© Lottermann und Fuentes

Martin Schulz 99 Fragen an Martin Schulz

Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 37/2017

Audienz beim SPD-Kanzlerkandidaten, mit dem gerade alle reden und der gerade überall zu sehen ist. Los geht’s.

1 Sekt oder Selters?

Selters.

2 Schwarz-Grün oder Schwarz-Gelb?

Rot.

3 Bei welchem Wahlkampfthema müssen Sie aufpassen, dass Sie nicht wütend werden?

Rechtsextremismus.

4 Und gleich die entscheidende Frage: Welche zwei Gründe können Sie nennen, aus denen die Menschen am 24. September Martin Schulz und die SPD wählen sollen?

Besseres Konzept für eine gerechte Zukunft. Sich ausruhen auf Erfolgen reicht nicht.

5 Woran liegt es, dass die Leute sich offenbar nicht merken können, warum sie am 24. September SPD wählen sollen?

Ein Viertel der Bevölkerung hat es schon verstanden. Der Rest kommt noch dazu.

6 Wie kommentieren Sie die nur auf den ersten Eindruck dumm klingende These, dass Sie nicht gebraucht werden, weil Deutschland ja schon eine Kanzlerin hat?

Frau Merkel hatte in ihrer sehr langen Amtszeit sicher ihre Verdienste. Hatte Kohl auch. Aber seine letzten vier Jahre waren schlimm. Ich will nicht, dass sich das wiederholt.

7 Wie wehren Sie sich gegen den furchtbaren Verdacht, dass Sie der ideale kleine Koalitionspartner für Frau Merkel sind?

Indem wir die große Koalition beenden und die nächste Koalition anführen.

8 Stellt sich durch das unverändert deutliche Hintenliegen in den Umfragen bei Ihnen eine neue Freiheit des Denkens, eine neue Unabhängigkeit ein?

Diese Unabhängigkeit im Denken hat nichts mit Umfragewerten zu tun. Die habe ich vom Grundsatz her. Und wenn sich durch die Umfragen überhaupt etwas einstellt, dann Kampfeswillen.

9 Wäre es nicht ein spektakuläres Manöver, wenn Sie jetzt erklären, dass Sie gar nicht gewinnen, sondern nur ein starker Zweiter werden wollen?

Nee. Man kämpft für den Sieg, für den ersten Platz. Außerdem: Wer bin ich, bestimmen zu wollen, auf welchem Platz ich lande? Wahlkämpfe werden am Ende durch den Souverän bestimmt. Und der Souverän ist der Wähler.

Auf Ledersofas im VIP-Raum am Flughafen Düsseldorf. Gerade ist seine Maschine aus Berlin gelandet, heute Abend hat er eine Juso-Veranstaltung in der Düsseldorfer Innenstadt. Schulz sitzt zurückgelehnt und mit übereinandergeschlagenen Beinen, er trägt den gut billig aussehenden Anzug, den er immer trägt. Außer ihm im Raum sind seine zwei Personenschützer, sein Pressesprecher, die zwei Fotografinnen des ZEITmagazins. Sein nordrhein-westfälischer Singsang, die grollende Schulz-Stimme: Bisher ist alles so wie immer bei Schulz-Interviews. Der Pressesprecher hat sich so hingesetzt, dass er, im Rücken des Interviewers positioniert, den Kandidaten vis-à-vis mit beiden Händen dirigieren kann.

10 Der berühmte Tunnel, in dem die Kanzlerkandidaten in den Wochen vor der Wahl stecken: Wie fühlt der sich an?

Von der ersten Minute nach dem Wachwerden bis zur letzten Minute vor dem Einschlafen herrscht Konzentration auf den Wahlkampf. Man denkt kaum noch an etwas anderes. Das ist der Tunnel.

11 Richtiges Gerücht, dass Sie noch bis vor zwei Wochen – genauer: bis zu Ihrem Auftritt in der RTL-"Wahlarena" – ein bisschen deprimiert waren?

Nein. Bisschen deprimiert ist falsch.

Ha! Das war das erste lustige Ding. Aber komisch, der Kandidat selber scheint das nicht so zu sehen, dass er gerade lustig war. Das unbewegt konzentrierte Schulz-Gesicht.

12 Ist das manchmal schwer, nicht beleidigt zu sein mit den Wählern?

Echt nicht. Ich respektiere die. Wer Wähler verachtet, sollte nicht in die Politik gehen.

13 Mit sechs Monaten Abstand: Haben Sie verstanden, was der sogenannte Schulz-Effekt war?

Ja, ich glaube es jedenfalls. Die Sehnsucht nach einer Alternative zu Angela Merkel. Und das ist eben auch die große Chance.

