© Max Brunnert

Johannes Laschet "Als Sohn eines Politikers muss man ja aufpassen, dass man alles richtig macht"

Der Vater von Johannes Laschet ist Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Der Sohn geht einen anderen Weg: Eine Karriere auf Instagram. Von
ZEITmagazin Nr. 37/2017

An einem Donnerstag im Juli sitzt Johannes Laschet auf einem Samtkanapee im Teesalon des Excelsior Hotel Ernst in Köln, dem, wie man so schön sagt, ersten Haus am Platz, und sieht genau so aus wie Ryan Gosling. Kronleuchter blitzen, beigefarbene Teppiche dämpfen die Geräusche, ein Kännchen Tee kostet 9 Euro. Johannes Laschet trägt enge Jeans, in der Brusttasche seines beigefarbenen Sakkos hat er ein Einstecktuch mit blauen Streublümchen drapiert. Unter dem weißen Hemdsärmel schauen Armbänder aus Holzperlen hervor. Die Wahl seines Vaters zum Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen liegt schon zwei Monate zurück, aber Johannes Laschet – 28 Jahre alt, 1,78 Meter groß, Student der Rechtswissenschaft in Bonn und Teil des Privatlebens, das der CDU-Politiker Armin Laschet gerne aus der Öffentlichkeit heraushalten möchte – ist immer noch in den Schlagzeilen. Dass er dem Hollywoodschauspieler und Frauenschwarm Ryan Gosling ziemlich ähnlich sieht, ist sogar dem amerikanischen Time Magazine aufgefallen. Doch als Johannes Laschet die Marmortreppe des Hotels hochgelaufen kommt, hat er nichts von einem hollywoodesken Schnösel an sich, sondern ist einfach ein höflicher junger Mann, der ziemlich aufgeräumt aussieht, ja fast ein bisschen brav.

Johannes Laschet ist nicht nur Politikersohn und unfreiwilliges Schauspieler-Double, er ist auch Mode-Blogger und sogenannter Influencer, was bedeutet, dass auf seinem Instagram-Account nichts zu sehen ist außer ihm selbst. Unter dem Namen @joe_laschet präsentiert er sich über 40.000 Followern mal im schnittigen Anzug, mal mit Panamahut auf dem Kopf. Die Fotos macht seine Freundin. Mal lächelt er sanft in die Kamera, mal runzelt er nachdenklich zweifelnd die Stirn, dazu empfiehlt er Schuhmarken und berichtet von der florentinischen Männermodemesse Pitti Uomo. Zu diesem Lifestyle scheint das Hotel am Kölner Dom, das er als Treffpunkt vorgeschlagen hat, perfekt zu passen. Aber während er behutsam nach seiner Kaffeetasse greift und dann die blaue Strickkrawatte glatt streicht, erzählt Laschet, dass er noch nie in diesem feinen Haus gewesen sei, eigentlich gehe er in Köln am liebsten in die Brauhäuser. Doch da könne man sich so schlecht unterhalten. Außerdem liege das Hotel so zentral, das sei praktisch für die Reporterin, habe er sich gedacht. Sehr zuvorkommend.

Johannes Laschet ist ein netter, unaufgeregter Mensch, der "Tellefon" und "Spass" sagt und mit dem man sofort mal ein Kölsch trinken gehen würde, einer, mit dem man sich gut unterhalten kann, zum Beispiel darüber, dass Köln viel cooler ist, als es auf den ersten Blick wirkt, oder wo man in Österreich besonders gut snowboarden kann. Aber natürlich will man andere Sachen von ihm wissen, zum Beispiel: Wie wird man eigentlich Mode-Influencer, wenn man der Sohn von Armin Laschet ist, einem sympathischen, aber auch etwas betulich wirkenden Ministerpräsidenten, den man sich jederzeit in einem Schrebergarten, aber kaum am Rande eines Laufstegs vorstellen kann? Gibt es da ein Bedürfnis, aus der harmonischen, etwas biederen Politikerfamilie auszubrechen, so wie etwa Roland Kochs Sohn Dirk, der als Erotikfotograf arbeitet?

