STIL Der Berg ruft

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 40/2017

Die Alpen sind die letzte echte Schicksalsregion Europas. Nirgendwo kann man in der freien Natur so gut in Gefahr geraten wie hier. Dazu muss man nicht einmal die Eiger-Nordwand durchsteigen wollen. Es reicht unter Umständen ein falscher Tritt. Allein in diesem Sommer kamen innerhalb weniger Tage mehr als zehn Wanderer und Bergsteiger in den Bergen ums Leben. Zwischen Gipfeln und Tälern und Abhängen sind wir den Elementen noch ausgeliefert. Ein unbedachter Schritt kann ein Schneebrett auslösen, wer zum falschen Moment in einer unsicheren Gegend unterwegs ist, kann von einer Schlammlawine überrollt werden. Denn wenn am Berg plötzlich das Wetter umschlägt, wird das mitunter sehr gefährlich. Und in den italienischen Alpen kann man Wölfen und Bären begegnen.

In den Alpen fühlt sich der Mensch als Teil der Natur, weil er spürt, wie sehr er ihr ausgeliefert ist. In den Bergen ist Natur eben nicht ein Motiv auf Joghurtbechern oder ein Gestaltungsprinzip für Reihenhausgärten – nein, in den Alpen ist die Natur etwas, das einen potenziell umbringen kann (oder sich zumindest wenig darum schert, wenn es geschieht). Das macht die Faszination der Berge aus, und weil sie mit ihren dramatisch emporragenden Gipfeln kaum jemanden kalt lassen, sind sie auch immer wieder ein Thema der Mode. So sind alpine Anleihen jetzt in etlichen Herbstkollektionen zu sehen: beispielsweise als Norwegermuster bei Lutz Huelle auf glänzendem Quilt-Stoff, bei Loewe auf durchscheinender Seide und bei Fendi auf einem Pullover mit Rollkragen.

Allerdings würden die Alpen in der Mode längst nicht so oft zitiert, wenn sie nicht auch für Luxus stünden. Um in den Bergen zu leben, musste man nämlich früher einmal entweder richtig reich oder richtig arm sein. Die Armen, das waren die Bauern und Senner, die ihre Höfe in die steilen Hänge der Täler hineinbauten. Die Reichen, das waren jene, die sich in den Alpen Urlaub gönnten. So wurde es in den siebziger Jahren auch im Flachland Mode, alpine Pullover zu tragen. Und bis heute funktioniert die Symbolik. Wer im Skipullover wandelt, der wähnt sich im Kopf bereits im Winterurlaub. Oder besitzt vielleicht sogar ein Chalet in den Alpen, wer weiß.

Wie lange die Alpen noch zum Skifahren taugen, weiß man nicht. Die Berge leiden unter der Gletscherschmelze. Es wird befürchtet, dass die Zugspitze bald im Sommer schneefrei ist. Ob es dann noch als Inbegriff des Luxus gelten wird, in sulzigem Schneematsch talabwärts zu rutschen, ist eine offene Frage. Aber auch dieser Laune der Natur wird der Mensch sich unterwerfen müssen.

Foto: Peter Langer / Berg frei! Pullover mit Norwegermuster von Fendi

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