14 Was ist das große Thema von Martin Schulz?

Dass es unseren Kindern und deren Kindern so gut geht wie uns. Dass die im gleichen Frieden leben können. Die Friedenspolitik, für die ich stehe, ist über viele Jahre als von gestern belächelt worden. Und plötzlich sieht man: Sie ist aktueller denn je.

15 Welcher Kommunikationsstratege hat Ihnen den großen Satz "Ich möchte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden" beigebracht?

Für einen solchen Satz brauche ich keinen Kommunikationsstrategen, sondern den Mut und den festen Willen, etwas zu verändern. Einfach "weiter so" reicht nicht.

16 Verstehen Sie, dass Ihr im ZDF geäußerter Vorschlag, die CDU könne gerne als Juniorpartner in einer großen Koalition unter Ihrer Führung eintreten, ein bisschen albern klang?

Nee. Finde ich nicht.

17 Richtige These, dass in Deutschland Kanzler nicht gewählt, sondern nur abgewählt werden?

Es gibt in der Politik journalistische Stanzen, aber keine Regelmäßigkeiten.

18 Richtige These, dass die Deutschen letztlich ein konservatives Volk sind?

Nein. Mein Eindruck ist: Die Leute wissen, dass nur Veränderungen die Zukunft sicher machen. Ein Land wie Deutschland kann man nicht aus dem Schlafwagen regieren.

19 Trifft die berühmte Steinbrück-Analyse von 2013 "Deutschland ist ein zufriedenes Land. Es gab keine Wechselstimmung" nicht exakt auf heute zu?

Ich erlebe bei meinen Kundgebungen große Lust auf Politik. Die Leute haben es satt, eingelullt zu werden. Deutschland hat sich seit 2013 massiv repolitisiert.

Er kommt nun, hoppla, mit einem Ruck nach vorne, stützt die Ellenbogen auf den Knien ab. Das ist vielleicht sein größter Vorteil gegenüber Steinmeier und Steinbrück, seinen Vorgängern als SPD-Kanzlerkandidat, dass er seinen Körper für sich sprechen lassen kann. Der Schulz-Körper strahlt Kraft und Aggressivität aus.

20 Wäre es nicht mutig gewesen, das Interview mit Deutschlands langweiligen YouTubern abzusagen?

Nein. Das wäre weder klug noch mutig gewesen.

21 Das Ding mit Merkels angeblichem "Anschlag auf die Demokratie", würden Sie das hier noch mal bringen?

Von Tatsachenbeschreibungen muss ich nichts zurücknehmen.

22 Stimmt die Geschichte, dass Sie Angela Merkel in internen Runden nur als "die Dame" bezeichnen?

Sage ich das? Vielleicht gelegentlich.

23 Gilt die alte Regel aller Merkel-Herausforderer, dass es de facto Wahnsinn ist, die Kanzlerin direkt anzugreifen, weil sie zu populär ist?

Es ist kein Wahnsinn, es ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wer keine Positionen hat, den kann man nicht angreifen. Aber versuchen muss man’s natürlich trotzdem.

Wir schalten um: Biografie-Fragen an den Kandidaten Schulz.

24 Gute Erinnerungen an die Mama?

Sehr lebhafte Erinnerungen. Meine Mutter war ihr Leben lang CDU-Mitglied – sie war so schwarz, sie warf noch im Kohlenkeller Schatten.

25 Wie genau fand das berufliche Zurückstecken Ihrer Frau zugunsten Ihrer politischen Karriere statt?

Nein, meine Frau hat nicht zurückgesteckt wegen meiner beruflichen Karriere, da haben Sie etwas falsch verstanden. Meine Frau hat wegen ihrer eigenen beruflichen Karriere mir zur Bedingung gemacht, dass sie nicht an meiner Politik teilnehmen muss. Sie bestand darauf, ihr eigenes berufliches Leben zu leben: Meine Frau ist Diplomingenieurin in der Landespflege und hat 25 Jahre lang sehr erfolgreich ein Büro als selbstständige Landschaftsplanerin betrieben.

26 Ist Ihnen gar nicht unangenehm, dass Sie kein Abitur haben?

Früher war es mir irgendwie unangenehm. Heute nicht mehr.

27 Was genau heißt das, wenn Sie sagen, dass Sie mit Anfang 20 der "durchgeknallteste junge Mann in ganz Deutschland" waren?

Tja. Das ist kein ganz zitierfähiger Satz: Männer zwischen 18 und 25 können ganz schön bescheuert sein. Warum war ich durchgeknallt? Ich hatte den Faden in meinem Leben verloren.

