Ich habe einen Traum Jack Johnson

"Der Tod meines Vaters ist ein Verlust, der mir das Herz bricht"
© GL Askew II
ZEITmagazin Nr. 37/2017

Im Alltag bin ich sehr entspannt und ausgeglichen, und das gilt eigentlich auch für meine Träume. Aber immer wenn ich auf Tour und länger von zu Hause weg bin, schleicht sich Unruhe in meine Nächte. Ich werde von Albträumen geplagt, in denen die Wände Augen haben und mich beständig beobachten oder in denen eine riesige Welle auf mich zukommt und ich nicht in der Lage bin, mich zu bewegen. Es ist wichtig für mich, diesen Träumen Aufmerksamkeit zu schenken. Sie helfen mir, zu erkennen, was mein Bewusstsein gerade ausblendet – und dass ich etwas ändern muss, wenn ich mich unwohl, überfordert oder blockiert fühle.

Vor sechs Jahren starb mein Vater, seit dieser Zeit besucht er mich hin und wieder in meinen Träumen. Ihn zu verlieren war sehr schwer für mich, die schwierigste Zeit meines Lebens. Bis heute gibt es Momente, in denen ich überdeutlich spüre, dass er nicht mehr da ist. Sein Tod ist ein Verlust, der mir das Herz bricht. Wenn ich dann von ihm träume, tut mir das gut. Nach dem Aufwachen fühlt es sich so an, als hätte ich tatsächlich Zeit mit ihm verbracht, ich fühle mich sicher und aufgehoben, und all die Gefühle, die er mir zu Lebzeiten vermittelt hat, sind wieder da. Dann weiß ich, dass er immer noch Teil meines Lebens ist. Interessanterweise spricht mein Vater in diesen Träumen nicht. Wir verbringen Zeit miteinander, ich erzähle ihm von meinem Leben, stelle Fragen. Aber er redet nicht. Nie. Dennoch fühle ich mich verstanden und getröstet. Auch zu Lebzeiten war er ein stiller Mensch, einer, der zuhörte, bevor er redete. Trotzdem ist sein Schweigen merkwürdig, auch wenn es sich im Traum ganz selbstverständlich anfühlt.

Mein Vater hat seine Liebe zum Ozean und zum Surfen an mich weitergegeben. Er hat Surfen eher als Kunstform begriffen, weniger als sportlichen Wettbewerb. In gewisser Weise lebe ich seinen Traum vom Surfen weiter. Ich verbringe viel Zeit auf dem Meer und erlebe dort Momente, die ich als losgelöst von der Realität erlebe, als traumähnlichen Zustand, eine Art Ausflug ins Unbewusste mit offenen Augen.

Auch wenn ich froh bin, dass es die Musik in meinem Leben gibt, fühle ich mich bis heute in allererster Linie als Surfer. Ich möchte mit dem Surfen nie aufhören.

Mit 17 hatte ich einen schweren Surfunfall, bei dem ich beinahe gestorben wäre: Ich bin mit dem Kopf hart auf ein Korallenriff aufgeschlagen und verlor das Bewusstsein. Ich trieb unter Wasser, mir war klar, dass ich sterben würde, wenn ich nicht zu schwimmen begänne. Gleichzeitig war da dieser starke Wunsch, mich auszuruhen, mich weiter treiben zu lassen, nur für einen Moment. Es fühlte sich nicht bedrohlich an. Ich spürte, dass es zwei Möglichkeiten gab – ich treibe weiter, oder ich beginne zu schwimmen. Und beides war in Ordnung. Ich habe mich für das Schwimmen entschieden, aber der andere Weg wäre auch in Ordnung gewesen. Diese Erfahrung hat meine Vorstellung vom Tod verändert. Er macht mir seither nicht mehr so große Angst.

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