Stil Taschentricks

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 37/2017

Wir müssen eigentlich immer weniger bei uns tragen, und doch werden die Handtaschen immer größer. Kalender, Zeitung, Notizbuch, Stadtplan wurden durch das Smartphone ersetzt. Ansonsten muss man eigentlich nur Schlüssel und Kreditkarte mit sich führen und hat in einer kleinen Handtasche immer noch genügend Platz für Kosmetik.

Für Männer ist die Handtasche der Frau eine Quelle der Mythenbildung. Während der Herr nur zweckgebundene Taschen kennt, etwa die Aktentasche oder die Sporttasche, hat die Frau "ihre Tasche". Und während Männer sich alles, was sie für wichtig halten, in die Hosentaschen stopfen, nutzen Frauen Handtaschen. In Handtaschen herrscht angeblich stets Chaos, eine eigene Welt aus halb konsumierten Süßwaren, benutzten Taschentüchern und allerlei Tand, den Frauen dort einfach hineinfallen lassen. So jedenfalls stellen Männer sich das vor. Deswegen müssen Frauen auch ständig in ihren Taschen wühlen. Männern gilt das als Beweis, dass Frauen eben anders sind: Während Männer die Ordnung im Kopf haben, schleppen Frauen das Chaos mit sich herum; und während Männer ordentlich zupacken können, brauchen Frauen offenbar stets einen Gentleman, der ihnen mal eben kurz die Tasche hält.

Weil das natürlich alles Unsinn ist, wäre es logisch, wenn Frauen sich nur noch ganz kleine Taschen kaufen würden oder gar keine mehr. Allerdings halten sich die Taschenhersteller nicht daran. In den Herbstkollektionen sehen wir Handtaschen, die so voluminös sind, dass man darin ein erlegtes Wildschwein transportieren könnte. Bei Acne Studios sieht man Riesentaschen aus Glatt- und Wildleder. Bei Jil Sander gibt es geometrische, flache Ledertaschen mit Reißverschluss und kurzem Henkel, die so groß sind, dass sie beinahe auf dem Boden schleifen. Und Céline hat rechtzeitig zur Eröffnung des neuen Stores in München im September gelbe und bordeauxrote riesige Leder-Schultertaschen in minimalem Design auf den Markt gebracht.

In Wahrheit hat die Form dieser Taschen nichts mehr mit ihren etwaigen Inhalten zu tun. Vielmehr senden sie eine Botschaft: Verdrängung. So wie sich wichtige Damen einst Roben mit Reifröcken anlegten, die sie so breit machten, dass sie kaum durch die Tür passten, vergrößern Frauen sich heute durch maximale Taschen. Das ist insofern funktional, als nun wirklich jeder sehen kann, dass die Frau in der Gesellschaft nicht mehr zu übergehen ist. Andererseits müssen sie nun wirklich tief in die Tasche greifen, um etwa eine Kreditkarte zu finden.

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