28 Können Sie in einer Anekdote noch mal schildern, wie weit Sie es als beinahe professioneller Fußballer gebracht haben?

Ich war nicht talentiert genug, um Profifußballer zu werden. Aber: Das habe ich halt nicht kapiert.

29 Haben Sie die Geschichte von Ihrer überwundenen Alkoholsucht schon ein bisschen zu oft erzählt?

Ich werde ständig danach gefragt. Und bin da ja auch in einem Dilemma. Sage ich, das habe ich doch schon hundertmal erzählt, dann schreibt irgendeiner: Er will nicht mehr drüber reden. Stehe ich dazu, dann fragt man mich: Haben Sie das nicht schon zu oft erzählt? Die Gott sei Dank überwundene Alkoholsucht ist ein Teil meines Lebens. Ich kann sie nicht wegzaubern.

30 Welcher der zehn Titel, die kursieren, ist jetzt eigentlich Ihr Lieblingsbuch?

Ich nenne eigentlich immer drei: Früchte des Zorns und Jenseits von Eden von John Steinbeck. Und Lampedusas Der Leopard. Wie wundervoll ist bitte auch die Verfilmung des Leoparden mit Burt Lancaster und Claudia Cardinale! Ich bin mal an den Original-Drehschauplätzen gewesen. Es gibt in Palermo in der Innenstadt das Stadtpalais der Familie Tomasi di Lampedusa. Ein Nachfahre des Schriftstellers hatte mich auf Vermittlung des Bürgermeisters von Palermo, Leoluca Orlando – das ist ein Freund von mir –, eingeladen.

31 Woher rührt noch mal Ihre Faszination für den Habsburger-Kaiser Karl V.?

Ein Herrscher, der von sich sagte: "In meinem Reich geht die Sonne nicht unter", tritt kurz vor Ende seines Lebens von seinem Amt zurück zugunsten seines Sohnes, Philipps II. Der mächtigste Mann seiner Zeit verzichtet in einer Epoche der unumschränkten Herrschaft des Kaisers auf seinen Thron. So etwas ist selten.

32 Sind Sie ein total guter Typ?

Nein. Es gibt keinen total guten Typen. Jeder Mensch hat seine Schwächen. Ich auch.

33 Haben Sie in etwa die Körpergröße von Gerhard Schröder?

Ich weiß nicht, wie lang Gerhard Schröder ist. Aber er war ein großer deutscher Kanzler.

34 Ist das okay, wenn man sagt, dass Sie die Aura und das Aussehen eines zuverlässigen deutschen Handwerksmeisters haben?

Empfinde ich als Ehre.

35 Sind Sie ein guter Schauspieler?

Nein.

36 Sind Sie eigentlich auch ein Frauentyp?

Haha! Ich bin der James Bond der SPD. Im Ernst, darüber mache ich mir keine Gedanken.

37 Welches ist Ihre stärkste weibliche Eigenschaft?

Ich kann eigentlich nicht unterscheiden zwischen männlichen und weiblichen Eigenschaften. Ich habe einen sehr unkomplizierten Zugang zu Kindern. Ich weiß aber nicht, ob das eine weibliche Eigenschaft ist.

38 Kommt ein bisschen nuscheln immer gut?

Ich setze es zumindest nicht bewusst ein. Es ärgert mich sogar, wenn Sie das sagen. Ein Politiker sollte gut verständlich und präzise sprechen.

39 Ist das wichtig, dass man als Kanzlerkandidat immer ein bisschen ein schlecht gelauntes Gesicht zieht?

Ich lache eigentlich oft und gerne.

40 Kann man das Schröder-Röhren, also das kraftvoll heisere Sprechen auf Marktplätzen und an SPD-Parteitagen, lernen?

Ich habe das von Natur aus. Ich bin ein Anhänger des Grundsatzes, dass ein Mensch, auch ein Politiker, so sein sollte, wie er ist. Mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern habe ich permanent Diskussionen über diese Fragen, wo mir die Spindoktoren und Imageberater ungebetene Ratschläge geben und sagen: Da musst du aber noch lernen, ein bisschen vornehmer zu reden. Es heißt zum Beispiel immer wieder, es sei ganz charmant, dass man höre, wo ich herkomme, aber meine mittelrheinische Konsonanten-Schwäche – manschmal, zwichen, Tich und Kirsche –, die müsse ich ablegen. Das sehe ich entschieden anders. Ich bin davon überzeugt, dass Menschen spüren, ob einer sich verstellt.

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