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Das war meine Rettung "Hoppla, du bist nicht unverwundbar"

Der Philosoph Julian Nida-Rümelin dachte als Junge, nichts könne ihn aufhalten – bis er lebensgefährlich erkrankte. Von
ZEITmagazin Nr. 36/2017

ZEITmagazin: Herr Nida-Rümelin, Sie schreiben Bücher über ökonomische und ökologische Krisen. Waren Sie selbst mal in einer Krise?

Julian Nida-Rümelin: In den beiden Jahren vor dem Abitur war ich in keiner guten Verfassung. Die Schule langweilte mich, ich kam nicht voran. Mich interessierten vielmehr Themen wie die Endlichkeit des Lebens, was machen wir hier noch die paar Jahre auf der Welt? Ich war in eine Art existenzielle Krise gerutscht, und es entstand eine Leere, ich fühlte mich unterfordert.

ZEITmagazin: Was hat Ihnen geholfen?

Nida-Rümelin: Ich habe mich mit Themen wie Gerechtigkeit und Umwelt befasst, ich habe mich engagiert und einen Arbeitskreis "Umwelt, Energie und Wachstum" geleitet. Auch die Auslastung im Doppelstudium Philosophie und Physik nach dem Ende der Schulzeit tat mir gut. Ich wollte dazu beitragen, dass die Menschen klarer sehen, dass man die Ökonomie umbauen muss, damit die Umwelt erhalten bleibt und die Welt humaner wird. Das Politische, die Philosophie und die Physik haben mir großen Spaß gemacht, die Herausforderung hat mir gutgetan.

ZEITmagazin: Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Nida-Rümelin: Ich ging auf ein humanistisches Gymnasium in München und war schon immer ein Eigenbrötler. Ich habe viel Zeit allein verbracht, und mit zwölf Jahren fing ich an, die großen Romane zu lesen, besonders die der Russen, Dostojewski, Turgenjew und Tolstoi. Die Lektüre von Thomas Manns Tod in Venedig im Schwimm-Trainingslager als Dreizehnjähriger ist bei den Sportsfreunden damals nicht so gut angekommen. Ich wurde als Grübler wahrgenommen, ein wenig abgehoben und im Grunde sozial nur bedingt aktionsfähig. Tatsächlich hatte ich aber ein ausgesprochen wohlwollendes Gefühl den anderen gegenüber, nicht arrogant, nicht herablassend – allerdings immer aus einer gewissen inneren Distanz.

ZEITmagazin: Was hat Sie letztlich davor bewahrt, sich in einen Elfenbeinturm zurückzuziehen?

Nida-Rümelin: In den Schulpausen standen alle in Gruppen rum, und ich stand nie dabei. Bis dahin hatte ich es nicht als negativ empfunden, ich wollte meine Ruhe haben und bin im Pausenhof allein spazieren gegangen. Ich war zwar nicht beliebt, glaube ich, aber ich war über viele Jahre Klassensprecher, und das heißt, irgendwie müssen mich meine Klassenkameraden zumindest respektiert haben. Eigentlich ist das Ganze komisch, dachte ich mir, jetzt stellst du dich auch dazu und redest mal mit, Thema muss ja nicht das gestrige Fußballspiel sein, für das ich mich nicht interessierte. Ich hatte so die Hürde genommen, mich einzulassen. Es war eher eine rationale als eine emotionale Entscheidung zur Gemeinschaftszugehörigkeit, und sie wurde die Voraussetzung für den Erfolg meines späteren politischen Engagements.

ZEITmagazin: Können Sie sich an ein Ereignis erinnern, bei dem Sie irrational gehandelt haben?

Nida-Rümelin: Ich war 15 Jahre alt und trainierte viermal die Woche. Einige Zeit vor den wichtigen Wettkampfterminen bekam ich eine hartnäckige Erkältung, wollte jedoch unter keinen Umständen mit dem Training aufhören. Solange das Fieber noch unter 38,5 Grad war, habe ich weitertrainiert. Ich dachte, in ein paar Tagen ist das vorbei. Dann fand in Berlin ein großer Wettkampf mit 6.000 Nachwuchssportlern aus allen Disziplinen statt. Wir waren in einer großen Kaserne untergebracht. Am Abend zuvor bekam ich Seitenstiche und dachte, das ist nicht weiter schlimm. Am nächsten Morgen, als die Busse vorfuhren, merkte ich, oh, du kannst jetzt nicht aufstehen. Die Halle leerte sich, und es wurde ganz einsam um mich herum. Ich konnte mich vor Schmerzen beim Atmen kaum aufrichten, im Bett wurde alles schlimmer. Schließlich wurde mein Fehlen bemerkt, es kam ein Arzt, der eine Rippenfellablösung diagnostizierte und mich in ein Krankenhaus schaffte. Das hätte auch schiefgehen können. Tatsächlich hatte ich in den Stunden allein das Gefühl, das geht jetzt zu Ende, weil ich keine Luft mehr bekam.

ZEITmagazin: Hat dieses Ereignis Ihr Leben verändert?

Nida-Rümelin: Bis dahin dachte ich, mir kann nichts passieren. Ich war groß, kräftig, sportlich und fühlte mich wahnsinnig fit – körperlich und geistig –, daher nahm ich die Symptome nicht ernst. Diese Einstellung, ich kann ewig in dem Tempo weitermachen, hat sich geändert. Zu erkennen, es wird zu viel, das kommt aus dieser Zeit. Wann immer ich diese Lektion missachtet habe, habe ich einen Preis zahlen müssen. Im Großen und Ganzen habe ich inzwischen erkannt: Hoppla, du bist nicht unverwundbar, du musst mit dir selbst behutsamer umgehen. Nichts lässt sich beliebig steigern, alles muss in gewissen Grenzen der Machbarkeit bleiben. Heute würde ich sagen, Aristoteles hat es richtig erfasst: Man soll die Extreme meiden, die Mitte wahren.

Das Gespräch führte der Psychologe Louis Lewitan. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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