Stil Was ist ein Kopftuch?

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 41/2017

Ein Kopftuch ist das allereinfachste Kleidungsstück – und gleichzeitig der Beweis dafür, dass an Kleidungsstücken überhaupt nichts einfach ist. So ist in letzter Zeit viel über das Kopftuch in der Öffentlichkeit diskutiert worden. Einige Arbeitgeber verbieten es generell, und in etlichen Bundesländern ist es Lehrkräften untersagt, im Unterricht ein Kopftuch zu tragen.

Wobei das verhüllende Kopftuch keineswegs nur Sache der Muslime ist. Im Mittelalter (und in manchen Regionen bis in die Neuzeit) war es für katholische Frauen selbstverständlich, ihre Haare zu verbergen. Und für Ordensschwestern gilt dies immer noch.

Wie aussagekräftig das Kopftuch ist, konnte man jüngst am Kleidungsstil von Melania Trump erkennen. Als sie mit ihrem Ehemann die saudischen Prinzen besuchte, tat sie dies mit selbstbewusst wallenden Haaren. Wenig später war sie zu Gast im Vatikan – und trug bei der Papstaudienz einen schwarzen Spitzenschleier zum hochgeschlossenen Mantelkleid. Hätte sie sich vor den Saudis verhüllt, wäre ihr das womöglich als Verrat westlicher Ideale ausgelegt worden. Aber vor dem Heiligen Vater hielt die katholische First Lady eine respektvolle Kopfbedeckung offensichtlich für selbstverständlich.

Bei MSGM, bei Balenciaga, Céline und Gucci waren jetzt auf dem Laufsteg alle möglichen Arten von Kopftüchern zu sehen: bunt gemustert und leuchtend petrolfarben, mal aus Leder und mal unter einem Strohhut getragen. Aber bei einem Kopftuch geht es weniger um die Frage, aus welchem Material es ist, als darum, wie es gemeint ist: als Hommage an Jackie O.? Als religiöse Geste? Nur ganz selten wird Letzteres auf den Modeschauen deutlich, etwa bei dem kenianischen Model Halima Aden, die als gläubige Muslimin stets mit Kopftuch über den Laufsteg geht. Von manchen wird dies als Geste der Selbstbestimmung gesehen, von anderen als Symbol der Unterdrückung der Frau.

Tatsächlich ist ein Kopftuch stets besser im Kontext als losgelöst symbolisch zu verstehen. So kann es ein Gefühl von Freiheit ausdrücken, wenn man es beim Cabriofahren trägt. Es kann für Unterdrückung stehen, wenn es Frauen von Männern aufgezwungen wird. Ein Kopftuch kann auch etwas sehr Intimes sein – eine wärmende, schützende Sphäre, die eine Frau umgibt. Es kann ein Mittel sein, sich Blicken zu entziehen, denen man sich sonst ausliefern müsste.

So zeigt die Kopftuchdebatte vor allem eines: wie sehr sich die Vorstellung festgesetzt hat, dass der Frau ihr Äußeres nicht wirklich selbst gehört. Denn vor allem ist es Sache der Trägerin, wie sie ihr Kopftuch verstanden wissen will.

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