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Türkei Wenn alles zerbricht

Bis vor Kurzem waren die beiden ein glückliches Paar. Beide Wissenschaftler an der Uni. Eine moderne türkische Familie mit zwei Kindern. Heute gelten Vater und Mutter als Staatsfeinde. Wie sie versuchen weiterzuleben. Von
ZEITmagazin Nr. 35/2017

Sein Präsident nennt ihn einen Verräter. Einen, der Terroristen unterstützt, für sie Propaganda macht. Serdar Ulaş Bayraktar erscheinen diese Worte so bizarr, dass er sie nicht einmal aussprechen mag. Er lächelt lieber, so wie er in den folgenden Tagen stets lächeln wird, wenn die Worte zu brutal klingen, um seine Wirklichkeit zu beschreiben. Ulaş’ Vater hat für dieses Land sein Leben gelassen, und jetzt soll sein Sohn ein Abtrünniger sein? Ulaş rutscht auf seinem Stuhl ganz nach vorn, stützt die Ellbogen auf den Tisch. Von seinem Balkon im zehnten Stock eines Hochhauses blickt er auf einen Swimmingpool, zwischen den Wohnblocks schimmert das Mittelmeer in der Sonne. Schon im Mai herrschen in Mersin, Südtürkei, unweit der syrischen Grenze, 30 Grad. Es ist vormittags, und Ulaş ist allein. Vor ein paar Wochen hätte er, der Politikprofessor, um diese Tageszeit an der Universität gelehrt. Nun hat er mit 42 Jahren seine Arbeit verloren. Und in gewisser Weise auch seine Frau.

In seinem Universitätsbüro saß Ulaş auch Anfang Januar 2016, als alles begann. Da landete eine Mail in seinem Postfach mit der Aufforderung, eine Petition zu unterschreiben, die später bekannt wurde als "Friedensaufruf der Akademiker". Unter dem Titel "Wir werden nicht Teil dieses Verbrechens sein" setzten sich mehr als 1.100 türkische Wissenschaftler und Intellektuelle von 89 Universitäten für ein Ende der "Vernichtungs- und Vertreibungspolitik gegenüber der gesamten Bevölkerung" im Südosten der Türkei ein und forderten ihre Regierung auf, die Friedensverhandlungen mit den Kurden wiederaufzunehmen. Es war ein Aufschrei der Empörung über die seit Monaten andauernde Gewalt des türkischen Militärs gegen Zivilisten. Ulaş hatte zuvor noch nie eine Online-Petition unterschrieben. Er bewertet so etwas gewöhnlich als "politische Masturbation". Aber wenn für die Kritik der politische Partner fehlt, bleibt kaum eine andere Ausdrucksform: "Ich hielt diesen Krieg für unmenschlich und illegitim", sagt er.

Seine Frau Bediz, eine Soziologin, saß an jenem Januartag im Büro nebenan. Auch sie unterschrieb, unabhängig von Ulaş. Die beiden unterhielten sich noch nicht einmal über den Aufruf, der ihr Leben verändern sollte. "Ich habe das nicht so ernst genommen", sagt Ulaş, "es gibt ständig Petitionen im Netz. Vielleicht hätte ich, wenn ich alle möglichen Folgen bedacht hätte, nicht unterzeichnet." Aber diesen Gedanken lässt er nur für einen Augenblick zu. Dann lacht er.

Schon wenige Tage später reagiert Präsident Recep Tayyip Erdoğan, beschimpft die Wissenschaftler als "eine Bande, die sich selbst Akademiker nennen", wirft ihnen "Verrat" und "Propaganda für eine Terrororganisation" vor, gemeint ist die PKK. Der Präsident ruft Universitäten und Justiz auf, gegen die Unterzeichner des Appells vorzugehen – also auch gegen Ulaş Bayraktar und seine Frau Bediz. Eine Unterschrift macht anerkannte Intellektuelle zu Staatsfeinden. Zu Aussätzigen.

