© Max Guther

Instagram I-Telkeit

Schmollmünder, James-Dean-Blicke – und dann noch im Gegenlicht der untergehenden Sonne: Menschen zeigen auf Instagram Fotos von sich, auf denen sie sich offensichtlich für ganz bezaubernd halten. Doch weil Angeberei schlecht ankommt, finden sie einen seltsamen Ausweg. Von
ZEITmagazin Nr. 40/2017

Der junge Mann steht am herbstlichen Nordseestrand und starrt mit geöffnetem Mund und laszivem Blick in seine Handykamera, als wollte er sie gleich zärtlich küssen. Er kann sich im Display sehen und ist geradezu ergriffen von der eigenen Schönheit.

Doch statt das zuzugeben, tippt er wenig später auf Instagram die Bildunterschrift: "Zugticket: 74 Euro. Übernachtung: 95 Euro. Selten dämlicher Blick kurz nach Ankunft am Traumstrand: unbezahlbar."

Die Wahrheit ist: Ich war nicht dabei, der junge Mann ist ein alter Schulkamerad, ich folge ihm auf Instagram. Ich habe eine kleine Obsession mit einer Reihe von Instagram-Accounts entwickelt, seiner ist einer davon. Jedes Mal, wenn er ein neues Foto von sich postet, versuche ich mir vorzustellen, was in ihm vorgegangen sein muss. Er hat wahrscheinlich zwanzigmal auf den Auslöser geklickt. Zehn Minuten später hat er sich für eines der Fotos entschieden, nachdem er zuvor vier Favoriten mit Häkchen markiert hatte.

Er und die anderen Instagramer, die mich so faszinieren, Männer wie Frauen, folgen immer demselben Prinzip: Sie laden Fotos von sich hoch, auf denen sie sich ganz offensichtlich bezaubernd finden. Die Frau, die im Gegenlicht der untergehenden Sonne in die Ferne schaut, während ihr Haar im Wind tanzt. Der allein im Aufzug stehende Mann im Smoking mit der unangezündeten Zigarette im Mundwinkel, James Dean auf dem Weg in die Bar.

Weil sie es fast schon unverschämt finden, die Welt mit ihrer überirdischen Hotness zu konfrontieren, verfassen die Selbstliebhaber ironische Bildunterschriften, um ihre Schönheit erträglicher zu machen und selbst sympathischer zu erscheinen: "Meine Mutter sagt, dass ich vor Bücherregalen intelligenter wirke", "Seit wann habe ich eigentlich keine Frisur mehr?" oder, mein Liebling der vergangenen Wochen: "Gerade eine komplette Packung Tomatensoße auf mich geschüttet nach 20 Minuten in Rom." Von dem Malheur sieht man auf dem Foto natürlich nichts, stattdessen nur das Gesicht der Frau mit rot geschminktem Schmollmund. An all diesen ironischen Bildunterschriften fällt vor allem eins auf: Sie sind wahnsinnig bemüht darin, dem perfekten Bild kleine Tollpatschigkeiten und Fehlerchen zuzufügen, sodass die Postings am Ende noch eitler wirken, als sie eh schon sind – denn sie sagen ja nichts anderes aus als: Ich sehe so geil aus, dass ich als Angeber rüberkommen würde, wenn ich textlich nicht ein wenig gegensteuere. Dieses ganz eigene Genre der Instagram-Narzissten erkennt man übrigens nicht nur an den Bildunterschriften, sondern auch an witzig gemeinten Accessoires: Die Frauen und Männer zeigen sich so, wie ein etwas lüsterner Fotograf ein Model fotografieren würde, nur halten sie zum Beispiel noch eine kleine Wasserpistole in den Händen oder haben sich mithilfe einer App Hundeohren an den Kopf geklebt. In den Bildunterschriften gehen sie ausschließlich auf die rettenden, weil vom eigenen Narzissmus ablenkenden Accessoires ein.

Was ist überhaupt so schlecht daran, sich auch mal schön zu finden? Wer nur auf die Fotos schaut und die Bildunterschriften ignoriert, müsste eigentlich gute Laune bekommen: Da sind junge Frauen und Männer zu sehen, bei denen für einen kurzen Augenblick alles stimmt. Sie fühlen sich wohl in ihrer Haut, sie sind stolz auf sich, finden sich attraktiv.

Und dennoch: Auf Instagram gäbe es mehr zu lachen, wenn dort mehr echtes Leben zu sehen wäre und nicht nur glatte Perfektion. Wenn man also auch mal einen wirklich dämlichen Blick fände oder einen Tomatensoßen-Unfall oder eine Horrorfrisur – und im Gegensatz dazu die Bilder, auf denen Menschen sich ungebrochen schön finden.

Kommentare

6 Kommentare Kommentieren

"Während man bisher den sprichwörtlichen Bauern hatte, der „nicht frisst, was er nicht kennt” haben wir heute den Bauern, der stolz darauf ist, etwas nicht zu kennen und diese Haltung mit sorgfältiger Eitelkeit pflegt."

Das ist "verquere Logik".^^

Natürlich kann man unter Wasser so lange trinken, bis man denkt man atmet. Auftauchen wird man trotzdem nicht... ^^

anscheinend folgen Sie einfach den falschen Leuten - wenn ich in meinen aktuellen Feed gucke sind da keine Poser und Selbstdarsteller sondern Menschen die sich informativ austauschen - unzwar über Bücher. #bookstagram
Und solche "Unterarten" von instagram gibt es zahlreiche. Wenn Sie sich nur die oberflächlichen anschauen, nutzen Sie diesen SocialMedia-Kanal ja auch nur oberflächlich