İlkay Gündoğan Abseits

Als andere Fußballer große Siege feierten und Titel sammelten, musste er zuschauen. Denn İlkay Gündoğan, einst die deutsche Mittelfeldhoffnung, war über Jahre hinweg immer wieder schwer verletzt. Nach einem Kreuzbandriss kämpft er sich nun zurück. Vor ihm liegt die entscheidende Saison seiner Karriere. Von
ZEITmagazin Nr. 38/2017

Wenn man Zeit mit İlkay Gündoğan verbringt, fällt oft das Wort "normalerweise". Normalerweise hätte er sich an diesem Tag im Mai mit seinem Team, Manchester City, vor dem Spiel zum Aufwärmen getroffen. Normalerweise würde er später im Stadion beim Spiel gegen West Bromwich auf dem Platz stehen, es ist die letzte Chance seiner Mannschaft auf eine Teilnahme an der Champions League. Normalerweise wäre er heute nervöser.

Stattdessen lässt İlkay Gündoğan diesen sonnenklaren Nachmittag über sich ergehen, er steht vor dem Fußballmuseum in Manchester und wartet auf die Anweisungen seines PR-Teams. Er weiß, Termine wie dieser gehören zum Geschäft. Aber seine Augen sagen: Wie lange brauchen wir denn noch?

Anstelle einer Fußballmannschaft schart sich an diesem Nachmittag in der Innenstadt von Manchester ein Social-Media-Team der Werbeagentur Jung von Matt um ihn. Ein sogenannter Junior Strategy Consultant und eine Fotografin der Agentur sind extra aus Hamburg angereist. Die Fotografin macht an diesem und dem nächsten Tag mehr als tausend Fotos von ihm.

Vor dem National Football Museum, in der Fußgängerzone, der Shopping-Mall, im schwarzen SUV, klick.

Die besten Bilder werden nach und nach seine Facebook- und Instagram-Profile füllen. Die Werbeagentur soll aus ihm eine unverwechselbare Marke machen. Das Problem ist nur, İlkay Gündoğan hat bereits seit über drei Jahren ein Image: das des dauerverletzten Fußballers.

Der 26-Jährige war eine der ganz großen Hoffnungen des deutschen Fußballs, er galt als Nachfolger von Bastian Schweinsteiger. 2012 wurde er mit Borussia Dortmund deutscher Meister und Pokalsieger, im verlorenen Champions-League-Finale gegen den FC Bayern erzielte er 2013 ein Tor. Dann setzte ihn eine Rückenverletzung mehr als ein Jahr außer Gefecht, im Mai 2016 kam die nächste Verletzung, eine herausgesprungene Kniescheibe. Trotzdem wechselte er nur einen Monat später zu Manchester City. Noch in der Hinrunde, im Dezember 2016, riss sein Kreuzband. Durch die Verletzungen verpasste er eine WM und eine EM und 150 Spiele im Verein. Insgesamt pausierte İlkay Gündoğan in den vergangenen drei Jahren mehr, als er Fußball spielte, fast zwei Jahre.

Jetzt will er wieder fit für die ganz großen Spiele werden. In den letzten Monaten durften wir ihn bei der Reha begleiten. In der gerade begonnenen Saison wird sich zeigen, ob es ihm gelingt, eine Spielzeit verletzungsfrei durchzuspielen und vielleicht noch eine WM zu prägen, die im Sommer 2018 in Russland. Es ist die wichtigste Spielzeit seiner Karriere.

Der Junior Strategy Consultant sagt, das derzeitige Image Gündoğans sei "ein riesiges Problem: Normalerweise", da ist es wieder, dieses Wort, "geht es darum, das Image eines Fußballers zu erweitern", etwa seine private Seite zu zeigen. Bei İlkay Gündoğan ist das aber durch die Verletzungen schwer möglich.

Der Fußballer interessiert sich sehr für Mode, liebt den klassischen Auftritt. Heute trägt er ein schwarzes, kragenloses Hemd. Sein Auftreten unterscheidet ihn von anderen Fußballern, die oft aussehen wie einem Hip-Hop-Video entsprungen. "Wir würden İlkay gern mal zu Modeveranstaltungen schicken, ihn mit einem anderen Kontext aufladen", sagt der Consultant. "Das kann man aber schlecht zu einer Zeit, in der er Monate raus ist und alle Leute sagen: Wie wäre es, wenn du mal wieder Fußball spielen würdest?"

Ein Nutzer schreibt unter fast jeden von İlkay Gündoğans Einträgen auf Facebook: "RIP", Ruhe in Frieden. Andere witzeln, er sei ein guter Spieler, allerdings nur vor der Saison, denn in der Saison verletze er sich ja. Und viele schreiben: Manchester City hätte ihn besser nie verpflichtet.

Wie kommt ein Profifußballer damit zurecht? Zweifelt İlkay Gündoğan an sich? Denkt er manchmal, dass sein Körper dem Profifußball nicht gewachsen ist? Wer gibt ihm Halt?

Vier Uhr nachmittags, die Fotosession ist beendet, İlkay Gündoğan bestellt sich in einem Café im Zentrum Manchesters einen Cappuccino, der Besitzer kennt ihn. "Es wäre falsch, wenn ich sagen würde, mich treffen die Kommentare nicht", sagt er mit sanfter Stimme. Er lese viele der Einträge aus dem Netz, sagt er, sie spukten ihm dann noch ein, zwei Stunden durch den Kopf. Erst wenn er etwas anderes tue – einen Film schauen, etwas essen gehen –, seien sie weg.

"Was ich schlimm fände, wäre, wenn ich abgeschrieben würde."

Aber ist das nicht bereits geschehen?

"Kann sein", sagt er. "Ja."

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