Harald Martenstein Über Sprachguillotinen

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ZEITmagazin Nr. 37/2017

Im Deutschlandfunk war ein Interview mit dem Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant zu hören. Er hat sich mit der Geschichte der politisch korrekten Sprache beschäftigt. Offenbar ist die politische Korrektheit in ihrer modernen Form ein Kind der Französischen Revolution. Es handelt sich um eine Idee der Jakobiner. Damals wurden zum Beispiel die Monate umbenannt. Monatsnamen wie "August" oder "Juli" erinnern an römische Kaiser, jede Erinnerung an die verdammenswerte Zeit der Kaiser und Könige sollte getilgt werden. Also hieß es fürderhin "Heißmonat", "Keimmonat" oder "Nebelmonat". Die Jakobiner haben übrigens auch die Guillotine als Argument in den politischen Diskurs eingeführt. Ein wichtiges Argument für die Guillotine war die soziale Gerechtigkeit. Die Strafe der Enthauptung ist vor der Revolution ein Privileg des Adels gewesen, und damit es in Frankreich sozial gerechter zugeht, sollte auch das gemeine Volk in den Genuss dieses Privilegs kommen.

Auch die Chancengleichheit hat also ihre Schattenseiten, mir sind da sofort die Bildungsreformen eingefallen. Im Namen der Chancengleichheit haben sie die Anforderungen fürs Abitur gesenkt – alle sollen das Abitur bekommen.

Bis vor ein paar Jahren konnte ein Kind durch Bildungsanstrengungen sozial aufsteigen, das Abitur war ein bisschen mühsam, aber es brachte echt was. Heute ist das Abitur in gewissen Bundesländern nur noch ein Indiz dafür, dass jemand im Multiple-Choice-Test die Kompetenz hat, zu googeln, ob die Hauptstadt von Frankreich Paris heißt, Pakistan, Pastasciutta oder Paragliding. Diese Reform, die zweifellos eine Art unblutige Enthauptung darstellt, bedeutet die Einführung der Guillotine in das Schulwesen.

Zufällig lese ich gerade Die Welt von gestern, die Lebenserinnerungen von Stefan Zweig. Dieser wunderbare Autor war ein Wiener Jude, der sich 1942 im Exil umgebracht hat. Die Welt von gestern ist sein melancholisches Abschiedsbuch. Auch Zweig schreibt über Sprachverbote, im Wien um 1900. Federführend waren in diesem Fall nicht die Jakobiner, sondern ein ähnlich unduldsamer und ebenfalls heute immer noch aktueller Menschenschlag, die Puritaner.

In Stefan Zweigs Wien war es Frauen verboten, "Hose" zu sagen, sie mussten das Wort "Beinkleid" benutzen. Ziemlich schnell nutzte das Verbot sich ab. Die unerlaubten Gedanken, die Wiener Menschen bei dem Wort "Hose" offenbar in den Kopf kamen, tauchten nun mit der gleichen Zuverlässigkeit bei der Lautfolge "Beinkleid" auf. Ein neues Wort musste her, es hieß "die Unaussprechlichen". Dieses wirklich geniale Wort ist heute wieder frei, man kann das wiederverwenden, etwa, wenn politisch korrekte Wörter wie "Geflüchtete", "Inuit" oder "bildungsfern" sich abgenutzt haben, das wären dann alles "Unaussprechliche". Ein geflüchteter Inuit aus einer bildungsfernen Familie ist dann einfach ein unausgesprochener Unaussprechlicher mit einer unaussprechlichen Familie. Damit sollte die Sprachdebatte dann aber auch wirklich beendet sein.

Die Wiedereinführung von "Heißmonat" für August, immerhin war das alte Rom eine Sklavenhaltergesellschaft, dürfte an der Unzuverlässigkeit des Augustwetters und mangelnder Akzeptanz in der Bevölkerung scheitern. Ich schlage deshalb folgende neue Monatsnamen für den deutschen Sprachraum vor, von Januar bis Dezember: Matsch, Eisregen, Hochwasser, Sturm, Hoffnung, Mallorca, Warmregen, Schnaken, Wespen, Sauwetter, Depression, Jahresende.

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„Unaussprechlich“, ineffabilis - willkommen bei Monty Python (Ha, er hat Jehova gesagt!), steht bereits in der „Tewtschen Theologey“ (1527) des Chiemseer Bischofs Berthold Pürstinger. Also gar kein neues Wort in Wien um 1900, sondern schon von Nestroy 50 Jahre früher persifliert: „Der Kaffee brannte unaussprechlich durch die Unaussprechlichen“. Und auch in Berlin kannte man natürlich schon länger diese ironische Umschreibung für „Hosen“: Der alte Kommerzienrat (in Fontanes „Frau Jenny Treibel“, wo Besitzbourgeoise und Bildungsbürgertum um 1880 vorgeführt sind) poltert: „hätte mir mit der Badine die Stiefel und die Unaussprechlichen abgeklopft“. Tatsächlich sind „The Inexpressibles“ eine Erfindung der Londoner Snobs um 1840 (Beau Brummell!), die das Problem der verschwindenden „culotte“ (die ars..engen, aristokratisch franz.) und der aufkommenden „trousers“ (die schw…engen, aus dem irischen Pöbel) auch ständisch-sprachlich bewältigen mußten. Der englische „gute Ton“ verbreitete sich alsbald auf dem Kontinent – und wurde somit europäisiert, zumal auch die „Hose“ als (nicht nur etymologisch) „Hülle“ für den „Zagel“ seit je anrüchig war. Und dann erst die Bruche bzw. Beinkleid bei Damen. Erst hatten sie gar keins – und dann eine sog. „Stehbrunzh.“, im Schritt offen, lange bevor beim Mann der „schlitzverstärkte Eingriff“ sich durchsetzte (vgl. Loriot, Liebe im Büro). Der Choc in Sternheims Skandalstück „Die Hose“ (1910) war vielmehr … sie schien außerehelich amourös abgelegt.

Andere Zeiten, andere Lebenseinstellungen - der nordenglische Mönch Beda Venerabilis hat um 725 in seinem epochalen Werk "De temporum ratione" auch die volkssprachigen Monatsnamen bei seinen Leuten ("apud Thiudiscos") notiert. Und da taucht der November als "blodmonath" auf, somit als Zeitspanne, in der die tierische Ernte (Kälber, Schweine, Gänse) eingefahren war, die (vormals) lieben gefräßigen Götter was abbekamen und der Rest in den Speisekammern der Hausfrau landete; die Altsachsen rechts des Rheins hielten das auch so mit der "Bluternte". Was uns "Herbst" als Anlaß zum Trübsalblasen ist, hielten die Franken für unvermeidliche Schnitterzeit (s. Harvester). Woraus man aber ablesen kann, daß die ethnischen Großverbände durchaus divergierende Monatsnamen hatten: Beim karolingischen Kultusminister Einhard weichen 11 von den 12 althochdeutschen Bezeichnungen vom Sprachgebrauch an Elbe und Themse ab. Da unser lieber Kolumnist bekanntlich kein Jakobiner ist, wird es ihm auch nicht gelingen, die Volkskrankheit "Depression" als allgemein gültigen Monatsnamen einzuführen. Analogieschlüsse zu solchen Sprachregelungen wie "Geflüchtete" sind erlaubt - diese werden sich schlicht nicht halten. Ob allerdings die "Studierenden" irgendwann einer "Säuberung" zum Opfer fallen, ist nicht ausgemacht.