Voyeurismus Das unsichtbare Verbrechen

Auf einer Porno-Website geben sich Voyeure Tipps, wie man Frauen heimlich filmt. Sie teilen ihre Gewaltfantasien und tauschen Fotos und Videos, auf denen vermutlich Vergewaltigungen zu sehen sind. Wer sind die Täter – und wer die Opfer? Unsere Autorin hat mehrere Monate lang undercover recherchiert. Von
ZEITmagazin Nr. 34/2017

"Erzähl, was war das für ein Gefühl? Dass sie dir komplett ausgeliefert ist, ein geiles Gefühl, nicht wahr? Verrätst du mir, wie weit du gegangen bist?" Aus einem Chat mit einem Nutzer der Porno-Website xHamster – über Fotos, auf denen eine anscheinend bewusstlose Frau missbraucht wird, 26. Mai 2017

Alles beginnt mit einem gesperrten Spielplatz. Im April 2016 laufe ich zufällig im Berliner Stadtteil Tiergarten an diesem Platz vorbei. Er liegt in der Nähe des bekannten Straßenstrichs an der Kurfürstenstraße. Das Tor ist abgeschlossen, weil Prostituierte mit ihren Freiern dorthin gehen und gebrauchte Kondome und Drogenspritzen hinterlassen. Zumindest Kinder kommen keine mehr, aber die Prostituierten steigen mit ihren Freiern offenbar weiterhin über den Zaun, denn es liegen immer noch Kondome herum.

Ich will wissen, was hier nachts passiert, und suche im Internet nach Videos. Bei anderen Recherchen habe ich die Erfahrung gemacht, dass immer irgendwer filmt, wenn etwas, das mit Sex zu tun hat, in der Öffentlichkeit passiert. In diesem Fall finde ich nicht, was ich suche. Dafür entdecke ich auf YouTube etwas anderes, das mir merkwürdig vorkommt: Clips, die zeigen, wie Prostituierte in knappen Shorts und weißen Stiefeln am Straßenrand warten. Alltägliche Szenen vom Strich. Die meisten Videos sind auf Augenhöhe gefilmt. Allerdings scheint keine der Frauen die Kamera zu bemerken. Offenbar wurden die Filme heimlich gedreht.

Wissen die Frauen überhaupt von den Videos? Ich forsche weiter nach. In einer Anlaufstelle für Prostituierte in der Gegend ist das Problem bekannt. "Es sind bereits Frauen zu uns gekommen, die auf YouTube unverpixelt zu sehen waren", heißt es dort. Die Frauen bemerken nicht, dass sie gefilmt werden, weil die Kamera in einer Brille versteckt ist. Für Frauen, deren Familien nicht wissen, womit sie ihr Geld verdienen, kann das gefährlich sein.

Für meine Recherche suche ich nach weiteren Videos: Ein Link führt mich auf die Pornoseite xHamster. Das Video dort zeigt, wie eine Frau in löchrigen Leggings einen Mann anspricht. In Kommentaren wird nach dem Preis der Prostituierten gefragt. Darunter werden mir "Ähnliche Videos" vorgeschlagen.

Ich erkenne Sitzpolster der Berliner U-Bahn und lande bei einem Clip, der zeigt, wie eine Frau im Sommerkleid in der U-Bahn-Linie 2 sitzt und in einen Apfel beißt. Darunter stehen weitere Videos: Wie eine Frau in Spandau an einer Hauswand lehnt und eine Zigarette raucht. Wie eine Frau am U-Bahnhof Alexanderplatz die Treppen hinaufläuft. Es sind alltägliche Szenen, die Frauen scheinen nicht zu bemerken, dass sie gerade gefilmt werden.

