Stil Heiter bis regnerisch

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 35/2017

Ein Regenmantel war einmal ein Kleidungsstück, das man trug wie einen ABC-Schutzanzug, der den ganzen Körper vor atomaren, biologischen und chemischen Gefahren schützen soll. Man trug den Regenmantel nur, wenn es unbedingt sein musste. Man wollte vom Regenmantel nicht, dass er einen schöner machte, seine Aufgabe war lediglich, den Menschen trocken zu halten. Er war mit schlechter Laune verbunden und zeigte den Beginn der dunklen Jahreszeit an. Kürzere Tage, Wolken, Tristesse. Also investierte man auch nicht viel in Regengarderobe. Der Regenmantel war bislang eines der wenigen Kleidungsstücke (neben der Badehose des Mannes), die man oft nur einmal im Leben kauft und nur dann auswechselt, wenn sie kaputt gehen. Und wann geht ein Regenmantel schon einmal kaputt? Nun aber verändert sich das Klima – und damit auch die Mode. Wir müssen uns mit dem Regen arrangieren. Spätestens dieser Sommer zeigte uns, dass Wolkenbrüche überall und unverhofft auftreten können und der Regen manchmal so lange fällt, dass man gar nicht dazu kommt, etwas anderes zu tragen als wasserabweisende Kleidung. Man kann einen ganzen Frühsommer im Regenmantel verbringen. Egal welche Garderobe man sich angeschafft hat, tolle Kleider, schöne Tops – niemand bekommt sie zu sehen, denn immer muss man einen Regenmantel tragen. Das hat in der Mode zu einer raschen Evolution des Regenzeugs geführt. Der Regenmantel wurde sozusagen zum neuen Sommerkleid. Die Marke Marni etwa hat zusammen mit dem Hersteller Stutterheim wahre Regenroben entworfen. Vetements hat vergangenes Jahr gemeinsam mit Mackintosh einen Regenmantel kreiert. Was zeigt: Wenn es um Regenmäntel geht, ziehen Modemarken gerne Spezialisten zurate. Denn letztlich reicht bei so einem Mantel nicht nur Schönheit, er muss unbedingt auch funktionieren. Mackintosh ist immerhin Erfinder des Regenmantels. Die schottische Marke ließ 1823 einen wasserdichten Baumwollstoff patentieren. Mackintosh machte einen guten Teil des Umsatzes mit Berufskleidung. Die Firma belieferte Militär und Polizei. Die Kunden fragten nicht nach Schönheit, sondern nach Funktionalität. Seit Längerem wird der Name allgemein für gummierte Regenmäntel benutzt und gilt als äußerst britisch, obgleich Mackintosh seit zehn Jahren einem japanischen Textilkonzern gehört. Vielleicht ist das derbe Image des Regenmantels heute sogar hilfreich für ihn. Er gibt uns das Gefühl von Wehrhaftigkeit. Wir müssen uns nicht mehr vom Wetter den Tag diktieren lassen. Wer einen guten Regenmantel hat, hat das Gefühl, er könne den Schauern etwas entgegensetzen. Und wenn es heutzutage nur das gute Aussehen ist.

Wasser marsch! Regenmantel von Marni und Stutterheim (550 Euro); Foto: Peter Langer

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