Nach Erdoğans Ausbruch unterzeichnen noch einmal fast tausend Menschen den Appell. "Sie waren mutiger als wir", sagt Ulaş. "Wir waren naiv." All dies geschieht in einer Zeit, als noch niemand ahnt, dass wenige Monate später, im Juli 2016, Militärangehörige versuchen werden, Erdoğans Regierung durch einen Putsch zu entmachten. Dass es der Beginn eines Prozesses ist, an dessen Ende mehr als 150.000 Menschen ihre Arbeit verloren haben werden, Lehrer, Beamte, Richter, Wissenschaftler, Journalisten, und etwa 50.000 Menschen in Haft sitzen. Seit dem 1. September 2016 erließ die türkische Regierung sieben Dekrete, durch die jedes Mal Tausende ihre Arbeit im öffentlichen Dienst verloren. Zeitungen, Stiftungen, Organisationen werden geschlossen oder verboten. Schon bald richten sich die Erlasse nicht nur gegen die vermeintlichen Unterstützer des Putsches, sondern gegen viele, die Erdoğans Regierung und Politik nur kritisieren. Ein Vorgang, der gern mit dem Wort "Säuberungen" beschrieben wird. Was aber bedeuten "Säuberungen" für die Betroffenen? Wie wirken sie in den Familien? Und was sagen sie über ein Land aus?

Die meisten der Entlassenen werden nie wieder auf ihre alten Posten zurückkehren können, ihre Pässe sind ungültig, manche Konten gesperrt. An den Rand gedrängt, sind sie ihrer bürgerlichen Existenz beraubt. Die Konsequenzen reichen bis ins Intime. Wie bei Ulaş und Bediz. Ulaş ist arbeitslos und kümmert sich zu Hause allein um die beiden zehn- und vierzehnjährigen Söhne. Seine Frau Bediz wohnt und lehrt derzeit in Deutschland, damit sie überleben können. Ulaş darf die Türkei nicht verlassen. Bediz kann nicht in ihre Heimat zurück, weil sie dann nicht mehr ausreisen könnte. Die Politik hat die Familie getrennt.

Von dem Balkon in Mersin blickt Ulaş durch die Fenster in die Wohnung. Von außen betrachtet, ist alles gleich geblieben, die gleichen Möbel, die gleichen Bilder, die gleichen Reiseandenken, und doch erscheint alles anders. "Ich vermisse mein Zuhause, obwohl ich im selben Haus lebe", sagt er. Es ist ein Gefühl der Leere, als hätten all die kleinen Gegenstände, die ein Familienleben charakterisieren, ihre Bedeutung verloren, seien nur noch Denkmäler der einst gemeinsamen Pläne und Träume mit seiner Frau.

In Mersin beginnen die Ermittlungen gegen die Unterzeichner des Friedensaufrufs kurz nach Erdoğans Zornesausbruch im Januar 2016, der Vorwurf lautet: "Unterstützung einer Terrororganisation". Ein Vorwurf wie ein Todesurteil. Ulaş und Bediz sprechen mit ihren Söhnen, schicken sie zu Ulaş’ Mutter, die im Haus fünf Stockwerke unter ihnen wohnt. Sie gehen davon aus, dass sie verhaftet werden, und packen ein paar Sachen zusammen. Ihr Anwalt warnt, meist käme die Polizei am Wochenende. Ulaş und Bediz warten, aber die Polizei kommt nicht. Sie treffen sich mit den 21 anderen Unterzeichnern ihrer Universität. "Wir kannten die vorher zum Teil gar nicht", sagt Ulaş. "Das war also keine konzertierte Aktion." Er lacht jetzt. Je tiefer er in seine Geschichte eintaucht, desto mehr und lauter lacht er. Solange er lacht, ist er der Sieger, der Herr über sein Schicksal. Nach ein paar Stunden mit ihm fühlt man sich vollkommen erschöpft. Die Kraft, die es ihn kostet, sein Gesicht zu wahren, ist körperlich spürbar. Wenn ihm etwas zu nahegeht, verschwindet er in die Küche, um Tee nachzuschenken.

Damals bestellt der Universitätsrektor Ulaş zum Gespräch ein. Jahre zuvor wollte er ihn zu seinem Berater ernennen, nun fordert er Ulaş auf, seine Unterschrift zurückzuziehen. Ulaş lehnt ab. Der Rektor fragt ihn: Was er, der Sohn eines Märtyrers, mit diesen Vaterlandsverrätern zu tun habe? "Genau das ist der Grund, warum ich unterzeichnet habe", antwortet Ulaş. Er weiß, wozu Hass führen kann. Sein Vater, ein Offizier der türkischen Armee, starb 1980 in einem Gefecht mit Kurden im Südosten der Türkei. Da war Ulaş fünf Jahre alt. "Gewalt ist keine Lösung", sagt er heute. "Ich will nicht, dass Kinder erfahren müssen, was ich, mein Bruder und meine Mutter erfahren haben." Es gibt verschiedene Möglichkeiten, aus einer Tragödie hervorzugehen: verbittert und voller Hass oder geläutert, mit Verständnis für die Abgründe des Lebens. Ulaş hätte auf das Angebot seines Rektors eingehen können, vermutlich hätte er dann noch seine Stelle. "Ich weiß, was ich für meinen inneren Frieden brauche. Ich muss mich nicht schämen." Seine Unterschrift unter dem Appell ist für Ulaş ein Beweis, den er einmal seinen Kindern zeigen kann. Dass er öffentlich Position bezogen hat, dass er zu seinen Überzeugungen steht. "Das verschafft mir Genugtuung."

