© Carissa Gallo

Chris Kraus "Eine Zone von Lust und Schmerz"

Sie schrieb die Vorlage für "I Love Dick", eine der aufregendsten TV-Serien der letzten Zeit. Ein Gespräch mit der Schriftstellerin Chris Kraus. Von
ZEITmagazin Nr. 41/2017

Wahrscheinlich war niemand so überrascht von ihrem Erfolg wie sie selbst: Chris Kraus, 62, versuchte sich erst erfolglos als Schauspielerin, scheiterte dann als Filmemacherin, haderte mit ihrem Leben an der Seite eines angesehenen Intellektuellen und veröffentlicht seit 20 Jahren in ihrem eigenen Verlag Bücher, die lange Zeit kaum jemand las. Ihre Bücher sperren sich gegen jedes Genre, sind romanhaft und autobiografisch, lustig und essayistisch zugleich. Als vor ein paar Jahren ihr erstes Buch mit dem lustig-anzüglichen Titel I Love Dick in einem kommerziellen Verlag neu aufgelegt wurde, avancierte es zum Lieblingsbuch der jungen amerikanischen Feministinnen wie Lena Dunham und Sheila Heti. Unter dem Hashtag #ILoveDick kursierten die besten Zitate, 2016 wurde das Buch als Serie von Amazon verfilmt, mit Kevin Bacon in einer Hauptrolle. In diesem Jahr ist ihr Buch auf Deutsch erschienen, für eine Lesung in Berlin ist Chris Kraus aus Los Angeles nach Deutschland gekommen. Eine zierliche, mädchenhafte Frau, die sich hinter ihren langen Haaren zu verstecken scheint und mit zarter Stimme spricht – ganz im Gegensatz zum Ton ihrer Bücher, der durchaus derb und direkt ist und den sie mal so beschrieb: "Ich versuche, die Wörter Kierkegaard und Fotze in einem Satz zu verwenden."

ZEITmagazin: Frau Kraus, Ihre Bücher sind vor allem bei jungen Frauen erfolgreich. Warum, glauben Sie, ist das so?

Chris Kraus: Ich schildere in I Love Dick und in meinen anderen Büchern ja, was Chris Kraus als junge Frau in ihren Zwanzigern und Dreißigern erlebt: Sie hat eine miese Wohnung, miese Freunde, miese Jobs, nichts, was sie sich vornimmt, funktioniert. Ich glaube, damit können sich viele junge Frauen heute immer noch identifizieren.

ZEITmagazin: Ihr erstes Buch I Love Dick, das in den USA neu entdeckt und gefeiert wird, haben Sie schon vor 20 Jahren geschrieben. Hatten Sie an einen Erfolg als Schriftstellerin überhaupt noch geglaubt?

Kraus: Nein. Bei meinem dritten Buch war ich einmal kurz davor, mit einem Verlag einen Vertrag abzuschließen, aber als auch das scheiterte, habe ich aufgegeben.

ZEITmagazin: Bei Lesungen in den USA werden Sie jetzt von jungen Frauen um Rat gebeten – was möchten die von Ihnen wissen?

Kraus: Oh, sie stellen mir alle möglichen Fragen! Zur Karriere, zu Liebesdingen, Was-soll-ich-mit-meinem-Leben-machen-Fragen ... Ich finde das amüsant und habe natürlich keine Antworten, aber meine Bücher scheinen eine Intimität zu schaffen, die den Frauen das Gefühl gibt, mit diesen Fragen bei mir an der richtigen Adresse zu sein. Doch ich denke, sobald man eine Frage in Worte fassen kann, ist das Problem schon halb gelöst – weil man immerhin schon weiß, worin es liegt.

ZEITmagazin: Wie waren Sie selbst als junge Frau?