Der Pornoseiten-Nutzer, der diese Szenen ins Internet stellt, nennt sich "Hengst". Er hat die Videos wohl heimlich mit seinem Handy gedreht, und er gibt ihnen obszöne Titel wie "Fickarsch". Leute ohne ihr Einverständnis zu fotografieren oder zu filmen und die Bilder zu veröffentlichen ist nicht legal, aber die Frauen können dagegen kaum vorgehen. Seiten wie xHamster werden meist im Ausland betrieben und sind oft nicht erreichbar. xHamster hat seinen Sitz in Zypern.

Laut dem Ranking-Dienst Alexa liegt die Pornoseite auf Platz 21 der meistbesuchten Internetseiten in Deutschland, sie ist demnach die meistgeklickte Pornoseite. Seit ihrer Gründung im Jahr 2007 haben sich laut xHamster 15 Millionen Nutzer registriert. Sie funktioniert wie ein soziales Netzwerk: Jeder kann ein kostenloses Profil erstellen, Fotos und Videos hochladen, Inhalte anderer Nutzer kommentieren, Freundschaften schließen. Man kann chatten, "Gefällt mir"-Buttons drücken, Videos kommentieren und Beiträge an die Pinnwände anderer Nutzer posten. xHamster ist wie Facebook, nur dass hier Nippel erlaubt sind.

Ich sichere ein paar Screenshots von "Hengsts" Filmen und rufe die Berliner Polizei an. "Das ist das erste Mal, dass ich von so etwas höre", sagt der Pressesprecher. Die Polizei leitet ein Verfahren gegen "Hengst" ein. Ich werde zu einer Zeugenaussage aufgefordert und nenne den Ermittlern den Link zum Profil.

Es ist der Beginn einer Recherche, die viele Monate dauern wird. Sie führt mich in die Welt von Voyeuren, die ihre Fantasien im Internet ausleben. Nicht nur auf der Straße filmen sie Frauen, sondern auch in Toiletten und Umkleidekabinen – unbemerkt, um die Filme dann online zu stellen. Sie haben ein Netzwerk aufgebaut, in dem sie ihre Videos verbreiten und sich austauschen, wie man sie produziert. Ob das alles legal ist oder nicht, scheint sie nicht zu kümmern – manche laden sogar Fotos von sich selbst hoch, auf denen sie gut zu erkennen sind. Selbst Videos, auf denen anscheinend Frauen vergewaltigt werden, sind auf der Seite zu sehen; allerdings lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob diese Videos echt sind. Wer sind diese Voyeure, und wer sind ihre mutmaßlichen Opfer?

Die Ermittlungen haben "Hengst" aufgeschreckt. Als ich ein paar Wochen später die Adresse seines Profils eintippe, sind seine Inhalte verschwunden. Seine Kommentare unter Videos anderer Nutzer sind noch da. Sie führen mich zu Filmen von nackten und halb nackten Frauen in den Umkleidekabinen einer bekannten Kleiderkette. Jemand hat die Videos aufgenommen, indem er heimlich eine Kamera unter den Vorhang der Kabine gehalten hat. Ein anderes Video zeigt, wie ein Mann eine Frau in der Berliner S-Bahn bedrängt und ihr an den Hintern grapscht. Diese Bilder sind nicht so harmlos wie die von der Straße, bei denen nur die Verbreitung strafbar ist – und das auch nur, wenn die Frauen darauf erkennbar sind. In der Umkleidekabine aber wird die Privatsphäre von Frauen verletzt. Deshalb ist es bereits eine Straftat, hier heimlich Aufnahmen zu machen. Und bei einer sexuellen Belästigung auf der Straße kann jemand, der dabei filmt, möglicherweise als Mittäter angeklagt werden.

Durch "Hengsts" Kommentare finde ich heraus: Er hatte über die Pornoseite zu mindestens drei Männern Kontakt, die ähnliche Videos hochgeladen haben.

