Kunstwerke Bei Künstlern überm Sofa

Was haben Menschen an der Wand hängen, die sich den ganzen Tag lang mit Kunst beschäftigen? Von
ZEITmagazin Nr. 41/2017

Anselm Reyle

© Robbie Lawrence

Wenn ich im Atelier bin, komme ich eigentlich nicht dazu, mich aufs Sofa zu setzen. Das Sofa, das hier in meinem Büro steht, hat eher eine skulpturale Funktion und war Teil einer Ausstellung in einer Berliner Galerie. Für die Ausstellung habe ich Sofas bei eBay gekauft, die ich seltsam, aber auch faszinierend fand. Ich habe sie neu bezogen und lackiert und zusammen mit meiner Malerei präsentiert.  Ich wollte diese Trennung zwischen klassischer Kunst und dekorativem Design aufheben und mit diesem No-Go aufräumen: Viele glauben, wer Kunst danach aussucht, ob sie zum Sofa passt, ist ein Banause. Aber ich finde das absolut in Ordnung. Alles andere wäre unehrlich. Das Gemälde, das über meinem Sofa hängt, ist eine Kopie von Sandro Botticellis Primavera. Ich habe es vor Jahren, mit viel Überzeugungskraft, einer Straßenkünstlerin vor der Tate Modern in London abgekauft.

Roni Horn

© Roni Horn/Bild Louise Bourgeois/VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Das Sofa steht in der Bibliothek meines New Yorker Studios. Es ist ein italienisches Ledersofa, das ich in einem kleinen Geschäft in Soho gekauft habe. Ich komme vor allem hierher, um zu lesen, zu schreiben oder um an langen Arbeitstagen ein Nickerchen zu machen. Die Kunst auf den weißen Regalen zeigt einen Teil meiner Sammlung und wechselt immer mal wieder.

Die Schwarz-Weiß-Fotografie von Diane Arbus mit den beiden Zwillingen habe ich vor fünf Jahren gekauft und mir damit einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Das Foto hing nämlich früher als Postkarte in meinem Kinderzimmer, und ich sah als Mädchen aus wie die beiden. Die Zeichnungen in der obersten Reihe sind von Louise Bourgeois. Ich verehrte sie sehr. Sie hat auch in New York gelebt. Ein paarmal bin ich ihr begegnet. Meine eigenen Arbeiten würde ich nie aufhängen. Das wäre zu intensiv. Die sind ja wie Spiegel.

David Lamelas

© Damien Maloney

In Hollywood kann es heiß werden. Dann lege ich mich nachmittags auf mein Sofa, stelle den Ventilator an und entspanne. Streng genommen ist es ja kein richtiges Sofa, sondern ein Tagesbett. Und mein Hutständer. Ich liebe Hüte. Das linke Bild an der Wand ist von mir und ein wichtiges Erinnerungsstück. Es heißt East Berlin May 1 und ist nach meiner ersten Berlinreise 1974 entstanden. Ich habe damals meinen Freund, den belgischen Künstler Marcel Broodthaers, besucht, der in Berlin ein DAAD-Stipendium hatte. An einem Nachmittag bin ich mit seiner Tochter nach Ost-Berlin gefahren. Es war der Erste Mai, Tag der Arbeit, und alle feierten auf den Straßen. Alles sah so anders aus. Wie in einer Fantasiewelt. Die Bilder haben mich nie wieder losgelassen. Ich erinnere mich noch, wie die Menschen uns angesehen haben. In unserer Kleidung aus London sahen wir aus wie Außerirdische.

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