Gesellschaftskritik Über Identitätsprüfungen

© Kirsty Wigglesworth/AP/dpa
ZEITmagazin Nr. 39/2017

Madonna, Superstar und Pop-Ikone, hat gerade eine Postlieferung nicht erhalten, weil der FedEx-Bote nicht glauben wollte, dass sie tatsächlich Madonna ist. Davon erzählte sie selbst auf Twitter. Als mildernden Umstand dieser kurierdienstlichen Realitätsverweigerung kann man anführen, dass sich die 59-Jährige im Verlauf ihrer Karriere so oft verwandelt hat, dass man als FedEx-Bote gar nicht wissen kann, welche Madonna gerade auf Post wartet. Der Pop-Star, die Sex-Ikone, die Feministin, das Cowgirl, die Kabbala-Jüngerin, die Katholikin, das Material Girl? Steht ja nicht auf dem Adressaufkleber. Der eigentliche Grund, weshalb sie nicht erkannt wurde, ist ein anderer: Das Klischee von Madonna ist so übergroß, dass die leibhaftige Madonna ihm nicht mehr entsprechen kann. Da klingelt man bei einer Göttin an der Himmelspforte – und Louise Ciccone öffnet die Tür.

Auch andere über alle Maßen berühmte Menschen durften schon erfahren, dass die Vorstellung, die sich andere Menschen von ihnen machen, sie selbst übertrifft. Justin Bieber wurde vor einiger Zeit in Manchester der Zutritt zu einem Club verweigert, weil der Türsteher sich Justin Bieber ein bisschen Justin-Bieber-hafter vorgestellt hatte. Britney Spears scheiterte in Berlin ebenfalls an einer Clubtür. Und Adele wurde bei einem Adele-Lookalike-Wettbewerb erst erkannt, als sie anfing zu singen.

Prominente behaupten ja gern, sie wünschten sich, unerkannt durch die Straßen spazieren zu können. Werden sie aber tatsächlich mal nicht erkannt, können sie das auch nicht richtig genießen. Madonna jedenfalls twitterte die Paketnachricht in leicht genervtem Tonfall samt einem Foto, auf dem sie schwer genervt aussieht.

Im Ärger über das vermisste Paket ist Madonna entgangen, welches Wunder ihr eigentlich widerfuhr. Ein Postbote stand tatsächlich vor ihrer Haustür – mit einem Paket in der Hand, das er abliefern wollte. Er hat nicht einfach einen Zettel in den Briefkasten geworfen und ist dann spurlos verschwunden. Sie musste nicht beim Matratzenladen um die Ecke fragen, ob das Paket womöglich dort sei. Und sie musste in keiner Postfiliale eine Dreiviertelstunde lang Schlange stehen, nur um festzustellen, dass ohne Personalausweis gar nichts geht. Wahrscheinlich lohnt sich Prominenz doch: Sobald man 300 Millionen Alben verkauft, sieben Grammys gewonnen und einen Sohn mit dem Fitnesstrainer gezeugt hat, darf man feststellen: Postboten gibt es wirklich.

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