Cafés Entplüschung

© Henriette Artz
Früher waren Cafés vor allem gemütlich. Heute nicht mehr. Warum eigentlich? Von
ZEITmagazin Nr. 41/2017

Zu Schulzeiten, Anfang der 1990er Jahre, gab es einen Streit mit der Direktorin, einen Sofastreit. Wir Schüler sollten endlich ein Schülercafé bekommen, aber das Mobiliar darin sollten nicht wir aussuchen, sondern die Direktorin. Wir wollten: Sofas, am liebsten gebrauchte. Sie wollte: eine funktionale Eckbank. Es wurde: eine Eckbank. Wir nannten das Café "Café Keimfrei", weil es uns so steril vorkam.

Heute hat sich die keimfreie Kaffeehauskultur in den Großstädten durchgesetzt. In den Cafés mit dem besten Kaffee, Third Wave Cafés genannt (weil nach einer gewissen Zählung gerade die dritte Welle des Kaffees erreicht ist), ist das Unbequeme das Erkennungszeichen. Wenn der Großstadtflaneur unlackierte Hocker aus Holz sieht, weiß er: aha, guter Kaffee! Im Dezember vorigen Jahres wurde etwa das Café Kranzler in Berlin entplüscht. Vormals weltberühmt bei Omis, nun übernommen von Kaffee-Avantgardisten. Wer sich im neuen Café Kranzler hinsetzen will, findet dort vorwiegend hohe Hocker, auf die man es erst mal schaffen muss. Und im Five Elephants in Berlin-Mitte wurden draußen die Holzklappstühle durch eine lange Bank und ein paar Hocker ersetzt.

Ganz früher, in den Kaffeehäusern, saß man auch schon hart, auf zierlichen Holzstühlen, Kaffeehausstühlen eben, an Tischen, die so dicht nebeneinanderstanden, dass die Kundschaft von einem Tisch zum nächsten plaudern konnte. Nach dem Krieg sehnte sich der Deutsche nach Plüsch und Polster im Oma-Café, das damals noch nicht so hieß. Dieses Café, oft angeschlossen an eine Konditorei, wie übrigens auch das Kranzler, war eine Art Abbild des heimischen Wohnzimmers, das man ja nur zu Festtagen richtig nutzte. Ähnlich weich saß man später in den Studentencafés, und als nach dem Mauerfall die Cafés im Osten Berlins dem Rest der Republik vormachten, wie ein Café auszusehen hatte, standen dort alte, ausrangierte Sofas rum. Es waren immer noch Wohnzimmer, nur eben jetzt WG-Wohnzimmer. Und auch noch im Starbucks der nuller Jahre standen: große Sessel. Das waren die Cafés der Generation Milchschaum, über die sich alle lustig machten, weil sie als so verwöhnt und arbeitsscheu galt.

Nun aber, in diesem Jahrzehnt, befinden wir uns im Zeitalter der gehobenen Kaffeekultur. Es gibt Einzelsitze statt Sitzgruppen. Statt eines Plauschs auf Plüsch ein paar Kurznachrichten ohne Rückenlehne.

Im Kaffeehaus des 19. Jahrhunderts wollte der Gast andere Gäste treffen, im Oma-Café, Studi-Café und sogar noch im Starbucks-artigen Café wollte er es sich gemütlich machen. Im Third Wave Café will er zügig seinen perfekten Kaffee einnehmen. Als ein Aufputschmittel, das ihn noch konzentrierter arbeiten lässt. Das Third Wave Café gleicht nicht mehr dem Wohnzimmer, es gleicht dem Großraumbüro. Coworking Space und Third Wave Café sehen praktisch identisch aus. Beim Nichtstun und Fläzen will sich niemand mehr sehen lassen.

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Da wird dann schon mal geschaut, wem man auf WhatsApp schon ewig nicht mehr geschrieben hat. Nicht, um mit demjenigen plötzlich wieder Kontakt auzunehmen (Gott bewahre!), sondern nur, damit man keinen Grund hat, vom Display aufschauen zu müssen; da könnte man ja mal anderen Menschen begegnen (gruselige Vorstellung!).

Umso angenehmer die Abwechslung, als ich mit einem Bekannten in Wien war, und wir uns dort in ein Kaffeehaus gesetzt haben (Schwarzenberg, wenn das ein Einheimischer kennt). Gemütliche Stühle (zwar keine Sessel, aber doch schön gepolstert), hervorragender Kaffee (ganz ohne Pumpkin Spice Glitter Unicorn Special Easter Flavor) und ein Kellner, dem man auch abgenommen hat, dass es ihm dort Spaß macht.