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Anton Kern "Mein Vater wollte immer der beste Künstler sein, und ich will eben der beste Galerist sein."

Anton Kern ist Sohn des Malers Georg Baselitz und arbeitet als Galerist in New York. Er erzählt von seiner Freundschaft zu seinem Vater, der ihm zuliebe sogar eine Begegnung mit Andy Warhol erfunden hat. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 37/2017

ZEIT Magazin: Herr Kern, Sie leben seit über zwanzig Jahren in New York und betreiben dort eine Galerie, sind Sie noch oft in Deutschland?

Anton Kern: Ich bin tatsächlich sehr selten in Deutschland. Eigentlich nur wenn ich geschäftlich zu tun habe und zu Weihnachten. Die Feiertage verbringe ich immer mit meinen Eltern. Und die kommen im Gegenzug oft nach New York, um mich und die Enkelkinder zu besuchen.

ZEIT Magazin: Wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrem Vater, dem Künstler Georg Baselitz, gesprochen?

Kern: Erst gestern, wir fahren nächste Woche in das Haus meiner Eltern in Italien und mussten noch ein paar Dinge besprechen. Normalerweise geht meine Mutter ans Telefon, aber gestern war mein Vater am Apparat und polterte gleich los: Mensch, hallo! Wie geht’s? Wir telefonieren aber auch sonst mindestens einmal in der Woche miteinander.

ZEIT Magazin: Wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst: Mein Vater ist berühmt?

Kern: Ziemlich spät. Als Kind und junger Teenager war mir schon irgendwie bewusst, dass mein Vater bekannt ist, aber ich wusste nicht, in welchem Ausmaß. Dass uns zum Beispiel immer wieder sehr berühmte Kuratoren wie Henry Geldzahler vom Metropolitan Museum of Art oder Künstler wie der Amerikaner James Lee Byars besuchten, habe ich erst im Nachhinein, als Erwachsener, verstanden und einordnen können. Kunst war für mich nicht mehr als ein Weg, um im Sommer ein bisschen Geld zu verdienen. Die einen arbeiteten bei Burger King, ich habe in den Schulferien auf Kunstmessen gejobbt und beim Auf- und Abbau geholfen. Diese Möglichkeit gab es natürlich nur durch die Verbindungen meines Vaters, aber echtes Interesse an Künstlern und Kunst entwickelte ich erst mit 16 oder 17, und dann auch ganz unabhängig von ihm. Der erste Künstler, den ich für mich entdeckte, war Andy Warhol.

ZEIT Magazin: Wenn Sie als Familie zusammen am Abendbrottisch saßen, wurde da nicht viel über Kunst gesprochen?

Kern: Es ging tatsächlich selten um Kunst. Wir sprachen vor allem über alltägliche Dinge. Aber es drehte sich natürlich schon sehr viel um meinen Vater. Wenn der Meister am Tag ein gutes Bild gemalt hatte, war die Stimmung automatisch entspannter. Aber ich glaube, unser Abendbrottisch war, wie in allen Familien, der Ort, an dem alles besprochen wurde. Meine Großmutter lebte bei uns, und sie legte sich gern mit meinem Vater an, während wir gemeinsam am Tisch saßen. Ihr Lieblingsthema: "Im Osten war alles besser", woraufhin mein Vater meistens wütend wurde und rief: "Dann geh doch zurück!"

ZEIT Magazin: Ihr Vater ist bereits als junger Mann aus dem streng sozialistischen System ausgebrochen und 1957 nach West-Berlin übergesiedelt. Spielt die Ost-Vergangenheit Ihrer Eltern für Sie noch eine Rolle?

Kern: Nein, sie ist natürlich ein Teil meiner Geschichte, aber viel verbindet mich mit Ostdeutschland nicht.

ZEIT Magazin: Durften Sie als Kind mit in das Atelier Ihres Vaters, oder war das tabu?

Kern: Ach, man durfte gerne und so viel man wollte, Zeit mit ihm im Atelier verbringen. Ich glaube, dass das bei Pablo Picasso auch so war. Der hat sein Atelier ja auch nicht abgeschlossen. Mein Bruder und ich haben oft neben ihm gesessen und gemalt. Bei uns kam nur nicht so viel dabei heraus.

ZEIT Magazin: Als Sie anfingen, sich für Kunst zu interessieren, war Ihr Vater da gekränkt, dass Ihre erste Kunst-Entdeckung nicht er, sondern der amerikanische Pop-Art-Künstler Andy Warhol war?

Kern: Nein, und deswegen war diese Warhol-Geschichte für mich auch so wichtig. Meine Eltern waren immer sehr liberal und haben nur gesagt: "Mach mal!" Mein Vater hat meinem Bruder und mir seine Gedanken und Vorstellungen nie aufgedrückt. Er hat nie gesagt: Du musst jetzt von mir lernen oder über mich Kunst begreifen. Wir haben natürlich jedes Wochenende ein Museum besucht, aber es wurde nicht missioniert. Und diese Warhol-Geschichte war natürlich schon auch eine Art Rebellion. Als mein Vater dann zum ersten Mal nach New York fuhr, habe ich ihn gebeten, mir etwas von Andy Warhol mitzubringen.

