© Herlinde Koelbl

Das war meine Rettung "Die Askese im Ausdruck war in dem Moment einfach Selbstschutz"

Die frühere Bundesministerin Annette Schavan lenkte sich in einer Krise mit dem Kauf einer neuen Küche ab. Von
ZEITmagazin Nr. 41/2017

ZEITmagazin: Frau Schavan, im Matthäus-Evangelium steht, dass jeder Mensch Talente bekommt und sie vermehren soll. Welche Talente haben Sie vermehrt?

Annette Schavan: Zunächst einmal Neugierde, dann den Umgang mit dem Wort und als drittes den Tatendrang, Dinge umzusetzen. Nicht entwickelt habe ich dagegen vieles, was mit musischer Veranlagung zu tun hat. Dirigieren zu können hat mich zum Beispiel gelockt. Ich mag es, Chefin zu sein und verschiedene Stimmen zu einem gemeinsamen Spiel zusammenzubringen. Ein anderer Wunsch von mir war es immer, Orgel zu spielen. Sie ist die Königin der Instrumente und immer ganz präsent, egal ob sie leise oder laut ist.

ZEITmagazin: Sie haben mal gesagt, in der Politik gehöre Demut dazu.

Schavan: Ich muss bereit sein, auch die eigene Position infrage zu stellen. In der Politik ist Erregung oft notwendig, aber es braucht auch die Demut vor den Fakten. So zu tun, als könne man die durch einen imponierenden Gestus ersetzen, ist gefährlich. Aggression und Konkurrenz interessieren mich nicht. Ich kann mich wunderbar aufregen, aber es muss etwas daraus entstehen. In solchen Situationen folge ich meiner temperamentvollen Mutter, auch wenn ich meist meinem ruhigen Vater ähnlicher bin. Ich habe mit ihm am Samstagnachmittag, wenn meine Mutter Weißbrot für den Sonntag backte, immer Stunden im Garten verbracht. Er hat nicht viel geredet, aber wenn ich ihn etwas gefragt habe, hat er es mir in aller Seelenruhe erklärt. Die Atmosphäre der Stille hat mir in unserem Elternhaus auch Freiraum gelassen.

ZEITmagazin: 2004 wollten Sie Ministerpräsidentin von Baden-Württemberg werden. Sie haben aktiv nach der Macht gegriffen und sind gescheitert. Wie erlebten Sie das?

Schavan: Die Machtfrage ist immer riskant. Ich wäre gern Ministerpräsidentin geworden, und deshalb habe ich gesagt, dass ich in diesen Wettbewerb gehe. Ich würde es auch immer wieder tun. Aber ich wusste, dass es schwierig werden würde, es als Rheinländerin in Baden-Württemberg zu schaffen. Ich war auch nicht so naiv, zu glauben, dass es keine Rolle spielen würde, dass ich eine Frau, ledig und kinderlos bin. Wie viele Frauen in meiner Generation glaubte ich, mich zwischen Familie und Beruf entscheiden zu sollen. Als ich ins Berufsleben eingestiegen bin, habe ich mich darauf konzentriert und das nie als defizitär empfunden. Trotzdem war es ein Kampf, der mich viel Kraft gekostet hat, weil es keine Angriffe auf einer politischen Ebene waren, sondern sie mich persönlich trafen.

ZEITmagazin: 2013 wurde Ihnen der Doktortitel wegen gezielter Täuschung offiziell aberkannt. Was hat Sie in dieser Zeit gerettet?

Schavan: Mich hat die Zuneigung von Menschen und die Nähe von Freundinnen und Freunden gerettet. Auch der Glaube hat eine Rolle gespielt. Es war eine geistliche Aufgabe für mich, damit umzugehen, dass mir etwas Gravierendes unterstellt wurde, das ich als zutiefst ungerecht empfand und gegen das ich nicht ankam. Ich habe in meinem Leben niemanden getäuscht, und wenn einem das dann unterstellt wird, wird man sprachlos. Das hat mich bis ins Mark getroffen. Zwei, drei Jahre habe ich überhaupt nicht darüber gesprochen. Ich habe aber auch das Vertrauen von ungewöhnlich vielen Menschen erfahren. Dass am Ende meiner letzten Rede im Bundestag alle aufgestanden sind, hat wie eine Kraftquelle auf mich gewirkt.

ZEITmagazin: Als Angela Merkel Sie als Ministerin verabschiedete, haben Sie sich äußerlich überhaupt nichts anmerken lassen, als wären Sie unbeteiligt. Warum?

Schavan: Einerseits war ich erleichtert, diesem Spuk ein Ende zu machen, und andererseits entschlossen, mich nicht zerstören zu lassen. Die Askese im Ausdruck war in dem Moment einfach Selbstschutz. Ich wollte das Amt in Würde verlassen, und dazu brauchte es diese Disziplin.

ZEITmagazin: Am Tag, als Sie keine Ministerin mehr waren, sind Sie nach Hause gefahren und haben sich eine neue Kücheneinrichtung gekauft. Wollten Sie nichts an sich ranlassen?

Schavan: Es war eine super Ablenkung. Der Mann in dem Küchenstudio hat mich angeguckt und gemeint: "Gerade kam doch in den Nachrichten, dass Sie heute den letzten Tag im Ministerium waren." Da habe ich gesagt: "Ja, und deshalb habe ich jetzt wieder Zeit." Es kommt darauf an, die Dinge nicht so laufen zu lassen, dass ich irgendwann selbst darin zerfließe.

ZEITmagazin: Ihr Lieblingssong ist Sinatras My Way. Was ist Ihr Weg?

Schavan: Ich handle nach bestem Wissen und Gewissen und mit einer lebensbejahenden Einstellung, weil ich überzeugt bin, dass mein Leben aufgehoben ist in Gott. Mein Weg ist auch, unruhig zu bleiben und mich nicht irgendwo einzurichten.

Das Gespräch führte Herline Koebl. Sie gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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