Erstes Date Sofa, so nah

© Henriette Artz
Es gibt gute Orte, wo ein erstes Date stattfinden kann. Und einen schlechten Ort. Von
ZEITmagazin Nr. 41/2017

Das Erwachsensein bringt viel Gutes mit sich. Zum Beispiel habe ich eine eigene Wohnung mit einzelnen, durch Türen voneinander getrennten Zimmern. Ich kann Menschen zu mir nach Hause zum Essen einladen, ohne dass sie sich auf mein Bett oder mein Sofa setzen müssen.

Ich bin offenbar nicht der Einzige, der um diese Vorzüge weiß: Gibt man auf Google die Worte "Date und Sofa" ein, lautet einer der ersten Einträge: "Why You Should Never Accept Sofa Dates". Ich konnte neulich einen Mann, einen Studenten Mitte zwanzig, im Haus gegenüber beobachten, der es mittlerweile wahrscheinlich genauso sieht. Er hatte eine Frau zu sich eingeladen, eine Kerze brannte. Es handelte sich ganz offensichtlich um ein Date. Das Problem war nur: Er lebt in einer WG, in seinem Zimmer stehen ausschließlich ein Bett, ein Schrank und ein Sofa. Wie das in WG-Zimmern nun mal üblich ist. Und weil sowohl ein Bett als auch ein Schrank auf unterschiedliche Arten ungeeignet sind für Verabredungen mit weitgehend fremden Menschen, blieb dem jungen Mann nur sein Sofa.

Während das klassische Date von Schauplatzwechseln lebt (der Kuss an der Ampel auf dem Weg von der zweiten in die dritte Bar), ist das Date auf dem Sofa eher ein Kammerspiel. Die junge Frau nahm zu Beginn des Abends auf dem Sofa Platz, während mein Nachbar sich vor ihr auf einen kleinen Holzhocker setzte. Eine höfliche Geste, die wahrscheinlich für Entspannung sorgen sollte, aber natürlich das genaue Gegenteil bewirkte: Die Frau war ja nicht zur Psychoanalyse erschienen.

Eine gute Stunde später hatte mein Nachbar sein Sofa in ein informelles Restaurant verwandelt. Die Frau und er saßen nebeneinander, zwischen ihnen auf dem Sofa ein Teller mit Pizza, auf dem Boden zu seinen Füßen eine Flasche Rotwein. Nach dem Essen setzte er sich nicht mehr zurück auf den Hocker, sondern blieb auf dem Sofa sitzen.

Jetzt, wo der Teller weg war und die beiden nicht mehr wussten, wohin mit ihren Armen und Beinen, sah es besonders grotesk aus – das Sofa war viel zu klein. Das Bild, das die beiden abgaben, hätte gut als Kinoposter für eine romantische Komödie getaugt: zwei junge Großstädter, verkrampft auf einem winzigen, alten Sofa. In der Phase des Lebens, in der man ein gutes Sofa am nötigsten hätte, fehlt das Geld, sich eines zu kaufen.

Sie tranken, was bestimmt eine gute Idee war. Als ich wenig später nochmals kurz aus dem Fenster sah, kniete mein Nachbar am Boden vor dem Sofa, eine Küchenrolle in den Händen, und versuchte, den Inhalt der Weinflasche aufzuwischen, die er wahrscheinlich aus Nervosität umgekippt hatte.

Das Letzte, was ich von den beiden sah, war, dass er seinen Arm um sie gelegt hatte. Die Pegelunterschiede hatten vermutlich zu verschieden starken Bedürfnissen nach Nähe geführt, denn sie starrte einfach nur geradewegs aus dem Fenster. Ein Sofa der zwei Geschwindigkeiten.

Vielleicht hatten sie am Ende doch noch zueinandergefunden. Gegen Mitternacht waren die Vorhänge zugezogen. Vielleicht war sie auch einfach gegangen.

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