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David und Michael Barenboim "Rebellion wäre gewesen, wenn ich gesagt hätte: Ich werde Arzt"

ZEITmagazin Nr. 37/2017
Die Söhne von Daniel Barenboim sind beide Musiker: David Barenboim macht Hip-Hop, sein Bruder Michael ist Violinist. Wie findet man zu seiner eigenen Musik, wenn man einen Vater hat, der als Jahrhundertdirigent gilt? Ein Interview von

ZEITmagazin: Der Name Barenboim ist untrennbar mit Ihrem Vater Daniel verbunden. Haben Sie sich jemals überlegt, den Nachnamen Ihrer Mutter anzunehmen?

David Barenboim: Ich benutze als Hip-Hop-Produzent und als Musiker eh einen Künstlernamen. Bei dir ist das vielleicht anders, Michael, weil du als Violinist ja in der gleichen Welt arbeitest wie unser Vater.

Michael Barenboim: Aber da würde Bashkirova, der Name unserer Mutter, keinen Unterschied machen – den verbindet man in der Klassik auch sofort mit unserem Großvater, der ein berühmter Klavierpädagoge war, und eben mit unserer Mutter, die Pianistin ist. Aber es gibt auch immer wieder Menschen, die mit dem Namen Barenboim gar nichts anfangen können, ihn nicht aussprechen können oder bitten, dass man ihn buchstabiert.

David Barenboim: Wenn ich bei der Arbeit Leute treffe, die sich mit klassischer Musik nicht so gut auskennen, aber den Namen schon mal gehört haben, sagen sie: Ah, dein Vater ist dieser Komponist!

Michael Barenboim: Und mich fragen Kollegen oft: Dein Bruder ist DJ, oder?

David Barenboim: Für Leute aus der Klassikwelt ist DJ und Produzent das Gleiche, genau wie für meine Leute Dirigent und Komponist.

ZEITmagazin: Hat Ihr Vater Sie früher oft mitgenommen zu Proben und Konzerten, als Sie klein waren?

David Barenboim: Ja, klar, bei mir war es vielleicht sogar zu oft. Ich war mit vier Jahren schon in Bayreuth dabei, das waren sehr, sehr lange Proben und Aufführungen ... Aber damals war ich noch richtig fasziniert von dem Spektakel auf der Bühne: Drachen, Inzest, Mord – ich weiß nicht, ob ich das einem vierjährigen Kind zumuten würde, aber das haben meine Eltern anscheinend anders gesehen.

Michael Barenboim: Ich kann mich nur daran erinnern, wie ich in Bayreuth im Orchestergraben gesessen habe. Das fand ich immer viel interessanter als im Publikum.

ZEITmagazin: Ihr Vater gilt ja als strenger, zuweilen harter Dirigent im Umgang mit den Musikern. Haben Sie das auch erlebt, wenn Sie ihm zuschauten?

Michael Barenboim: Sicher. Und ich spiele ja in seinem West-Eastern Divan Orchestra, kenne ihn also auch aus Musiker-Perspektive. Jeder Dirigent hat seine eigene Art, den Laden zusammenzuhalten, und das ist eben seine. So holt er die letzten fünf Prozent raus, die die Musiker vielleicht sonst nicht geben würden. Dadurch werden seine Aufführungen so ergreifend.

ZEITmagazin: War er ein eher an- oder eher abwesender Vater?

David Barenboim: Eher abwesend.

Michael Barenboim: Als wir Kinder waren, war er ja nicht nur künstlerischer Leiter der Staatsoper Unter den Linden, sondern zugleich Chefdirigent in Chicago, deshalb war er oft mehrere Wochen am Stück weg. Manchmal kamen wir aber mit und sind dort zur Schule gegangen.

ZEITmagazin: Wenn er Zeit hatte: Was haben Sie zusammen gemacht? Gab es feste Rituale?

Michael Barenboim: Er hat gern Backgammon mit uns gespielt. Das ist heute noch so.

David Barenboim: Wenn WM war, haben wir Fußball geguckt. Im Sommer in Bayreuth sind wir öfter an den See gefahren, zum Baden und Fußballspielen. Aber er war meistens nach zwei Minuten schon aus der Puste, wegen der vielen Zigarren. Für richtige Rituale war er aber zu oft unterwegs.

ZEITmagazin: Sie haben mal erzählt, dass er früher im Kino immer nach zehn Minuten einschlief.

David Barenboim: Das stimmt. Das passiert mir aber mittlerweile selber oft! Es ist schön dunkel, bequem, keiner ruft an ... So ging es ihm damals bestimmt auch. Da konnte er sich mal eine Auszeit genehmigen.

ZEITmagazin: Fiel ihm das sonst schwer?

Michael Barenboim: Im Urlaub konnte er das auch. Wir sind jeden Sommer nach Spanien gefahren, dort hatten meine Eltern ein Haus in der Nähe von Marbella, nicht weit vom Meer. Sonne, Strand, Erholung.

