Seenotrettung "Jedes Mal sagt man sich: So ein Scheißjob. Und sobald man ausgeschlafen hat: Zack, wieder raus"

© Robin Hinsch
Olaf und Fabian Burrmann sind ein ungewöhnliches Duo auf hoher See. Sie retten gemeinsam Leben – obwohl es für den Sohn zunächst schwierig war, "den Alten" als Chef zu akzeptieren. Von
ZEITmagazin Nr. 37/2017

Als Fabian Burrmann noch ein kleiner Junge war, fegte ein Sturm über den Deich. So stark blies der Orkan, dass seine Mutter ihn festhalten musste, damit er nicht fortgeweht würde. Und Fabian schaute auf die tosende See und wusste: Mein Vater ist jetzt da draußen auf dem Meer, er muss fahren, wenn keiner mehr rauswill, und manchmal, wenn die See so schwer geht, kippt das Schiff so stark zur Seite, dass das kalte Wasser reinläuft. Das hatte ihm der Vater erzählt. Der fährt trotzdem raus, weil er die Menschen rettet, die in Seenot geraten sind. Mein Vater, dachte Fabian Burrmann, ist ein Held.

Später, als er 14, 15 Jahre alt war und schon längst beschlossen hatte, dass auch er selbst einmal zur See fahren würde, machte er manchmal Freiwilligendienst auf der Seenotretterstation beim Vater, und er fand, dass die Leute, die da arbeiteten, eigentlich bloß alte Seemänner waren, die keine Lust mehr hatten, auf Reisen zu gehen oder raus zum Fischen. Niemals, versprach sich Fabian, werde ich bei den Seenotrettern arbeiten.

Das erste Mal ging Fabian Burrmann dann auf große Fahrt, da war er 16, gerade mal aus der Schule raus und hatte noch nie in einem Flugzeug gesessen, und dann schickte ihn die Reederei zur ersten Reise gleich nach Singapur: 13 Stunden Flug, da wurde er abgeholt und auf einen Frachter gesetzt, saß in seiner Kabine und fragte sich, was mache ich hier, und hatte fürchterliches Heimweh. Fuhr aber dennoch weiter zur See, lernte Schiffsmechaniker und ließ sich Tätowierungen stechen und machte sein Kapitänspatent und wurde älter und erwachsen: Inzwischen ist er 33 Jahre alt und seit Kurzem auch Vater eines kleinen Mädchens, Irma Marie. Und es sind immerhin schon zehn Jahre vergangen, seit Fabian Burrmann dann doch bei der Seenotrettung angeheuert hat. Ausgerechnet auf der Station, wo sein Alter, Olaf Burrmann, erster Vormann ist bei den Seenotrettern. Der Chef. Ausgerechnet in Büsum.

Büsum, an der Nordseeküste, bekannt wenn überhaupt für Krabben. Jetzt, im Sommer, lebt das Städtchen vor allem vom "weißen Gewerbe", so nennt man hier den Fremdenverkehr. Auf der kleinen Alleestraße, die vom Hauptbahnhof zum Hafen führt, gehen die Gäste auf und ab, Krabbenbrötchen, bescheidene Souvenirs, Rossmann. Im Hafen liegen die Kutter, Möwen stehen in der Luft, es riecht nach Salz. Jeder im Ort weiß, wo der Seenotkreuzer liegt: Einmal den Südstrand runter, linkerhand am Holzkai liegt dann, weiß und rot und unverkennbar mit dem Tatzenkreuz der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), die Theodor Storm.

Indienststellung 2011, Länge 19,90 Meter, Breite 5,05 Meter, 40 Tonnen. Ein Hybrid aus Gleiter und Verdränger, bei ruhiger See hebt sich das Schiff aus dem Wasser, bei rauem Wetter pflügt es hindurch. 1630 PS hat der Dieselmotor der Theodor Storm, 22 Knoten schafft das Schiff, 40 Kilometer pro Stunde. Im Heck liegt die Nis Puk, das kleine Tochterboot aus Gummi, das man in wenigen Sekunden zu Wasser lassen kann, die Nis Puk macht sogar 30 Knoten, die fliegt fast. Alles Spezialanfertigungen.

Sieben Männer arbeiten fest angestellt auf der Büsumer Station. Dienst haben immer drei, je für zwei Wochen, 24 Stunden Bereitschaft: Ein bisschen ist die Arbeitszeit wie Quarantäne. In dieser Zeit dürfen die Seenotretter das alte Schleusenhaus, in dem sie untergebracht sind, höchstens verlassen, um auf das Schiff zu gehen oder den Rasen zu mähen. Wenn die zwei Wochen rum sind, haben sie zwei Wochen frei. Manchmal passiert tagelang gar nichts, in der Zeit putzen die Männer das Haus, halten das Boot instand, klönen am Küchentisch, hocken auf ihren Stuben. Oder machen endlose Übungsfahrten. Wenn Einsatz ist, muss alles sitzen, da kann man nicht noch rumdiskutieren oder überlegen, welches Tau wo hingehört. Drei Minuten brauchen sie zwischen Notruf und Ablegen, im schlimmsten Fall dauert es 90 Minuten, bis sie am Einsatzort sind, das aber nur, wenn sie ganz an den Rand ihres Reviers fahren müssen und das Wetter besonders mies ist. Dann knallt die See mit solcher Wucht gegen die Scheiben der Theodor Storm, die bis zu sechs Tonnen Druck aushalten können, und das Boot tanzt wie ein Korken auf dem Wasser. Wenn sie bei solchem Wetter bloß zur Übung rausfahren, macht das den Männern auch mal Spaß.

