© Herlinde Koelbl

Das war meine Rettung "Für mich war es das Wichtigste, mir gerecht zu werden"

Als die Geigerin Lisa Batiashvili mit zwölf nach Deutschland kam, fühlte sie sich wie ein Alien Von
ZEITmagazin Nr. 37/2017

ZEITmagazin: Frau Batiashvili, Sie sagten einmal, jeder Ton komme aus dem Inneren des Musikers, daran könne man seine Persönlichkeit erkennen. Wie würden Sie Ihren Ton, Ihre Persönlichkeit beschreiben?

Lisa Batiashvili: Mein Ton besitzt Zärtlichkeit, Wärme und Nostalgie. Er regt zum Nachdenken an, ist aber nicht störend und soll auf keinen Fall wehtun. Auch persönlich bin ich eher ein Mensch, der nicht an das Extreme geht, ich suche lieber Kompromisse.

ZEITmagazin: 1991, da waren Sie zwölf, sind Ihre Eltern mit Ihnen aus Tiflis, Georgien, nach Deutschland ausgewandert. Warum?

Batiashvili: Zum einen wurde die politische Situation in Georgien durch den Zerfall der Sowjetunion auf einmal sehr unsicher. Niemand wusste, wie es weitergehen würde. Alle spürten, dass schwere Zeiten anbrechen. Strom, Wasser und Essen wurden knapper. Zum anderen wollten meine Eltern mir eine richtige Ausbildung als Geigerin ermöglichen. Mein Papa unterrichtete mich noch selbst und erkannte, dass ich jetzt in andere Hände kommen musste.

ZEITmagazin: Fühlten Sie sich unter Druck, dass Ihre Eltern für Sie alles aufgegeben hatten? Ihr Vater war zuerst arbeitslos.

Batiashvili: Mir war schon bewusst, was er alles zurückgelassen hatte. Aber letztlich war es auch für meine Eltern die bessere Lösung. In dem Moment, als wir in Hamburg landeten, fing für uns alle ein neues Leben an. Die Ausreise war also meine Rettung. Dadurch habe ich die Möglichkeit bekommen, überhaupt etwas zu werden und mein Leben selbst zu bestimmen.

ZEITmagazin: Sie sprachen kein Deutsch. Waren das schwierige Jahre?

Batiashvili: Anfangs fühlte ich mich schon ein bisschen wie ein Alien. Ich wollte unbedingt so werden wie die anderen Kinder. Manches war ungewohnt, wie dass ich Freunde nicht jederzeit anrufen konnte. Dieses Alleinsein auszuhalten, musste ich erst erlernen. In Georgien spielt die Zeit keine Rolle, und die Menschen hatten damals fast nichts. Gegenseitige Unterstützung und persönliche Nähe waren sehr wichtig. In Deutschland hingegen führten die Menschen ihr eigenes Leben und interessierten sich viel weniger füreinander. Aber ich erkannte, dass es hier andere Vorteile gab, und habe versucht, mich anzupassen und zu lernen, wie man hier lebt. Ich konnte ja schon gut Geige spielen, das war meine Stärke. So war ich durch mein Spiel im Schulorchester etwas Besonderes und, obwohl ich anders war, von den Schülern angenommen und respektiert. Die Musik hat mir in dieser Anfangszeit sehr geholfen, mich zu integrieren.

ZEITmagazin: Sie wurden bereits mit 16 Jahren Zweite im Sibelius-Wettbewerb, einem der weltweit wichtigsten Geigenwettbewerbe. Wie schafften Sie das?

Batiashvili: Ich kam in die Klasse der fantastischen Geigenlehrerin Ana Chumachenco. Eigentlich hatte sie gar keinen Platz mehr für mich. Sie meldete mich einfach für den Sibelius-Wettbewerb an, weil sie meinte: "So hast du ein Ziel, für das du üben kannst." Ich habe mich mit ganzem Körper und ganzer Seele auf diesen Wettbewerb vorbereitet und war sehr überrascht, dass ich einen Preis bekommen habe. Ich sah nur, wie viel ich noch zu tun hatte, um das Niveau zu erreichen, bei dem ich mir selbst einen Preis gönnen würde. Für mich war es das Wichtigste, mir gerecht zu werden.

ZEITmagazin: Selbst Daniel Barenboim hat Sie gelobt, und Alfred Brendel sagte über Sie, Sie seien ein Teufelsweib mit Engelsflügeln.

Batiashvili: Mein Mann hat mich einmal gefragt, ob ich eigentlich verstehe, was die Leute an mir gut finden. Das ist sehr schwierig für mich. Ich sehe ja nicht, was die anderen Leute in mir sehen, also meine Persönlichkeit. Sondern ich sehe nur, was ich daraus mache. Und ich habe den Anspruch, auf einem ganz bestimmten Niveau zu spielen. Das zu erreichen erfordert Selbstdisziplin und Geduld. Deshalb bin ich auch ständig mit mir unzufrieden.

ZEITmagazin: Sie spielen jetzt auf einer Guarneri, vorher auf einer Stradivari. Warum wechselt man seine Geige?

Batiashvili: Ich hatte bei der Stradivari das Gefühl, dass die Geige entscheidet, was ich mache. Die Guarneri hingegen gibt mir die Freiheit, spontan Dinge auszuprobieren, ohne dass sie anders reagiert, als ich erwarte. Und sie hat auch einen etwas wärmeren Klang mit viel Volumen und noch eine versteckte Klangblase, die aufblüht, wann immer ich sie brauche. Das gibt mir die Möglichkeit, mich auf andere Sachen zu konzentrieren. Mein Traum ist es, in einen Zustand zu gelangen, wo mich die Musik so weit trägt, dass ich alles andere vergessen kann. Aber das bleibt wohl eine Idealvorstellung.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Die Fotografin gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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Es gibt eben auch Menschen, die bereits mit 16 Jahren wissen, wohin ihre Reise gehen soll. Und sich auch bereits gut kennen. Aber "sich gerecht zu werden" bedeutet hier ja, sich treu zu sein/bleiben, seinen Weg zu gehen und seine Konzentration für das, was einem wichtig ist, nicht aufzugeben wegen anderer. Das kann man durchaus schon mit 12 Jahren, wenn man an/in sich ein bestimmtes Talent entdeckt hat. Das gilt ja auch für Sportler, nicht nur für Künstler.