Voyeurismus Das unsichtbare Verbrechen

Jens gibt mir ungefragt Vergewaltigungstipps. Er erwähnt ein Putzmittel, mit dem man Frauen bewusstlos machen könne. "Kannst ganz legal im Internet kaufen", schreibt er. Immer wieder geht es auch um meine Fotos. "Was hast du alles mit ihr gemacht?", fragt Jens. Immer wieder bittet er um Privatfotos, er will das Gesicht der Frau auf meinen Fotos sehen, also mein Gesicht.

Es gehe ihm um Erniedrigung, um Bloßstellung, um Macht, gibt er zu. "Ich würde ihr zu gern in die Augen schauen, sehen, welchem Mädel dies angetan wurde", schreibt er.

"Laura" schreibt im Chat, auch für ihn gebe es Tabus. Also keine Kinder, "keine bleibenden Schäden", und schließlich habe er noch nie jemanden entführt. Auf den Fotos, die er verschickt, seien nur Frauen, die er kennt. Gut, außer die eine aus der Disco. Die betäubt war, durch jemand anders, wie er betont. Die wahrscheinlich gar nicht wisse, was er mit ihr im Treppenhaus getan hat. Ungeschützt. Der Frau gehe es gut, schreibt "Laura". Zumindest sage das ihr Facebook-Profil. Mit all seinen Opfern, insgesamt wohl acht Frauen, sei er heute "cool". Keine habe ihn angezeigt.

"Laura" gibt im Chat einige Hinweise auf sich. Er schickt Fotos der Frauen, die er angeblich vergewaltigt hat. Alle Spuren darauf führen nach Karlsruhe. "Laura" nennt mir Vornamen der Frauen, deren Bilder er verschickt – ich finde drei von ihnen auf Facebook. Ich schreibe sie an. Zwei reagieren nicht, eine blockiert mich.

"Laura" schreibt, er habe "sauviel" in Richtung Vergewaltigung auf seinem Rechner. Mit 52 Nutzern habe er bereits Bilder getauscht. "Habe denen aber natürlich mein Wort gegeben", schreibt er. "Das ist so ein bisschen Ehrenkodex. Auch Kinderzeugs hat man mir schon schicken wollen, da habe ich aber abgelehnt, das geht gar nicht."

Natürlich kann das, was "Laura" schreibt, alles gelogen sein. Auch einzelne Filme können Fälschungen sein, meine Fotos sind es ja auch. Es gibt sogar Pornofirmen, die sich auf Videos vorgetäuschter Vergewaltigungen spezialisiert haben. Die sind aber professionell produziert. Die Videos auf xHamster sind anders, oft wackelig mit Handy-Kameras gefilmt. Sie wirken auf mich echt.

Manche Nutzer versuchen zu belegen, dass die Frauen tatsächlich betäubt sind. In vielen Videos werden offenbar bewusstlosen Frauen die Augenlider hochgezogen. Die Männer nennen das "eyecheck", Augencheck – es soll zeigen, dass die Frau nicht nur schläft oder so tut, sondern wirklich bewusstlos ist. Auf xHamster ist seit fünf Jahren eine Bilderreihe online, die ausschließlich solche eyechecks zeigt. In einem Video drückt jemand einer Frau erst die Augen auf, dann drückt er ihr mit dem Daumen den Kiefer auseinander, sie bewegt sich nicht. Als er den Finger wieder aus dem Mund nimmt, rutscht ihr die Zunge zwischen die Zähne.

Nach 135 Tagen als "Tobi" habe ich 159 "Freunde" auf xHamster. 56 von ihnen sind Voyeure, acht haben Videos mutmaßlicher Vergewaltigungen hochgeladen. Ich habe gut 200 deutsche Nutzer gefunden, die Voyeur- oder Missbrauchsvideos auf xHamster teilen. Die Klickzahlen deuten darauf hin, dass es auch außerhalb dieses Rings Tausende Menschen geben muss, die sich diese Videos ansehen.

Nun melde ich mich bei jenen, die mich am meisten beschäftigt haben. Diesmal als Journalistin. Neun Nutzer frage ich an. Ich will von ihnen wissen, ob ihre Videos echt sind oder nur gestellt.

Drei von ihnen antworten. Darunter ist auch "Robert", der Mann mit dem Hotelzimmer-Video. "Robert" versichert, die Frau sei keine Schauspielerin – und sie sei auch nicht bewusstlos. Demnach müsste die Frau freiwillig mitgemacht haben. Nach der Antwort blockiert er mein Profil und verändert die Einstellung an seinen Videos so, dass sie nur noch Freunde sehen können.

"Laura" antwortet, alle seine Geschichten über Vergewaltigungen seien erfunden.

Der Nutzer, der Frauen auf der Straße mit Sperma bespritzt, schreibt, er sei nicht der Urheber der Videos. Er bekomme sie von einem US-Unternehmen. Die Frauen in den Videos seien Prostituierte. "Die Videos wurden nicht in Deutschland gedreht", behauptet er. In den Aufnahmen sind jedoch Autos mit Göttinger Nummernschildern zu sehen.

"Manfred" antwortet nicht, löscht aber den Text aus dem Profil, in dem er nach Vergewaltigungstipps gefragt hat. Seine Videos lässt er online.

Keiner löscht nach meiner Anfrage sein Profil, bis auf einen sind alle weiterhin aktiv. "Laura" ist täglich online. In dem Profil steht immer noch: "Bin interessiert an Bildertausch".

Die Berliner Polizei teilt mit, es liefen Ermittlungen gegen xHamster-Nutzer. Missbrauchs- oder Vergewaltigungsvideos habe man bisher nicht festgestellt. Ermittelt werde nur, wenn jemand Anzeige erstatte. Das Verfahren gegen "Hengst", der Frauen auf der Straße gefilmt hat, ist vor einem Jahr eingestellt worden: Es habe kein hinreichender Tatverdacht bestanden, so die Staatsanwaltschaft.

Auf xHamster fallen mir einige Leute auf, die lange sehr aktiv waren, aber plötzlich verschwunden sind. Auf einer Pinnwand eines verlassenen Profils beschwert sich ein Nutzer über "die jüngste Zensur bei Schlaf- und Besoffenen-Videos".

Ich suche im Internet nach dem inaktiven Nutzer und finde zwei Profile auf anderen Pornoseiten. Im Vergleich zu diesen Seiten ist xHamster harmlos. Auf vielen Fotos sieht man offenbar bewusstlose Frauen, denen die Augen geöffnet wurden. Ihre Lider sind mit Klebestreifen befestigt. Wie ich feststelle, sind einige Voyeure aus meinem Netzwerk auf diesen Seiten unter denselben Nutzernamen aktiv.

Das Netzwerk der Voyeure beschränkt sich nicht auf xHamster, es ist viel größer. Über alltägliche Szenen in der U-Bahn bin ich in dieses Netzwerk geraten, das mich schließlich zu bewusstlosen Frauen mit festgeklebten Augenlidern geführt hat. Die Frauen in der U-Bahn haben die Linse nicht bemerkt. Die anderen können sich wohl trotz offener Augen nicht erinnern. So unterschiedlich die Szenen auch sind, eines verbindet sie: Die betroffenen Frauen wissen wahrscheinlich nicht, dass sie Opfer sind.

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