Stilkolumne Die neue Wanderlust

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 36/2017

Wenn es um das Tragegefühl eines Schuhs geht, macht uns Deutschen niemand etwas vor. In anderen Kulturkreisen konzentrierte man sich bislang eher darauf, wie ein Schuh aussieht oder wie man als Mensch in einem Schuh aussieht. Deswegen entwarfen Italiener wie die Manufaktur Santoni so elegante Herrenschuhe, in denen man wirkte wie ein Graf. Und Franzosen wie Christian Louboutin kreierten Damenschuhe mit Absätzen, die so hoch waren, dass sie die Trägerin auf einen Sockel stellten. Doch keine der beiden Schuhmachernationen sorgte sich groß um ein Thema, das uns so sehr am Herzen liegt: die Bequemlichkeit.

Wir Deutschen sind Spezialisten darin, die Dinge von innen her zu begreifen. Deswegen haben wir einige veritable Dichter und Denker hervorgebracht und die Wortschöpfung "innere Schönheit" erfunden oder einen Begriff wie "Körpergefühl". Und das ist nirgendwo wichtiger als beim Schuh. Das Fußbett ist eine deutsche Entwicklung. Darüber gibt es nichts zu spotten. Denn nie hat sich die Mode so sehr am Komfort orientiert wie heute, und so wird auch bei den Schuhen so viel wie nie zuvor auf das Tragegefühl geachtet.

Wir haben uns ja nicht aus Spaß auf den Tragekomfort eines Schuhs konzentriert, sondern weil wir mit Schuhen tatsächlich große Strecken zurücklegen. Die Deutschen haben nämlich auch die Wanderlust in die Welt gebracht. Beim Wandern geht es nicht nur darum, ein Ziel zu erreichen, sondern vor allem um den Weg dorthin. Die deutschen Romantiker flohen die Städte des 19. Jahrhunderts und wanderten durch das, was sie sich als unberührte Natur vorstellten. Die Landschaft galt als Spiegel des eigenen Inneren. Harz, Rügen und die Sächsische Schweiz waren die Lieblingsziele der Romantiker. Später kam es zur Institutionalisierung des Wanderns durch die Gebirgsvereine. Heute ist das Wandern fast ein Symbol. Wenn Kanzlerin Angela Merkel Sommerurlaub macht, dann geht sie in die Berge.

Und die eigentlich so typisch deutschen Themen Tragekomfort und Naturverbundenheit sind in der internationalen Mode so aktuell wie nie. In den Herbst- und Winterkollektionen sieht man viele sportliche wie auch bequeme Versionen des Wanderschuhs. Etwa von Hermès, Moncler, Camper oder Hogan. Die meisten sind knöchelhoch und aus Leder gearbeitet und verfügen über die klassische Ösenschnürung. Sie alle erzählen die gleiche Geschichte, nämlich vom Mann, der sich dem Baum näher fühlt als der Bar. Auch wenn er in Wahrheit niemals in die Natur geht. Denn dort könnten ja die neuen Schuhe schmutzig werden.

Foto: Peter Langer / So wird ein Wanderschuh draus! Schuh von Geox

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