Fehlgeburt Das Leben danach

© Pari Dukovic
Mit Ende 30 verliert Ariel Levy ihr Kind, ihre große Liebe und die Gewissheit, ihr Leben im Griff zu haben. Sie muss lernen, den Kontrollverlust zu akzeptieren – und schreibt ein Buch über ihre Geschichte, die für eine Generation steht, die glaubt, alles planen zu können. Von
ZEITmagazin Nr. 38/2017

Im Sommer vor ihrem 30. Geburtstag sitzt Ariel Levy mit der Frau, die sie heiraten wird, in San Francisco auf einer Veranda. Die beiden trinken Wodka Lemon Soda in der Abenddämmerung und legen voreinander Gelübde ab. "Ich verspreche dir, für dich zu sorgen, auch wenn du krank oder weniger schön bist" lautet eines, "Ich verspreche dir, im Garten nicht immer alles bestimmen zu wollen" ein anderes. Beider Lieblingsschwur lautet: "Ich verspreche, dass wir das Leben zu einem Fest machen."

Kurze Zeit später kauft das frisch vermählte Ehepaar ein kleines Haus auf Shelter Island in der Nähe von New York. Levy ist Reporterin beim New Yorker, dem Lieblingsmagazin der Intellektuellen, ihre Frau ist von San Francisco an die Ostküste übergesiedelt und arbeitet im gemeinsamen Haus an einem Start-up für Solarpanels. Gemeinsam feiern sie das Fest, das sie sich gegenseitig versprochen haben.

Einige Jahre und eine Ehekrise später beschließen die beiden Frauen, eine Familie zu gründen. Levy lässt sich mit dem Sperma eines guten Freundes befruchten und wird mit 37 schwanger. Der Freund, ein vermögender Homosexueller, will Vater sein, doch eher aus der Ferne. Er verspricht, die Ausbildungskosten des Kindes zu übernehmen. Alles scheint perfekt.

Schwanger in die Wüste Gobi zu reisen – das passte perfekt in das Bild der Frau, die sie sein wollte

Dann fliegt Levy, gerade 38 geworden und im fünften Monat schwanger, in die Mongolei, um für eine Reportage über den gesellschaftlichen Wandel im Land zu recherchieren, den ein überraschend hohes Wirtschaftswachstum ausgelöst hat. Es ist eine Art Abschiedsreise, denn als Mutter, das weiß sie, wird sie ihren Radius eine Zeit lang einschränken müssen.

Ein letztes Mal noch will sie ihre Freiheit auskosten und etwas für ihre Karriere tun, auf die sie, wie sie sagt, mehr als auf alles andere stolz war. Schwanger in die Wüste Gobi zu reisen – das passte perfekt in das Bild der Frau, die sie sein wollte. Die Reise im November 2012 schien ihr eine gute Botschaft an das ungeborene Kind: "Ich wollte mein Kind Furchtlosigkeit lehren. Ich wollte ihm sagen: 'Als du noch in meinem Bauch warst, sind wir bis ans andere Ende der Welt gereist'", schreibt Levy später in einem Buch, das ihr Leben vor und nach der Schwangerschaft reflektiert. Das Buch heißt The Rules Do Not Apply und ist jetzt unter dem Titel Gegen alle Regeln auf Deutsch erschienen. Es erzählt die sehr persönliche Geschichte einer heftigen Identitätskrise und liest sich wie das Porträt einer Generation, die glaubt, alles haben zu können. Levy hatte sich mit Ende dreißig bestens in ihrem Leben eingerichtet, als die Grundfesten dieses Lebens hart und unvermittelt in sich zusammenfielen. Das Fest, das sie hatte feiern wollen, verwandelte sich in atemberaubendem Tempo in einen Trümmerhaufen, ihre idealistische Lebensplanung erwies sich in der Praxis als untauglich. Wie findet man aus solch existenzieller Ernüchterung wieder heraus?

Besucht man Levy heute, knapp fünf Jahre nach ihrer Schwangerschaft, in ihrer Wohnung in Manhattan, begegnet man einer temperamentvollen Frau in knappen roten Shorts und einem ausgeleierten T-Shirt mit dem Aufdruck "create and destroy". Aus dem vierten Stock ruft sie einem aufmunternd "Fast geschafft!" durchs Treppenhaus entgegen. Auf Fotos amerikanischer Medien wirkt Levy elegant und kontrolliert, in der Realität ist sie überraschend klein und impulsiv.