Kraus: Ich würde mich als der Typ "ernsthafte junge Frau" beschreiben. Den kennt man, oder? Wenn man wie ich am College unterrichtet, begegnet man diesem Typ Frau dauernd. Es gibt Mädchen, die sind eher Babes, und dann gibt es die chaotischen, die mit ihren Gedanken immer woanders sind, sich unordentlich kleiden und so. Ich war eben eine ernsthafte junge Frau, die nicht wusste, wie man eine erfolgreiche junge Frau wird.

ZEITmagazin: Waren Sie schon als Kind ernsthaft?

Kraus: Ja. Bis ich 13 Jahre alt war, ging ich in den USA auf eine öffentliche Schule in einer Arbeiterstadt, dort war ich ein völliger Außenseiter. Es war wirklich furchtbar. Die Fächer wurden auf sehr niedrigem Niveau unterrichtet, Bücher kamen praktisch gar nicht vor. Es drehte sich eigentlich alles nur um Cliquen, Kleidung und den ganzen Kram. Ich fühlte mich ausgeschlossen, war unbeliebt, und irgendwann ging ich einfach nicht mehr zur Schule. Stattdessen fuhr ich per Anhalter nach New Haven und besuchte die Veranstaltungen und Demonstrationen der Yale-Studenten. Ich habe den Ort, an dem ich aufwuchs, gehasst. Als ich 13 war, zogen meine Eltern mit meiner Schwester und mir nach Neuseeland. Für mich war das genau der richtige Zeitpunkt.

ZEITmagazin: Nach der Schule arbeiteten Sie dort erst als Journalistin und gingen dann zurück in die USA, nach New York. Warum?

Kraus: Ich wollte dort Schauspiel studieren. Theater und Film waren für mich Schönheit und Perfektion. Aber ich hätte alles an mir ändern müssen, um als Schauspielerin erfolgreich zu sein. Meine Körperhaltung stimmte nicht, meine Zähne waren schief, alles an mir war falsch. Irgendwann nahm mich meine Lehrerin zur Seite und sagte: "Ich glaube nicht, dass das wirklich das Richtige für dich ist." Das war hart. Und gut. Ich wäre sicher als Schauspielerin mit den Zurückweisungen bei den Vorsprechen nicht klargekommen. Und ohne Vorsprechen bekommt man keine Jobs.

ZEITmagazin: Sie begannen stattdessen, Filme zu machen. Worum ging es in Ihren Filmen?

Kraus: In meinem ersten Film ging es um den Unterschied zwischen Erinnerung und Nostalgie. Eine Freundin von mir, die Philosophin war, schrieb einen Essay über diesen Unterschied, dessen Sätze als Schrift Bestandteil des Films sind, dazu bebilderte ich den Inhalt des Essays mit Freunden von mir als Darstellern. Am Schluss spielten wir noch einen Teil aus King Lear in Kostümen.

ZEITmagazin: Das klingt nicht gerade nach Mainstream-Kino ...

Kraus: Ich gebe zu: Für die Zuschauer war das verwirrend. Ich habe wohl versucht, Godards mittlere Schaffensphase zu imitieren, aber das hat niemand so recht verstanden. Experimentelle Filmemacher fanden meine Filme zu schmutzig, die Punk-Filmemacher aus dem East Village fanden sie zu konzeptionell. Sagen wir es so: Es war eine Art Punk-Konzeptionalismus, dessen Zeit noch nicht gekommen war. Trotzdem habe ich sieben oder acht solcher Kurzfilme gemacht und dann schließlich einen Spielfilm, von dem ich hoffte, dass er meine Eintrittskarte in eine mainstreamigere, zukunftsfähige Filmkarriere sein würde. Aber das klappte leider auch nicht.

ZEITmagazin: In I Love Dick beschreiben Sie Ihr Scheitern als Filmemacherin ziemlich schonungslos. Wovon lebten Sie in all den Jahren?

Kraus: Ich habe alle möglichen Jobs gemacht. Fahrradkurier, Korrekturleserin, ich habe im Sekretariat eines Anwalts gearbeitet ...

Kommentare

7 Kommentare Kommentieren