Nein, Rebellion gegen die Eltern, vor allem gegen den Vater, der als Arbeitstier gilt und in seinem Alter schon als jüngster Ratsherr im Aachener Stadtrat saß, sei nie sein Motiv gewesen, sagt Laschet. "Meine Eltern haben mir alle Freiheiten gewährt. Sie haben mir nie das Gefühl gegeben, dass ich sie enttäuschen kann", sagt er. "Sie haben immer gesagt: Solange du ein guter Mensch bleibst, dein Ding machst und tust, was dir Spaß macht, sind wir zufrieden." Johannes Laschet wächst als Ältester von drei Geschwistern in einer Reihenhaussiedlung in Aachen-Burtscheid auf. Mit vielen der Nachbarskinder ist er bis heute befreundet. Als Kind fährt er Mountainbike und Skateboard, spielt Fußball und geht am Wochenende mit seinem Vater ins Tivoli, um Alemannia Aachen zu sehen. Natürlich habe er seinen Vater selten gesehen. Das sei für ihn aber kein Problem gewesen: "Ich war nie sauer, dass er so viel weg war. Wenn es darauf ankam, war er immer für uns da." Neben der Schule engagierte sich Johannes Laschet in der katholischen Gemeinde, war Messdiener, Vorbeter, leitete das kirchliche Zeltlager und die Skifreizeit. Einmal im Jahr macht die Familie Urlaub am Bodensee. Als Kind träumte Johannes Laschet davon, Fischer zu werden.

Auch wenn er das Posieren vor der Kamera sehr gut beherrscht, macht Johannes Laschet nach wie vor einen zurückhaltenden Eindruck. "Meine Eltern haben mir beigebracht, mich selbst nicht so wichtig zu nehmen und bescheiden zu sein", sagt er. Armin Laschet hat seinen Sohn in einem Interview sogar mal auf die Bemerkung hin, er arbeite als Fotomodell, verteidigt: "Er modelt nicht, er hat einen Mode-Blog." Zu Hause, erzählt Johannes Laschet, habe vor allem gezählt, dass man auf andere Menschen zugehe und immer hilfsbereit sei. "Ich bewundere meine Eltern", sagt er, und es klingt nicht mal einstudiert. Mit seinem Vater teile er die rheinische Mentalität, das Gesellige, die Freude daran, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Bei der Frage, ob es denn auch Dinge gebe, bei denen er seinen Eltern widerspreche, überlegt er lange. Ihm fällt nichts ein.

Johannes Laschet war nie sauer, dass sein Vater so oft unterwegs war. © Max Brunnert

Johannes Laschet wirkt wie einer, der in seinem Leben noch nie schwarzgefahren ist oder jemandem ein Bein gestellt hat, einer, der weder Außenseiter war noch Klassenclown, sondern am ehesten beliebter Durchschnitt. In der Schule war er mäßig fleißig, und an der Uni ist er auch schon eine Weile, in welchem Semester er mittlerweile studiert, will er nicht verraten – "ist schon ein höheres", sagt er und lacht verlegen. Was er machen möchte, wenn er mit dem Studium fertig ist, weiß er noch nicht. Eine politische Karriere könne er sich eher nicht vorstellen: "Als Politiker muss man für den Job leben. Mir ist es wichtiger, meine Freiheiten und am Wochenende Zeit für meine Freunde zu haben." Mehr Abgrenzung vom Vater ist nicht drin. Natürlich hat er die CDU gewählt.