Es ist ein heißer Julitag, und in der Wohnung ist es stickig. Eigentlich ist sie untervermietet an einen Freund, denn wie viele New Yorker verbringt Levy den Sommer an der Küste. Heute ist sie nur kurz in Manhattan, ihr Literaturagent feiert am Abend eine Party. Auf dem Weg hinein in die Stadt hat sie auf einem Bauernmarkt Karotten gekauft, die stellt sie auf den Couchtisch, dazu einen Dip in einer Plastikbox. Sonnenlicht fällt durch zwei Fenster ins Wohnzimmer, in dem bunt zusammengewürfelte Möbel stehen, unter ihnen ein winziger Schreibtisch, kaum größer als ein Laptop. Levy lümmelt sich quer in einen Sessel und lässt die Beine über die Lehne baumeln, ihre sehr langen Arme sind ständig in Bewegung. Sie kommt gerade aus der Redaktion, wo man es im Hochsommer gut aushält, weil die Räume klimatisiert sind. Woran sie aktuell arbeitet? "Ich weiß es noch nicht! Ich suche ein Thema und finde keins. Diesmal geht es sicher schief!", sagt sie und reißt in gespielter Verzweiflung die Arme in die Höhe. Seit über 20 Jahren schreibt Levy Reportagen, vor jedem Text fürchtet sie aufs Neue, zu scheitern. Die Unruhe ist Teil des kreativen Prozesses, eine Berufskrankheit, vergleichbar vielleicht mit dem Lampenfieber eines Künstlers.

Auch vor jeder Recherchereise ist Levy nach wie vor nervös, so auch damals vor fünf Jahren auf dem Flug in die Mongolei. Wird es ihr gelingen, sich in kurzer Zeit in einem fremden Land zu orientieren und darüber hinaus eine Geschichte zu finden? Die Schwangerschaft macht ihr damals keine Sorgen. Denn Schwangerschaft ist bekanntlich keine Krankheit, sondern ein Zustand, der einem, wenn es gut läuft, besondere Kräfte verleiht. Levy hatte sich von ihrem Arzt versichern lassen, sie könne bis zu Beginn des dritten Trimesters, also bis zur 27. Schwangerschaftswoche, bedenkenlos reisen.

Am zweiten Tag ihrer Reise, Levy ist in Ulan-Bator, im Hotel, spürt sie ein Ziehen im Unterleib. Abends sind die Schmerzen so heftig, dass sie beim Essen abrupt aufsteht und in ihr Zimmer rennt. Die Wehen beginnen. "Ich kniete mich hin, beugte mich nach vorne und presste die Wange an die kühlen Fliesen. Ich weiß noch, dass ich dachte: Das hier wird der größte Scheiß aller Zeiten. Ein unseliger Sturm fegte durch meinen Körper, danach klafft eine kurze Lücke in meinem Gedächtnis. (...) Dann lag da ein anderer Mensch vor mir auf dem Boden, bewegte Arme und Beine, war lebendig", schildert Levy im Buch den Moment, als sie ihr Kind allein im Badezimmer des Hotels in Ulan-Bator zur Welt bringt. Es ist ein Junge. "Ich hob ihn dicht vors Gesicht, sein Kopf und die Schultern füllten meine Hand aus, die Beine baumelten fast bis zu meinen Ellbogen herab. Ich wollte etwas Mütterliches tun, um ihm zu vermitteln, dass ich seine Mutter war und alles unter Kontrolle hatte. Ich küsste ihn auf die Stirn, und an meinem Mund fühlte sich seine Haut an wie ein seidig-glatter Frosch."

Das Buch ist schmal, 200 Seiten, und es ist eine kleine Sensation, weil es den Leser an zutiefst intimen Vorgängen teilhaben lässt, ohne ihm je zu nahe zu treten oder ihn peinlich zu berühren. Levy schreibt weder drastisch noch rührselig, und im Grunde hat sie keine großen Neuigkeiten zu berichten, denn Fehl- und Frühgeburten ereignen sich täglich überall auf der Welt. Aber die Art ihrer Erzählung ist von unerhört eleganter Schamlosigkeit, ihr Stil klar und direkt, der Ton erstaunlich leicht. Levy beschreibt, wie sie in den zehn Minuten, in denen ihr Sohn am Leben ist, mit einem abrupten, brachialen Ruck die Nabelschnur aus sich herauszieht. Wie sie zum Telefon kriecht und mit einem Arzt spricht. Wie sie, als ein Rettungssanitäter ihr eine Nadel in den Unterarm schiebt, überlegt, ob sie jetzt mongolisches Aids bekommt. Sie schreibt, dass sie ihr totes Kind mit dem Handy fotografiert hat, bevor es, eingewickelt in ein Tuch an ihren Körper gepresst, ins Krankenhaus eingeliefert wurde. "Ich hatte Angst, dass ich andernfalls nicht glauben würde, dass er jemals existiert hat." Als der Arzt das Anamnese-Gespräch mit den Worten zusammenfasst, sie habe also mit 38 beschlossen, mal so eben eine Familie zu gründen, antwortet sie schlagfertig: "So machen wir das in Manhattan."

Nach dem traumatischen Erlebnis blieb Levy noch ein paar Tage im Blue Sky Hotel von Ulan-Bator und führte sogar noch ein Interview mit dem mongolischen Innenminister. Warum? Levy setzt sich im Sessel auf und verschränkt die Beine im Schneidersitz. "Ich stand unter Schock. Das Interview war Wahnsinn, ich konnte mich kaum darauf konzentrieren. Alles war so surreal, kaum in Ulan-Bator angekommen, bekam ich schon das Baby, und dann dauerte es eine Weile, bis ich begriff, dass das Baby nicht lebt und ich die Reportage nicht schreiben werde. Unterschwellig war mir klar: Sobald ich wieder zu Hause bin, ist meine Geschichte real." Und diese Realität wollte sie noch eine Weile verdrängen.

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