Stil Eine Steppnaht voraus

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 39/2017

Vergessen Sie Ihre Daunenjacke – und die Daunenweste am besten gleich mit, zumindest für diesen Winter. Denn der soll dem Quilt gehören. In diesem Punkt sind sich die Designer einig, deswegen muss man sich wohl daran halten. Quilt mag als Wort nicht jedem geläufig sein, gemeint sind damit wattierte und gesteppte Stoffe. In den aktuellen Kollektionen sieht man sie fast überall: meist in Form von Jacken und Mänteln, auch als Capes, Röcke oder Tops. Die Looks sind eleganter als die in den vergangenen Jahren allgegenwärtigen Daunen, denn Quilt trägt weniger auf. Die Steppnaht ist meist rautenförmig geführt, manchmal aber auch in geschwungenen Linien. Das Material ist unifarben oder gemustert, matt oder aus glänzendem Satin, bestickt oder bedruckt.

Bei Calvin Klein Collection fallen Mäntel auf, deren Brust- und Rückenteil aus Quilt bestehen, während die Ärmel klassisch grau kariert sind. Chanel bietet futuristische Capes in Pink und Silber. Bei Dries Van Noten bestehen etliche Mäntel ausschließlich aus Quilt, der mit floralen Mustern bedruckt ist, bei Jil Sander sieht man monochrome Looks in Gelb und Beige aus geometrisch genähtem Quilt. Und Coach hat Winterjacken mit organisch geformten Steppnähten auf Blumenprints entworfen.

Der Quilt wärmt so gut, weil mehrere Lagen Stoff durch Steppnähte miteinander verbunden sind. Denn nicht nur Begehrlichkeit und Schönheit bestimmen die Mode, sondern auch das Wetter. Ursprünglich war ein Quilt eine aus kleinen, verschiedenfarbigen Stoffstücken zusammengesetzte Steppdecke. In China waren diese Stoffe als Erstes populär und eroberten von da aus den Orient. Nach Europa brachten sie die Kreuzritter, sie trugen die wärmenden Decken unter ihren Rüstungen. In England führte im 14. Jahrhundert eine Kältewelle zur Verbreitung des Quilts. Und von dort aus kam er schließlich nach Amerika, wo die Siedler aus seiner Herstellung eine handwerkliche Kunst machten. Das gemeinsame quilting der Frauen war ein soziales Ereignis. Heute wird diese Kunst von den Amischen noch gepflegt.

Seine soziale Funktion hat der Quilt mittlerweile eingebüßt, seine anderen Vorzüge sind erhalten geblieben. Wer sich mit einer Quilt-Jacke kleidet, den wärmt sie so angenehm, dass er sich bei widrigem Wetter vielleicht nicht für einen Kreuzzug, aber doch für einen langen Stadtbummel wappnen kann. Auch wer den Sommer vermisst hat, mag den Quilt begrüßen: Er sorgt dafür, dass man sich auf die Winterkälte doch noch freuen kann.

Kommentare

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Quilt ist nicht gleich Quilt. Der Eine ist von Laien gearbeitet, die sich ihr Wissen in Kursen aneigneten. Deshalb sieht er aus, wie am Küchentisch gearbeitet (ist es auch), ohne jeglichen Pepp. Der Andere wird von Fachleuten gefertigt und ist ein sehr chicer Stoff, der keinesfalls an in die Quilt-Decken erinnern. Durch mehrere Stofflagen und die dadurch entstehenden Luftkammern entsteht ein gut wärmender Stoff. Der Vorteil, KEIN Michelin-Männchen-Effekt wie bei Daumenjacken und -Mänteln.

Die soziale Funktion hat der Quilt keineswegs eingebüsst. Nennenswert und aus meiner Sicht ein eigener Artikel wert ist die Strömung der modern quilts (-> z.B. die modern quilt guild), die weltweit moderne Quilter und Quilterinnen vereint, vor allem über soziale Medien. Tatsächlich gibt es auch jährlich eine grosse Messe/Ausstellung dazu names Quiltcon.
Quilten hat heute nichts mehr mit Amish zu tun sondern ist zu einer "Billion Dollar Industry" geworden.