So stoße ich auf "Ivan*" und "Philip", angeblich kommen die beiden aus Berlin. Sie filmen und fotografieren junge Frauen in der U-Bahn und auf der Straße. Bei den meisten Nutzern zeigt das Profilbild eine Frau oder einen Penis. "Ivan" und "Philip" sind auf ihren Profilbildern wohl selbst zu sehen. Sie sind beide Mitte 40. "Philip" hat 213 Freunde auf dem Pornoportal, "Ivan" 1.167. Die Freundeslisten der beiden sind öffentlich zugänglich.

Viele Nutzer sind mit Voyeuren in den USA, Frankreich, der Türkei befreundet. Durch ein amerikanisches Schlafzimmerfenster kann man auch von einem Rechner in Bottrop aus spannen.

Die meisten Voyeure sind um die Mittagszeit unterwegs. Nummernschilder von Autos und Straßennamen verraten, dass die Videos in Berlin, Köln, Göttingen aufgenommen wurden. Um diese Uhrzeit sind die Straßen belebt, so fallen die heimlichen Aufnahmen kaum auf. "Ivan" fotografiert am Berliner Fernsehturm Mädchen, die aussehen, als seien sie erst 13 Jahre alt.

In "Ivans" Freundesliste stoße ich auf "Andi". Dieser behauptet, er habe auf der Toilette seines Arbeitgebers eine Kamera installiert. "Die in meinen Spycam-Clips zu sehen sind, sind alle meine Kolleginnen aus dem Pflegeheim, in dem ich arbeite", schreibt er. "Sie sind zwischen 28 und 56 Jahre alt." Die 40 Videos zeigen, wie Frauen auf die Toilette gehen, etwa Tampons wechseln. Auf einigen Videos sind die Gesichter der Frauen zu erkennen. Ein Clip mit dem Titel "Bindenwechsel" wurde 11.255-mal angeklickt.

"Andi" hat auch eine Skizze des Toilettenraums veröffentlicht. Das Versteck der Kamera ist darauf eingezeichnet, und er erklärt, welches Gerät er nutzt. Auf seiner Pinnwand fragen andere Voyeure nach Tipps und fachsimpeln über die Kamera. "Die hatte ich auch mal", schreibt "Jochen". "Bei schlechten Lichtverhältnissen starkes Bildrauschen." Ein anderer fragt nach Modell, Auflösung, Akkudauer und Preis.

"Mach mal ein paar Videos von hinten", fordert jemand. "Werde es mal versuchen", antwortet "Andi". Andere wünschen "viel Erfolg". – "Lass dich nicht erwischen."

Unter "Andis" Skizze werden Bildergalerien mit Bauanleitungen für versteckte Kameras vorgeschlagen. "Günter" hat Bilder seiner "selbst gemachten versteckten Kamera" geteilt. Er hat das Gerät in eine Shampooflasche gesteckt und ein kleines Loch für die Linse hineingeschnitten.

Zu jedem Voyeur lege ich einen Ordner an, sichere Screenshots des Profils und einige Inhalte. Erst will ich alles abspeichern, aber allein "Wolfgang" hat mehr als 500 Videos von Frauen hochgeladen, denen er auf Flohmärkten in den Ausschnitt gefilmt hat. Bald verliere ich jedoch auch den Überblick über die Nutzer. Ich erstelle deshalb eine Tabelle, in die ich jeden Voyeur eintrage, mit Namen, Datum der Anmeldung. Manche Nutzernamen tauchen in vielen Freundeslisten auf – die Voyeure haben sich miteinander verbunden. Ich beginne, auf einer DIN-A4-Seite aufzuzeichnen, wer mit wem befreundet ist. Bald klebe ich eine neue Seite daran, bald weitere. Am Ende ist es ein Papierbogen von 1 mal 1,5 Meter Länge. Das Netzwerk der Voyeure.

*Alle Namen und Nutzernamen sind geändert, die zitierten Einträge nach Rechtschreibung korrigiert

Kommentare

11 Kommentare Seite 2 von 3 Kommentieren