David Barenboim: Er hat dort immer sehr viel geschlafen.

Michael Barenboim: Aber selbst dabei schaltet er nie ganz ab. In seinem Kopf schwirrt immer Musik. Auch wenn er nur daliegt und sich entspannt, hört das nicht auf zu rattern.

David Barenboim: Man muss aber auch sagen: Wenn mein Vater nach Hause kommt, ist Schluss mit Arbeit. Er hört privat keine Musik. Null. Er regt sich auf, wenn klassische Musik im Fahrstuhl läuft oder in der Werbung benutzt wird. Das ist für ihn Blasphemie. Er findet, man sollte Musik nur aktiv hören, nicht als Hintergrundgeräusch.

ZEITmagazin: Sie sind in Paris geboren, mit sieben und neun Jahren nach Berlin gezogen, waren bei Ihrem Vater in Chicago – gibt es so etwas wie Heimat für Sie?

David Barenboim, 34, arbeitete als Hip-Hop-Produzent unter anderem mit Megaloh, K.I.Z. und RAF Camora zusammen. Unter dem Namen Solarrio veröffentlicht er eigene Musik. © Adrian Crispin

David Barenboim: Für mich nicht. Ich hatte nie das Gefühl, dazuzugehören, weder hier in Berlin noch in Paris. Es gibt Momente, in denen ich das vermisse. Bei dir ist das vielleicht anders, du hast ja inzwischen hier deine eigene Familie gegründet ...

Michael Barenboim: Ich wohne hier, seit ich sieben bin. Wenn hier nicht meine Heimat ist, wo dann?

ZEITmagazin: Ihre Mutter ist Russin, Ihr Vater ist als Sohn russisch-jüdischer Emigranten in Argentinien und Israel aufgewachsen – welche Sprache haben Sie zu Hause gesprochen?

Michael Barenboim: Mein Vater sprach mit uns Französisch, meine Mutter Russisch. So ist es bei mir mit den beiden heute noch. Wenn wir alle zusammen sind: Englisch.

David Barenboim: Wir beide sprechen miteinander Französisch. Mit meinem Vater ist es bei mir eher Englisch, gemischt mit Französisch. Russisch kann ich leider nicht mehr, daher spreche ich mit meiner Mutter auch Englisch.

ZEITmagazin: Sie haben beide sehr früh, mit vier Jahren, angefangen, selbst ein Instrument zu lernen. Haben Ihre Eltern das Üben streng überwacht?

David Barenboim: Ich wünschte, sie wären bei mir strenger gewesen. Dann hätte ich vielleicht nicht mit dem Klavier aufgehört. Aber als ich elf oder zwölf war, sollte ich einmal nach dem Abendessen noch üben. Ich habe 15 Minuten gespielt und mich dann vor den Fernseher gehockt. Mein Vater kam rein und sagte: "Was machst du? Du sollst üben!" – "Ich habe geübt." – "Hast du nicht! Wenn du jetzt nicht noch eine Stunde übst, rufe ich deine Lehrerin an und sage ihr, du kommst nicht mehr." Das tat er dann auch, und mir war das damals ganz recht. Danach war es nie wieder ein Thema.

ZEITmagazin: Ihr Vater hat mal gesagt: "Kinder behandelt man entweder zu lange wie Babys oder zu früh als Erwachsene. Meine Frau und ich gehören zur zweiten Kategorie. Ich war nie ein Vater, der gesagt hat: Du musst." Stimmt das?

Michael Barenboim: Man kann nicht 18 Jahre lang jemanden erziehen, ohne "Du musst!" zu sagen. Aber sie haben uns eher unsere eigenen Fehler machen lassen, als uns zu bevormunden.

David Barenboim: Mir hat mein Vater nur öfter gesagt, dass er es nicht gut findet, dass ich Sachen nicht zu Ende bringe. Das war ihm immer wichtig.

Michael Barenboim: Es kam ihm nicht darauf an, wofür man sich begeistert. Aber dass man, wenn die erste Begeisterung nachlässt, dranbleibt.

ZEITmagazin: Sie haben ja die Musik nicht ganz aufgegeben, David: Wie haben Sie den Hip-Hop für sich entdeckt?

David Barenboim: Als wir nach Berlin gezogen sind, konnten wir plötzlich MTV empfangen. Alles, was dort lief, habe ich aufgesogen. Eben auch Hip-Hop. Ich spielte in Bands E-Gitarre und hatte dann zwei oder drei Freunde, die auch gerappt haben. Das hat sich so ergeben, aus Spaß.

ZEITmagazin: War das auch eine Art von Rebellion?

David Barenboim: Die Rebellion war die E-Gitarre. Aber das war eben die Musik, die ich hören und spielen wollte. Nicht Haydn.

Michael Barenboim: Ein anderes Instrument ist doch keine wirkliche Rebellion.

David Barenboim: Stimmt. Rebellion wäre gewesen, wenn ich gesagt hätte: Ich werde Arzt!

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