Voyeurismus Das unsichtbare Verbrechen

Im Dezember 2015 postet "Helmut" einen "Nuttenausweis" der jungen Frau. Auf der Montage ist wieder das Foto zu sehen, auf dem sie das rote Kleid trägt. Zwei Monate später, im Februar 2016, postet er den Ausschnitt eines Stadtplans und die Frontansicht eines Geschäfts für Frauenbekleidung. Auf der Karte ist mit einem Pfeil die Adresse markiert, hier arbeitet die Frau angeblich. "Da werd’ ich mal einen Besuch abstatten", kommentiert jemand.

Gibt es diese Frau, und ist sie tatsächlich belästigt worden? Ein Anruf bei dem Geschäft. 2016 hat eine junge Frau dort gearbeitet, die so heißt, wie "Helmut" angegeben hat. Sie ist heute 21, und ich treffe sie in Dresden in der Nähe des Ladens. Sie wusste nichts davon, dass Fotos von ihr auf einer Pornoseite stehen. "Das sind alles Facebook-Bilder von mir", sagt sie. Vor eineinhalb Jahren hat sie ihren Facebook-Account gelöscht, nachdem Profile ihrer Freunde gehackt wurden. Auf diese Weise könnte ein Fremder an die Fotos gekommen sein. Oder "Helmut" stammt aus ihrem Umfeld. Ich zeige ihr weitere Fotos von Frauen, die er veröffentlicht hat. Auf einem erkennt sie die Freundin ihres Bruders. Auch bei ihr hat "Helmut" den richtigen Namen angegeben. Woher weiß er das alles? Das bleibt ungeklärt. Belästigt oder bedrängt worden sei sie nicht, sagt die junge Frau. Allerdings hat sie wenige Monate nach der Veröffentlichung der letzten Fotos den Arbeitsplatz gewechselt.

War die Drohung, sie in dem Geschäft zu besuchen, nur Teil einer Fantasie? Wie wahrscheinlich ist es, dass solche Vorstellungen Realität werden?

Dem Sexualwissenschaftler und Sexualmediziner Peer Briken, Direktor des Instituts für Sexualforschung an der Uni-Klinik Hamburg-Eppendorf, ist die Website bekannt. Briken, 48, behandelt seit fast 20 Jahren Patienten mit sexuellen Störungen, darunter auch Sexualstraftäter. In seiner Ambulanz sieht er Voyeure allerdings nur selten, nämlich dann, wenn sie wegen anderer Sexualstraftaten bei ihm landen. Voyeure, die sich auf Pornoseiten treffen, empfänden oft Lust an der Machtausübung. "Es geht vielleicht darum, noch ein zweites Mal einen Akt gegen den Willen der Person zu vollziehen und damit Macht auszuüben oder über die Vernetzung Anerkennung zu bekommen."

Häufig würden zwar nur Fantasien geäußert und nicht in die Tat umgesetzt, sagt Briken. "Doch bei anfälligen Personen entsteht durch die Vernetzung und das gegenseitige Anstacheln unter Umständen ein erhebliches Risiko, zum Täter zu werden." Als Gerichtsgutachter sind Briken Männer begegnet, die erst Videos von Übergriffen auf schlafende Frauen im Netz ansahen und dann selbst zu Tätern wurden. "Der Voyeurismus kann ein Vorbote für schwere Sexualstraftaten sein."

Auf der Pornoseite lässt sich verfolgen, wie Voyeure extremer werden: Erst hält jemand einer schlafenden Frau die Kameralinse zwischen die Beine. Einige Wochen später filmt er, wie er mit einer anscheinend schlafenden Frau Sex hat, ohne dass sie aufwacht – und wird dafür gelobt.

Ein Nutzer bietet sich selbst als Vergewaltiger an. Er wendet sich an Männer, die zusehen wollen, wie ihre Frau vergewaltigt wird. "Wenn sie dann tief schläft, rufst du mich zu dir."

Die privaten Nutzer verdienen mit den Klicks kein Geld. Auf xHamster sind Videos die Währung, über die Tauschgeschäfte abgewickelt werden. Manche, die Voyeur-Videos drehen, benutzen sie, um an andere Inhalte zu kommen. Wie "Konstantin", er hat eine Kamera in einem Dixi-Klo auf einem Musikfestival installiert. Er lockt mit diesen Videos andere Männer an.

