich melde mich als "Julia" an, 18, Schülerin. Mir ist klar, dass die Täter ihre Opfer nicht auf der Pornoseite suchen, aber Frauen sind auf dem Portal selten und damit begehrt. Ich ziehe Leggings und ein Top an, schreibe meinen Nutzernamen auf ein Blatt Papier, beiße lächelnd in den Zettel und schieße ein paar Selfies. Das Gesicht schneide ich oberhalb der Lippen ab und stelle das Bild auf mein Profil.

Ich besuche die Website ab jetzt nur noch über eine verschlüsselte Verbindung, die meine IP-Adresse verschleiert. So kann niemand nachvollziehen, von wo aus ich mich angemeldet habe.

Bald wird mein Postfach mit Nachrichten geflutet. In den ersten 24 Stunden melden sich etwa 200 Nutzer bei mir. Einige äußern pädophile Fantasien, und einer fragt, ob ich nicht doch erst 13 sei. Manche beschreiben, wie sie mich, "Julia", erniedrigen oder vergewaltigen wollen.

Ich versende Freundschaftsanfragen an jene, deren Profile ich bislang nicht oder nur teilweise sehen konnte. Manche befreunden sich mit mir. Darunter ist "Robert", von dem das mutmaßliche Vergewaltigungsvideo stammt. Als wir befreundet sind, bekommt er ein Gesicht: Er ist ein Mann Anfang 30, dunkle Haare, er hat sich mit halb heruntergelassener Hose im Spiegel fotografiert.

"Bist das in den Videos alles du?", frage ich ihn. "Ja, das bin ich. Willst auch mal welche machen?", antwortet er. Es scheint ihm nicht bewusst zu sein, wie verstörend die Szenen in den Videos sind. Auf seinem Profil steht, er lebe in Augsburg und sei Christ.

"Robert" gehört zu denen, die ihr Gesicht offen zeigen. Manche User verpixeln sich auf Fotos, wie der Mann mit schwäbischem Dialekt, der seine 86-jährige Schwiegermutter unter der Dusche begrapscht. Aber auf einem seiner Videos hat er sich für den Bruchteil einer Sekunde aus Versehen selbst gefilmt.

Nach drei Wochen als "Julia" stoße ich jedoch erneut an Grenzen. Die meisten Voyeure nehmen meine Anfragen nicht an, oder sie blockieren mich. Sie sind nicht auf der Pornoseite, um mit einer 18-Jährigen zu chatten, sie suchen Gleichgesinnte. Um zu verstehen, wie das Netzwerk funktioniert, muss ich einer von ihnen werden. Damit sie mir vertrauen, brauche ich eigene Inhalte. Es ist eine Entscheidung, über die ich lange nachdenke. Ich weiß, dass ich damit sehr weit gehe, vielleicht zu weit.

Bevor ich meinen Plan umsetze, stecke ich mir Grenzen. Ich kommentiere nicht die Inhalte anderer, ich antworte nichts Erniedrigendes auf Fotos von Frauen, die mir geschickt werden. Alle Fotos, die ich für meine Recherche verwende, zeigen mich. Ich bin darauf nicht nackt.

Mit dem Selbstauslöser meines Handys schieße ich Voyeur-Fotos von mir im Badezimmer. Ich orientiere mich dabei an dem, was ich auf xHamster sehe. Ich trage ein T-Shirt, mein Gesicht ist nicht zu erkennen. Über ein anderes Profil als "Tobi" lade ich die Fotos in den vorgeschlagenen Kategorien "Versteckte Kamera", "Teens" und "Voyeur" hoch. In diesen Kategorien habe ich viele der Spanner-Videos gefunden. Jetzt nehmen die meisten Voyeure die Freundschaftsanfragen an.

