Stilkolumne Hut auf!

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 38/2017

Viele Männer haben ein Problem: Sie verlieren ihre Haare. Eine Glatze zu haben ist erträglich. Der lange Weg dorthin ist es nicht – also die Zeit, wenn sich seitlich von der Stirn Geheimratsecken bilden und sich das Haupthaar nach und nach unerbittlich lichtet. Vor 150 Jahren hatte man dieses Problem noch nicht. Damals wurden Männer im Durchschnitt keine 40 Jahre alt, sondern starben vorher an Krankheiten oder im Krieg. Die kahle Zeit erlebte man oft gar nicht. Und wenn doch, dann musste man seine Blöße nicht offenbaren, denn man trug gemeinhin einen Hut.

Was gehört auf den Kopf des modernen Mannes? Heute tragen Männer allenfalls einen Panamahut, wenn sie gut gelaunt in den Urlaub fahren. Der letzte Mensch, der einen solchen Hut schlecht gelaunt außerhalb der Ferienzeit getragen hat, war Erich Honecker. Seitdem es keine ernsthaften Hutträger mehr gibt, versuchen Designer immer mal wieder, Männer dazu zu bringen, Hüte zu tragen. Vor einiger Zeit machte Hedi Slimane einen Vorstoß mit geometrischen Filzhüten, die eine flache Hutkrone und eine kreisrunde Krempe hatten. Thomas Maier von Bottega Veneta bot vergangenes Jahr klassische Fedora-Hüte mit leicht vergrößerter Krempe an, Miuccia Prada präsentierte Matrosenhüte. Alles ohne durchschlagenden Erfolg.

Und nun kommt ein neuer Versuch: J. W. Anderson setzt dem Herrn in der aktuellen Loewe-Kollektion ein Béret auf. Das könnte durchaus funktionieren – denn kaum eine andere Kopfbedeckung ist bei Männern mit so vielen positiven Assoziationen verbunden wie die Baskenmütze. Die flache, runde Kopfbedeckung etablierte sich im 15. Jahrhundert und gehörte zur typischen Tracht der Landsknechte, also jener verwegenen Söldner, die sich auf den Schlachtfeldern Europas herumtrieben. Später wurde sie in allen möglichen Zusammenhängen wieder aufgegriffen. Martin Luther etwa trägt auf dem berühmten Porträt von Lucas Cranach ein Béret auf dem unbeugsamen Haupt. Auch der Bauernkrieger Thomas Münzer war ein Béret-Träger. Künstler wie Paul Cézanne und Auguste Rodin trugen Baskenmütze. Nach Frankreich kam das Béret übrigens zur Zeit der Französischen Revolution. Während der deutschen Besetzung Frankreichs in den 1940er Jahren galt es als Zeichen des Widerstands. Ein Widerstandskämpfer ist auch der berühmteste Béret-Träger der etwas jüngeren Geschichte, Ernesto "Che" Guevara.

Wer also künftig mit einem Béret auf die Straße geht, wird als Individualist oder Querdenker erkannt, vielleicht sogar als Revolutionär. Keinesfalls als jemand, der gerade seine Haare verliert.

Foto: Peter Langer / Darunter steckt immer ein revolutionärer Kopf: Béret von Loewe

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