Ich habe einen Traum Bettina Zimmermann

"Ich wünsche mir, dass sie mit offenen Augen durch die Welt gehen"
© Fritz Beck
ZEITmagazin Nr. 38/2017

In meiner Kindheit und Jugend waren meine nächtlichen Träume deutlich intensiver als heute. Vielleicht, weil in diesen Lebensphasen so viel geschieht, was verarbeitet werden muss. In meiner Kindheit kreisten meine Albträume um das Alleinsein. Meine Familie, zu der ich bis heute eine enge Bindung habe, ging mir über alles. Sie zu verlieren und allein dazustehen war meine größte Angst. Aber das geht wohl den meisten Kindern so. Und für mich gab es nicht mal einen Anlass für diese Angst. Ich hatte eine behütete und idyllische Kindheit.

Von solchen Albträumen abgesehen, ist Träumen für mich etwas Wundervolles. Deshalb müssen auch gar nicht alle Wunschträume in Erfüllung gehen – das Träumen selbst reicht mir oft schon. Zumal da sich die Träume in den unterschiedlichen Lebensphasen sehr stark voneinander unterscheiden.

Und zurzeit beschäftigt mich tatsächlich ein großer Traum, von dem ich mir sehr wünsche, dass er in Erfüllung gehen möge: Wie wohl jede Mutter träume ich davon, meine Kinder irgendwann gut vorbereitet in ein eigenständiges Erwachsenenleben entlassen zu können. Und davon, ihnen in den Jahren davor so viel Rüstzeug mit auf den Weg gegeben zu haben, dass sie sich zu selbstbewussten jungen Menschen entwickelt haben, die sich ihre eigene Meinung bilden, auch politisch, und nicht anfällig sind für Populismus. Zu Menschen, die in der Lage sind, über den Tellerrand hinauszuschauen, und die sich ihres Handelns und auch seiner Konsequenzen für andere bewusst sind. Meist sind es ja wir Erwachsenen, die den Kindern Scheuklappen verpassen und sie dazu bringen, nur auf sich selbst zu schauen. Deshalb muss ich als Mutter das, was ich meinen Kindern beibringen will, auch vorleben. Es ist natürlich nicht immer einfach.

Ich möchte meine Kinder auch davor bewahren, dass sie die Welt nur durch ein Display erleben. Ich wünsche mir, dass sie mit offenen Augen durch die Welt gehen und diese Welt spüren und erleben und nicht bloß als Hintergrund für ein Selfie betrachten. Handyfotos dürfen nicht die Bilder in den Köpfen ersetzen. Ich weiß, dass man Kinder nicht vor allem schützen kann. Digitale Medien kann ich nicht verbieten, sie gehören in diese Zeit. Aber als Mutter ist es mir wichtig, das Maß zu kontrollieren und genau darauf zu achten, wie sie sich im Netz bewegen. Kinderfotos haben da nichts zu suchen, und es kann nicht sein, dass Eltern von ihren Kindern oder die Kinder und Teenager selber von sich alles preisgeben. Manchmal macht es mir Angst, nicht zu wissen, wie die Welt, auf die ich meine Kinder vorbereiten möchte, aussehen wird. Aber diese Angst hatten unsere Eltern wahrscheinlich auch. Und obwohl ich weiß, dass es wichtig ist, meinen Kindern immer mehr Raum zu geben und sie Stück für Stück aus meiner Aufsicht zu entlassen, wird es mir schwerfallen, sie gehen zu lassen. Dabei glaube ich, dass das Band zwischen Kindern und ihren Müttern immer da sein wird. Wenn unsere Kinder nach ihrem Auszug immer noch gerne zu uns nach Hause kommen, haben wir als Eltern viel richtig gemacht. Davon träume ich.

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