"Hallo, schau mal auf eBay", schreibt "Michael" auf meine Pinnwand. "Kleiderhaken an der Badezimmertür sind schon eine tolle Erfindung." Unter diesen Worten ist ein Link, der mich auf die Verkaufsplattform führt: "Kleiderhaken mit versteckter HD Spy Kamera". 10,85 Euro kostet der Haken mit der Minilinse, er wurde angeblich 79-mal gekauft.

Eine "Claudia", vermutlich ein Mann, schickt mir einen dreiseitigen Text mit Voyeur-Tipps per Mail. "Spycams gibt es getarnt als verschiedene Alltagsgegenstände", heißt es darin. "Suche dir eine aus, die dort nicht auffällt, wo du sie einsetzen willst. Beispiel: Eine Spycam getarnt als Autoschlüssel wird im Bad sicher auffallen, da dieser Gegenstand dort nicht hingehört! Daher immer was aussuchen, was passt, zum Beispiel fürs Bad eine Spycam im Duschgel, fürs Schlafzimmer eine Spycam im Wecker, USB-Stick, Powerbank. Je besser die Tarnung, desto sicherer ist es für dich! Bei Duschgel besser eine Herrenmarke wählen. Wir wollen ja nicht, dass sie es benutzt und sich wundert, dass nichts rauskommt."

"Claudia" erklärt, wie man eine Kamera in öffentlichen Umkleiden versteckt. Zwei Spycams empfiehlt "Claudia" besonders. "Die eine hat auch WLAN. Du kannst sie mit der Handy-App fernsteuern und live zusehen!" Die andere ist in einem Netzteil versteckt. "Da musst du keine Sorge haben, dass der Akku leer ist. Allerdings klappt das nur, wenn eine Steckdose gegenüber der Dusche oder dem Klo ist." Man kann auch fertige Spycams kaufen, getarnt als Rauchmelder oder Feuerzeuge.

Unter den Voyeuren gelten eigene Regeln. Sind ihre Interessen bedroht, berufen sich manche aber auch auf deutsches Recht. Sie drohen mit Anzeige, falls ihre Filme kopiert und anderswo gezeigt würden. So heißt es auf dem Profil von "David", der seine Frau heimlich beim Duschen gefilmt hat, etwa: "Gemäß BGH-Urteil vom bla, bla: Finde ich meine Bilder auf anderen Internetseiten, ohne meine ausdrückliche Zustimmung wieder, werden rechtliche Schritte eingeleitet. Ihr kennt das ja." Und unter Szenen, die eine Vergewaltigung zu zeigen scheinen, beschwert sich jemand, dass ihm das Video geklaut worden sei.

Die meisten Voyeure sind täglich mehrere Stunden online. Besonders aktive Nutzer erarbeiten sich Titel wie "Pornokönig" oder "xHamster-Legende", die die Website selbst verleiht. So wie xHamster-Legende "Helmut", der seit März 2014 über 22.000 Kommentare abgesetzt hat, im Schnitt 20 pro Tag.

In den Kommentaren beschreiben einige Nutzer Fantasien, die bis zur Tötung der Frau reichen.

"Helmut" lädt Privatfotos von Frauen hoch, bei manchen nennt er den Wohnort oder den Arbeitsplatz. 2014 veröffentlicht er das Foto einer jungen Frau, sie trägt ein rotes Kleid und lehnt an einem Zaun. "Helmut" behauptet, die Frau sei seine Tochter, 18 Jahre alt – er nennt auch einen Vornamen. In die Kommentare schreiben einige Nutzer Gewaltfantasien, die bis zur Tötung der Frau reichen. Einer beschreibt, wie er die Frau vergewaltigen wolle – "und dann hier verbuddeln". "Helmut" schreibt, er wolle beim Vergewaltigen "mit einer Maske mitmachen".

"Helmut" ist so besessen davon, dass einige Nutzer ihn sogar bremsen, ungewöhnlich bei xHamster. "Musst sie ja nicht gleich vergewaltigen, aber richtig durchficken."

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