Gesellschaftskritik Über Französisch für Aufsteiger

© Philippe Wojazer/Reuters
ZEITmagazin Nr. 37/2017

Der französische Mann, vor allem, wenn er Präsident ist, hat ein entspanntes Verhältnis zur Kunst des Schminkens und Frisierens, ganz anders als der deutsche, der, sofern er Kanzler ist, gern prozessiert, wenn jemand behauptet, er färbe sich die Haare. In Frankreich hingegen würden Präsidenten klagen, wenn jemand öffentlich behauptete, sie schwänzten den Waxing-Termin oder betrieben Nasenhaarwildwuchs.

Und trotzdem gibt es in Frankreich immer einen kleinen Aufschrei, so klein wie der nach dem Zupfen der Augenbrauen, wenn herauskommt, wie teuer die Schminkerei und Haareschneiderei des Präsidenten tatsächlich ist. Es ist ein kleines Ritual, Sarkozy wurde kritisiert, dann Hollande, nun Macron. Bei ihm geht es um 26.000 Euro Gage in drei Monaten für eine Visagistin. Wenn man es umrechnet, ergibt sich eine durchschnittliche Tagesgage von 280 Euro. Seine Vorgänger haben eher mehr Geld ausgegeben. In der Kritik am viel zu teuren Schminken macht sich auch die Meinung bemerkbar, ein Friseur oder eine Visagistin dürfe halt nichts verdienen, selbst dann nicht, wenn sie so gut ist in ihrem Beruf, dass sie an die oberste Staatshaut darf. Man könnte also an diesem Skandälchen vorbeigehen, hätte sich nicht ein namenloser Berater Macrons zu Wort gemeldet.

Er verlautbarte Folgendes, wir drucken es ausnahmsweise mal auf Französisch, weil man sich so die ganze Schwurbeligkeit besser vorstellen kann: "Il s’agit de prestations extérieures ... qui correspondent à l’urgence du moment après son arrivée à l’Elysée." Übersetzt heißt das: "Es handelt sich um externe Dienstleistungen, die mit der Dringlichkeit im Moment seiner Ankunft im Elysée-Palast korrespondieren."

In Frankreich hat sich niemand gewundert über diesen furchtbaren Satz, weil in Frankreich alle so reden, die mal an einer Eliteschule waren. Man liebt dort das Verb "corresponder". "Der verbrannte Kuchen korrespondiert mit der Backofentemperatur", dafür gibt es Einsen an der École Nationale d’Administration et de Boulangerie (ENAB). Korrespondieren klingt nach Briefeschreiben auf Büttenpapier mit Montblanc-Füllfederhalter. Der Blähsatz korrespondiert auch recht eifrig mit der französischen Neigung, an tatsächlich sehr teuren Eliteschulen sprachlichen Unsinn zu lehren und unter Briefe nicht so was wie "mit freundlichen Grüßen" oder "kind regards" zu schreiben, sondern "Je vous prie, Messieurs, d’agréer mes salutations les plus distinguées".

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