Das war meine Rettung "Ich habe heute eine Allergie gegen moralische Selbstüberhöhung"

Christian Ude musste sich nach einem Korruptionsskandal zwischen Freundschaft und Rechtsstaat entscheiden. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 35/2017

ZEITmagazin: Herr Ude, Sie sind in der Öffentlichkeit nicht nur als Politiker, sondern auch als Kabarettist aufgetreten. Warum?

Christian Ude: Es hat sich zufällig ergeben, ich war schon in der Schulzeit ein Stimmenimitator, als Student konnte ich perfekt Strauß, Wehner und Brandt nachahmen. Ich habe das Kabarett nie als Fortsetzung des Wahlkampfs mit anderen Mitteln verstanden, sondern als ein Ventil, mit dem ich mir und den anderen klarmachen konnte: Nimm dich nicht so wichtig, oder seht es mal mit heiterer Distanz. Es tut mir gut, nicht immer nur Sachargumente zum x-ten Mal wiederholen zu müssen. Ich kämpfe gegen nervige Klischees, zum Beispiel die Vorstellung, Stadtpolitik sei vor allem für Hundekot und Verkehrsberuhigung zuständig.

ZEITmagazin: Das klingt so heiter, hatten Sie auch mal eine schwierige Zeit?

Ude: Privat habe ich mich schon in Wagnisse gestürzt, wo alle anderen gesagt haben, du spinnst völlig. Ich kenne bis heute keinen zweiten Menschen, der sich als 25-Jähriger in eine verheiratete Frau mit sechs Kindern verliebte und daran festhielt. Inzwischen sind wir fünfundvierzig Jahre zusammen. Für meine Frau war es damals wichtig, die Kinderschar ins Erwachsenenleben zu führen und den Konflikt mit dem Noch-Ehemann fair zu lösen. Abends kam sie in meine studentische Wohngemeinschaft, und tagsüber hat sie bei der Familie gelebt, bis die mittlerweile erwachsenen Kinder gesagt haben, jetzt zieh doch endlich um, und wir besuchen dich dann dort. Das war schon eine Situation, wo andere sagen, so eine Krise würden sie keine drei Tage aushalten. Dieser Zustand dauerte für uns zehn Jahre, bis ihr Mann eine andere Frau heiratete und wir dies auch tun konnten.

ZEITmagazin: Warum sind Sie dieses Wagnis eingegangen?

Ude: Weil mir klar war: Die ist es. Ich habe mit meinen Eltern einen einzigen langen Abend darüber diskutiert, und dann hat meine Mutter zu meinem Vater gesagt, Carlo, wenn er sie liebt, dann müssen wir da durch.

ZEITmagazin: Welche Krisen mussten Sie als Politiker überstehen?

Ude: 2004 hatte ich aufgrund der Stadionaffäre wirklich die Nase voll. Es ging um den Bau der neuen Fußballarena in München. Es gab einen Korruptionsfall an der Spitze des Vereins 1860 München, dies führte zur Verurteilung einiger Entscheidungsträger. Das hat mich sehr gebeutelt. Erstens, weil Leute, denen ich vertraute, sich derart bereichert haben, und zweitens, weil mir schwerste Vorwürfe gemacht wurden, da ich natürlich mit der Staatsanwaltschaft zusammengearbeitet habe. Ich durfte die Beschuldigten nicht davon unterrichten, was für mich als Jurist selbstverständlich war, aber man hat das als Vertrauensbruch gewertet. Das war eine interessante Erfahrung, wie viele gutbürgerliche Kreise in München erwarten, dass man Straftäter deckt. Ich hatte auch während der geheimen Ermittlungen öffentliche Auftritte mit dem Präsidenten von 1860. Dabei durfte ich ihm kein Wort sagen. Hinterher hat man mir vorgeworfen, das sei "hinterlistig" gewesen. Ich konnte diese Veranstaltungen doch nicht absagen, mit welcher Begründung denn?

ZEITmagazin: Wurde Ihnen Loyalitätsbruch vorgeworfen?

Ude: Ja, gegenüber dem eigenen Fußballverein! Da stand ich mit meinem selbstverständlichen Rechtsverständnis plötzlich allein. Zur gleichen Zeit war auch das Thema Stolpersteine aktuell. Es war für mich selbstverständlich, es zu akzeptieren, wenn Präsidentin Knobloch und ihre israelitische Kultusgemeinde Stolpersteine ablehnen. Ihr Einwand war, wir fühlen uns unwohl, gar gekränkt, wenn die Stolpersteine im Straßenschmutz mit den Namen jüdischer Opfer mit Füßen getreten würden, wenn man im Wortsinn über diese Form des Gedenkens hinweggeht. Die Befürworter haben aber eine abweichende Meinung nicht akzeptiert, sondern mit schärfsten Vorwürfen überzogen. Selbstverklärung nach dem Motto: "Uns liegen die Opfer am Herzen, euch sind sie egal!" Ich kann mich von Rechtsradikalen oder von der CSU beschimpfen lassen, ohne dass mich das im Geringsten kratzt, aber aus den eigenen Reihen tun solche Attacken weh.

ZEITmagazin: Welche Schlüsse haben Sie aus dieser Zeit gezogen?

Ude: Ich habe heute eine Allergie gegen moralische Selbstüberhöhung, die ich in der Erinnerungskultur und in der Flüchtlingsfrage am heftigsten erlebt habe. Bei 1860 München habe ich mich zurückgezogen. Das Thema Stolpersteine hat mich lange belastet. Schließlich war mir aber die Freundschaft und Zustimmung von Charlotte Knobloch und der israelitischen Kultusgemeinde, die ich jedes Jahr bei der Chanukka-Feier am Jakobsplatz in München spüren durfte, unendlich wichtiger.

Das Gespräch führte der Psychologe Louis Lewitan. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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