Bediz Bayraktar, ganz allein in Osnabrück © ZEITmagazin

Ein paar Wochen nach dem Aufruf geht es an der Mersiner Universität um die Vertragsverlängerung einiger Unterzeichner. Die Fachbereiche überlassen dem Rektor die letzte Entscheidung darüber. Viele Kollegen vertreten die gleiche Meinung wie Ulaş und Bediz, aber sie halten still. Sie fürchten um ihre Karrieren, um ihre Jobs, um ihre Existenz. Ulaş sagt, seine Frau sei darüber bis heute sehr zornig. Er selbst hält sich mit Urteilen zurück, bewertet milder. Wer weiß schon, wie man in einer solchen Situation reagiert? In der Zeit vor dem Putschversuch wird in Mersin niemand offiziell entlassen. Aber die Verträge von einigen Unterzeichnern werden nicht verlängert. Einer davon ist der von Ulaş’ Frau Bediz.

Manchmal, wenn Bediz abends durch die Straßen von Osnabrück in Niedersachsen läuft, fragt sie sich, wo die Menschen sind. Die Gehsteige sind leer, die Parks verwaist. Dass eine Unterschrift unter einem Friedensaufruf sie einmal nach Deutschland führen würde, ohne ihren Mann und ohne ihre Kinder, wäre ihr noch vor wenigen Monaten völlig abwegig erschienen. Nun ist sie seit Februar Philipp-Schwartz-Stipendiatin, ihr Stipendium wird vom Auswärtigen Amt und mehreren Stiftungen finanziert und an Wissenschaftler vergeben, die in ihrer Heimat verfolgt werden und dort nicht mehr arbeiten können. Sie bemüht sich, an dem Thema weiterzuforschen, das sie zuvor in Mersin bearbeitet hat: die Situation syrischer Flüchtlinge in der Türkei. Mittlerweile ist sie selbst so etwas wie ein Flüchtling.

An einem kühlen Junitag streift Bediz ihren blauen Anorak über, verlässt ihr Büro im Institut für Migrationsforschung und tritt auf die Straße. Graue Wolken hängen tief, es nieselt, ihre schulterlangen schwarzen Locken werden nass. Bediz sucht ein Café. Sie kennt sich noch nicht so gut aus in der Stadt, meist ist sie unterwegs, reist durch Deutschland, hält Vorträge über die Lage in der Türkei. Im Café setzt sie sich an einen Tisch am Fenster. Seit zwei Monaten ist Bediz jetzt fort aus Mersin. Wann sie ihre Familie, ihre Heimat wiedersehen kann, weiß sie nicht. Sie sagt, es sei ein sehr seltsames Gefühl – allein, als sei sie geschieden. Sie muss jetzt lernen, in einem fremden Land zu leben, und ist in Gedanken doch ständig bei Ulaş und den Kindern. Manchmal ist sie kurz davor, einfach in die Türkei zurückzugehen ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Dann ermahnt sie sich selbst, vernünftig zu sein. Denn im Augenblick verdient sie das Geld für die Familie.

Damals im Januar 2016 habe sie kaum über die Petition nachgedacht, erinnert sie sich. Vielleicht sei sie ein wenig schärfer formuliert gewesen als andere zuvor. "Aber mit dieser Reaktion der Regierung haben wir wirklich nicht gerechnet." Als sie bei der Polizei aussagen musste, fragten die Beamten: Wer hat den Befehl für den Aufruf gegeben? Warum unterstützen Sie PKK-Terroristen? Fragen, auf die Bediz keine Antworten wusste, sie erschienen ihr in keinerlei Verbindung zu dem Anliegen des Appells zu stehen. Aber sie verhießen nichts Gutes.

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