ZEIT Magazin: Und, hat er Ihren Wunsch erfüllt?

Kern: Ja! Er hat mir eine von Warhol signierte Grafik mitgebracht und mir dazu diese Geschichte erzählt, dass er Andy Warhol sogar persönlich nach seiner Signatur gefragt hat. Das hat mir wahnsinnig gut gefallen. Künstler glauben ja immer, sie sind die Größten. Aber mein Vater hat sich für meinen Wunsch unter den Scheffel gestellt. Er hat Warhol in Wirklichkeit natürlich nicht getroffen, aber das war auch nicht so wichtig. Es war der Gedanke, der zählte. Der Gedanke, dass er etwas für mich gemacht hatte.

ZEIT Magazin: Hat sich Ihr Vater auch im Alltag Zeit für solche Vater-Sohn-Momente genommen?

Kern: Ja. Wir sind ja vor allem auf dem Land, auf Schloss Derneburg bei Hildesheim, aufgewachsen, und mein Vater und ich waren manchmal zusammen angeln. Oder Pilze sammeln. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir zusammen die Angel ausgeworfen haben, still nebeneinandersaßen und darauf gewartet haben, dass ein Aal anbeißt. Das verbindet uns bis heute. Die gefangenen Aale haben wir dann gemeinsam ausgenommen und geräuchert. Aale sind ja sehr unterschätzte Tiere.

ZEIT Magazin: Waren Sie als Kind trotzdem manchmal wütend, dass es in dem Leben Ihres Vaters noch eine andere Liebe oder besser Leidenschaft neben der Familie gab und die Kunst so viel Raum einnahm?

Mein Vater hat uns immer darin bestärkt, unseren eigenen Kopf zu haben und an das, was wir tun, zu glauben. Nur so wird man Bestand haben. Und er ist der beste Beweis dafür. Wie oft ist die Malerei schon für tot erklärt worden?
Anton Kern

Kern: Das ist doch wahrscheinlich bei vielen Berufen so. Jedes Kind wünscht sich, dass der Vater mehr Zeit zu Hause verbringt. Ich war eher stolz und habe früh verstanden, was für einen Kampf mein Vater mit seiner Kunst führen muss. Als ich noch klein war, habe ich mal für ein paar Mark das Archiv meines Vaters sortiert und alte Zeitungsartikel gefunden, die über den Skandal seiner ersten Ausstellung berichteten. Ich fand das unglaublich, dass im Deutschland der sechziger Jahre die Staatsanwaltschaft noch in die Kunst eingreifen konnte und tatsächlich wegen "obszöner" Bilder gegen meinen Vater ermittelt hat.

ZEIT Magazin: In welchen Charaktereigenschaften ähneln Sie Ihrem Vater?

Kern: Ich wollte und will mich, wie mein Vater, beweisen. Ich glaube, uns verbindet vor allem der Ehrgeiz und unsere Ungeduld. Obwohl mein Vater mit dem Alter viel geduldiger geworden ist. Das sieht man im Umgang mit seinen Enkelkindern. Aber mein Vater wollte immer schon der beste Künstler sein, und ich will eben der beste Galerist sein. Mein Vater hat uns immer darin bestärkt, unseren eigenen Kopf zu haben und an das, was wir tun, zu glauben. Nur so wird man Bestand haben. Und er ist der beste Beweis dafür. Wie oft ist die Malerei schon für tot erklärt worden?

ZEIT Magazin: Was für ein Männerbild hat Ihr Vater Ihnen vermittelt? Sie haben in einem anderen Gespräch mal gesagt, Ihr Vater sei ein Patriarch gewesen?

Kern: Ich weiß schon, mein Vater kommt manchmal ein bisschen machomäßig rüber. Aber das stimmt nicht. Mein Vater ist eigentlich überhaupt kein Macho. Er ist eher ein sehr hilfsbereiter Softie, an den man sich anlehnen kann. Gleichzeitig ist er natürlich ein imposanter und präsenter Mann. Wenn er zur Tür reinkommt, schauen die Leute auf ihn. Das war schon früher so. Ich erinnere mich noch daran, wie wir als Kind hinter unseren Eltern hergelaufen sind und die Leute auf der Straße meinen Vater gehänselt haben, weil er abrasierte Haare hatte. Ich fand das furchtbar und spießig. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ich habe diese Art von Ignoranz nie verstanden und meinen Vater sehr dafür bewundert, dass ihn das nie gekümmert hat und er konsequent gegen den Strom geschwommen ist. Mein Männerbild ist davon geprägt, dass man sich behaupten muss und sich gleichzeitig Fehler eingestehen kann.

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