"Wir sind hier ja alle Profis", so sagt das Olaf Burrmann, Erster Vormann der Station Büsum, 57 Jahre alt, graue Haare, raspelkurz geschoren, wasserblaue Augen und ein Norddeutsch wie Gesang. Burrman sagt nicht richtig, er sagt rechtich, er sagt nicht Mast, er sagt Mäst, er sagt Bris statt Wind, er sagt Loine, Wedder, Jagge, Boat. Seit 30 Jahren ist Burrmann Seenotretter, hat auch noch die alten Zeiten erlebt, als die Mannschaft noch nicht das Schleusenhaus hatte, sondern bloß das alte Boot, die Hans Hackmack, und da musste man seine zwei Wochen auf dem Boot absitzen, "wie im Knast", sagt Olaf Burrmann. Damals fuhr er, sooft es ging, mit dem Tochterboot und der Angel raus, es war sonst ja kaum zum Aushalten.

Sein Vater war Krabbenfischer gewesen, mit einem Holzschiff und einem ganz alten Dieselmotor, Olaf Burrmann selbst wollte erst mal nicht zur See. "Der Vater hat geraucht", erinnert er sich, "jeder hat geraucht damals. Und der Vater hat ganz starken Kaffee getrunken und davon Massen. Und das hat an Bord nach Fisch gestunken und nach gekochten Krabben, und der Vater hat geraucht und hat Schwarzbrot mit Bauchspeck und Senf gegessen. Das war ja als Kind nichts." Also lernte er erst mal Maler, merkte schnell, dass er das nicht mochte. Kaum dass die Lehre vorbei war, heuerte er auf einem Büsumer Fischkutter an, als Decksjunge. Manchmal war die Mannschaft eine ganze Woche draußen, manchmal nur von Tide zu Tide. Burrmann hatte Spaß an der Sache. "Allein der Bezug zum Wasser und zur See. Das ist ganz was anderes, als wenn man auf dem Land arbeitet. Diese völlige Ungebundenheit. Da ist nichts. Solange du da draußen bist, bist du frei."

War allerdings auch Schinderei. Der Decksjunge kocht und kümmert sich um den Fisch. "Der wackelt da unten mit der Bratpfanne und Kaffeekanne rum. Und sonst dem Meer was abringen und das lagerfähig machen. Fisch ausweiden. Es gibt schöne Momente, natürlich, aber es gibt auch verfluchte Scheißmomente. Es regnet und ist asig kalt, und es wackelt. Man macht fürchterliche Stunden. Zwei Stunden schleppen, dann muss man das Netz hochholen, damals noch per Hand, es leer machen, wieder aussetzen. Vier, fünf Tage durch. Wenn man dann nach Hause kommt, ist man platt. Man stinkt. Jedes Mal sagt man sich: So ein Scheißjob, ich geh nie wieder los. So ein Müll. Und sobald man ausgeschlafen hat: Zack, wieder raus." Zehn Jahre lang machte Burrmann das. Vom Decksjungen bis zum Kapitän.

Inzwischen hatte er geheiratet und war Vater geworden, zwei Söhne, eine Tochter. Irgendwann wurde Olaf Burrmann vom Hafenmeister gefragt, ob er nicht mal auf dem Seenotkreuzer mitmachen wolle. Mal ausprobieren. Nach einer Woche auf dem Kreuzer rief Burrmann seine Frau an und meinte: "So, meine Liebe, das wird nicht lange dauern hier. Das ist mir zu langweilig." Aber dann blieb er doch. Der Job hatte seinen Reiz. So viel freie Zeit, um bei den Kindern und der Frau zu sein und am eigenen Haus rumzutüfteln. Und wenn die Einsätze kamen, konnte es doch verrückt sein. Volle Fahrt durch den Orkan. "Das schleudert ja was rum, das olle Ding, das ist, wie wenn du dich in der Kirmes auf die Berg-und-Tal-Bahn stellst und arbeiten sollst. Und bei dem anderen, dem Havarierten, auch. Man darf da nicht längsseitig ran, sonst hauen wir kaputt. Und man muss sich auch auf die Leute einstellen. An Land stehen alle rum. Aber hier rasten die aus, die geraten in Panik, die wollen in Sicherheit. Die springen ins Wasser. Da muss man sehr ernst werden. Scharfer Ton. Die sollen endlich die Schnauze halten und sich ruhig verhalten."

Kommentare

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@ # 2:
Wie meinte mal Micha Müller, 1. Vormann der "Berlin", den Leute die uns rufen, denen geht es schlechter als uns. Wir wissen manchmal nicht was uns erwartet, wenn wir rausfahren, aber rausgefahren sind wie immer.

Ich habe das schon mehrmals im Zusammenhang mit diesen "Mittelmeer-Rettern" erwähnt, die "SKs" der DGzRS sind Spezialschiffe, die sind "durchkenterfähig", wenn denen die Aufbauten nicht weggerissen werden oder die auf Grund laufen, sind die Fahrzeuge "unsinkbar".

Im ersten Teil der Doku retten die Burrmanns einen "Segler", der bei knapp unter Orkan von Büsum nach Helgoland will.

Finder man auf YT.