Seine Leidenschaft für klassische Herrenmode entdeckte Johannes Laschet durch seine elegant gekleideten Onkel – "beide Rechtsanwälte", erklärt er. An der Nähmaschine seiner Großmutter nähte er ihre alten Hemden um. Sein Vater schenkte ihm das Buch Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode von Bernhard Roetzel. "Und dann kam das so peu à peu." Heute berät Johannes Laschet seinen Vater beim Anzugkauf. "Wichtig ist, dass ein Anzug gut sitzt", sagt er. "Das Schlimmste ist ein Anzug, der wie ein Sack aussieht." Ein Politiker solle sich aber auch nicht zu stylish anziehen: "Eine grelle Krawatte und dazu ein Einstecktuch würde ich meinem Vater nicht empfehlen." Für ihn selbst sei Johannes Huebl, ein deutscher It-Boy, der immer ein bisschen so dreinschaut wie Barbies Mann Ken, ein Stilvorbild. Er habe außerdem einen leichten Ordnungszwang, sagt Johannes Laschet über sich, und genieße es, seine Schuhe zu putzen. "Das ist für mich wie Meditation", sagt er, "dazu höre ich dann Jazz von Charlie Parker oder Chet Baker." Punkrock von Marilyn Manson und Hip-Hop von Eminem findet er aber auch gut, und, ja, hin und wieder läuft er sogar in Jeans und T-Shirt herum: "In der Uni wäre eine Krawatte dann doch too much."

Es ist interessant, dass einer wie Johannes Laschet Influencer ist, also einer, der die Massen begeistert. In den letzten Monaten ist seine Reichweite auf Instagram rasant gestiegen, nach dem Beitrag im Time Magazine sollen innerhalb von zwei Wochen um die 8.000 neue Anhänger dazugekommen sein. Für einen männlichen, deutschen Instagram-Star ist das sehr viel. Was finden die Leute an ihm? Johannes Laschet hat auf Instagram und YouTube viele Kollegen und Kolleginnen, manche mit zwanzigmal so vielen Anhängern wie er. Scrollt man durch ihre Feeds, kann man abschalten: Da sind schöne Bilder von meist immer derselben schönen Person an schönen Orten zu sehen. Die Influencer ecken nicht an, man kann sich mit ihnen nicht streiten, sie noch nicht mal hochnäsig finden. Sie schwimmen im Strom, nur eben ein Stück weiter vorn als alle anderen. Früher waren Rockstars, die Hotelzimmer zertrümmerten, Ikonen der Jugend. Heute sind es Leute wie Laschet: freundlich, bodenständig, gut aussehend, eloquent. Unter seinen Instagram-Bildern, die ihn etwa im dunkelblauen Hemd und Trenchcoat zeigen, schreibt er Zeilen wie: "Urban flair." Witzlosigkeit kann man ihm vorwerfen, mangelnde Transparenz nicht: Der angehende Jurist weiß natürlich, dass man Instagram-Bilder, die Markengeschenke zeigen, entsprechend kennzeichnen muss. Unter jedem Foto steht, wer die gezeigten Produkte gespendet hat. "Alles andere wäre unlautere Werbung", sagt Laschet. Obwohl er für die Produktplatzierungen nach eigenen Angaben noch kein Geld nimmt, hat er für seine Influencer-Tätigkeiten schon ein Gewerbe angemeldet. "Als Sohn eines Politikers muss man ja aufpassen, dass man alles richtig macht."

Johannes Laschet hat für seine Arbeit auf Instagram ein Gewerbe angemeldet. © Max Brunnert

Seinem Vater haben viele Kritiker genau das vorgeworfen: dass er zu vorsichtig sei, konturlos. Für einen Politiker ist das ein hartes Urteil. Manche spotten gar, Armin Laschet sei nicht wegen, sondern trotz seiner Behutsamkeit ins Amt gewählt worden. Seinem Sohn dürfte der Eifer, alles richtig machen zu wollen, allerdings eher nützen als schaden. Der Mangel an Radikalität ist für den Influencer eine zentrale Qualifikation. Und die Ähnlichkeit zu einem Hollywoodstar natürlich.

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