"Konstantin" hat Screenshots hochgeladen und die Clips so geschnitten, dass die Frauen nicht beim Urinieren zu sehen sind; das sei auf der Pornoseite verboten, schreibt er. Die besten Videos könne er nur verschicken, heißt es auf seiner Profilseite. Ich melde mich bei ihm. "Wenn du die guten Videos sehen möchtest, müssen wir uns auf Skype connecten", antwortet er. "Dort kann ich dir die restlichen 46 Videos schicken :)" Auf Skype nennt er sich "Albert Einstein". Er sendet mir eines der Videos und fordert dann eine Gegenleistung. "Ich teile sie gerne", schreibt er. "Aber ich hätte auch gerne was im Tausch dafür, du verstehst?" Meine Badezimmer-Fotos interessieren ihn nicht. Er will private Nacktfotos von Frauen, die ich persönlich kenne, ob Ex-Freundin, Schwester oder Nachbarin sei egal. "Also keine Fotos aus dem Internet, sondern Sachen, die nur du hast." \Als "Tobi" treffe ich auf weitere Voyeure, einige melden sich selbst bei mir. Wahrscheinlich sind da noch viel mehr, viel extremere Voyeure, sie treten nur nicht so offen auf. Darauf deuten einige Profile hin, die nicht auf meine Freundschaftsanfragen reagieren und auf die ich so nicht zugreifen kann. Damit mir diese Nutzer vertrauen, brauche ich andere Bilder.

Wieder hadere ich lange mit mir. Mit einer Freundin stelle ich schließlich Szenen nach. Wie zuvor halte ich mich an meine Regeln: keine Nacktheit, mein Gesicht ist von meinen Haaren verdeckt und nicht erkennbar, ich trage T-Shirt und Minirock. Scheinbar bewusstlos liege ich auf einem Bett, in meiner rechten Hand eine fast leere Rumflasche. Ich lade Fotos davon hoch – unter den Titeln "Chantal abgefüllt" und "Besoffene Teenie-Freundin". Zumindest versuche ich es, doch die Bildergalerien werden sofort gelöscht. Ich schaue mir die Regeln von xHamster genauer an. Demnach sind "minderjährige Personen, Tiere, Vergewaltigung, Inzest, Gewalt, Blut, Scheiße, Kotze und andere widerwärtige Dinge" verboten. Auch Videos von "betrunkenen, betäubten, bewusstlosen oder schlafenden Personen" sind nicht erlaubt. Sonderbar, denn ein Clip mit dem Titel "Besoffener Schlampe ins Gesicht gewichst" steht seit Februar 2009 online und wurde bereits über 127.000-mal aufgerufen. Darin vergeht sich ein Mann anscheinend an einer bewusstlosen jungen Frau. Auf Anfragen des ZEITmagazins antwortet xHamster nicht. Allerdings werden zwei Videos und eine Bildergalerie, auf die ich in meiner Anfrage hinweise, kurz darauf gelöscht – darunter ein Video von "Robert". Auch der oben erwähnte Clip verschwindet plötzlich.

xHamster hat anscheinend ein spezielles Prüfsystem. Manche Wörter verzögern die Freischaltung und führen zu einer Überprüfung. Viele umgehen das, indem sie den Videos harmlose Titel geben, wie "Der offene Mund meiner Frau". Die Titel sind nicht wichtig, die Nutzer der Website sind schließlich eng vernetzt und wissen genau, wo sie was finden.

Ich orientiere mich jetzt an dieser Strategie. Sobald ich eine Schnapsflasche auf den Bildern verpixele und den Fotos einen harmlosen Titel gebe wie "An einem Samstagabend im Mai", hat die Website kein Problem mehr damit, dass da ein Mädchen scheinbar bewusstlos im Bett liegt und dem Filmenden ausgeliefert ist.

In den nächsten 24 Stunden wird die Galerie 300-mal angeklickt. "Die hättest du abfüllen und durchficken sollen ;)", kommentiert jemand. Und in meinem Postfach landen Nachrichten von Leuten, die ich zuvor nicht erreicht hatte. Nun melden sich auch Männer, die selbst extreme Videos eingestellt haben. Sie schreiben mir im Chat, sie hätten die Frauen betrunken gemacht oder in ihrer Tiefschlafphase missbraucht. In wenigen anderen Videos schreien die Frauen auch und versuchen, den Mann wegzustoßen. Sie wirken benommen. Möglicherweise stehen sie unter Drogen.

Jens erwähnt ein Putzmittel, mit dem man Frauen bewusstlos machen könne.

Dann meldet sich "Laura" bei mir. "Laura" findet meine Bilder "mutig". "Laura" heißt eigentlich Jens, zumindest sagt "Laura" das. "Freu mich voll, endlich mal auch so eine Sau wie mich getroffen zu haben." Er habe Sex mit Frauen, "auch wenn ein paar davon es jetzt nicht unbedingt wollten". Er stehe darauf, wenn Frauen bloßgestellt werden. Wir verabreden uns zu einem Chat bei Skype. "Ich selbst habe Erfahrung gemacht mit Vergewaltigung, ich hoffe, das ist okay für dich", schreibt er.

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